Ausgabe 02/2026
Musik

Engin: Sag mir Almanya
Wäre man böse, könnte man sagen: Das Album Sag mir Almanya ist eine Mogelpackung. Denn im Titelsong des dritten Longplayers der Band, die seinen Vornamen trägt, beschreibt Engin Devekiran zwar explizit seinen deutsch-türkischen Gefühlszwiespalt – er besingt ein Land, auf dem Schnee weiß wie Ayran liegt, und er fragt: "Wer willst du sein, wenn der Volkskörper tanzt?" Die restlichen Songs aber thematisieren nicht mehr ausdrücklich das Aufwachsen und Leben zwischen den Kulturen, sondern behandeln es als selbstverständliche Normalität. Beständig wechselt Devekiran zwischen den Sprachen, singt auf Türkisch vom funkelnden Grau des Asphalts, auf Deutsch vom Rausch des Unterwegsseins – und in beiden Sprachen von der heilenden Kraft der Liebe. Dazu spielt die Band aus Mannheim eine exakt gesetzte Rockmusik. Die baut auf dem deutschen Indie-Rock, den das Trio auf seinem Debütalbum Nacht (2023) spielte, aber auch sehr viel gelernt hat von den Anadolu-Rock-Klassikern, die sie für ihr zweites Album Mesafeler (2024) coverten. Sag mir Almanya ist nun die logische Synthese aus diesen beiden Musiktraditionen – und Engin die erste wirklich deutsch-türkische Rockband dieses Landes. Thomas Winkler
Engin/Recordjet

Arielle Besson & Lionel Suarez: Blossom
Schon die Besetzung ist ungewöhnlich und recht klein. Trompeterin Arielle Besson musiziert gemeinsam mit ihrem langjährigen Partner, dem Akkordeonisten Lionel Suarez. Trotzdem klingt das Duo bisweilen überraschend orchestral. Nicht zuletzt verdankt sich diese Qualität der reichen französischen Akkordeon-Tradition mit zahlreichen virtuosen Musikern, deren Neuerungen seit den 1920er Jahren insbesondere den für Frankreich so typischen Musette-Walzer geprägt haben. Die Trompeterin und der Akkordeonist verstehen sich bestens auf Techniken der Jazz-Improvisation, doch im Mittelpunkt ihres abwechslungsreichen Albums stehen intime kammermusikalische und niemals schrille Dialoge jenseits des Mainstreams. Stattdessen gibt's neben Eigenkompositionen Ausflüge in Chanson, Tango und Stücke aus der Feder von Carla Bley und Pat Metheny. Auch im Programm: die Ballade Answer Me, berühmt unter anderem durch die klassische Version von Nat King Cole und die hinreißende Konzertzugabe des Pianisten Keith Jarrett. Besson und Suarez machen daraus ein zu Herzen gehendes poetisches Highlight. Peter Rixen
Papillon Jaune/Broken Silence

The Notwist: News From Planet Zombie
Wenn man ehrlich ist, kann man dem Englisch von Markus Acher immer noch seine deutsche Herkunft anhören. Was schon erstaunlich ist, nicht nur weil The Notwist, die Band, deren Nukleus Acher und sein Bruder Micha seit knapp vier Jahrzehnten bilden, immer bei englischen Texten geblieben sind. Sondern auch, weil The Notwist in dieser Zeit mit ihrem melancholisch vibrierenden Indie-Rock auch zur internationalen Marke geworden sind. Den demonstriert die Münchner Band auch auf ihrem ersten Album seit fünf Jahren. Wieder mal lassen sich The Notwist gar nicht aus der Ruhe bringen. Sie schichten flirrende Gitarren über wundersam entspannte Beats, und Markus Acher singt die schönsten Melodien mit nahezu unbewegter Stimme, egal ob die Musik folkig träumt wie in How We Used To Be oder aggressiv abhebt wie in X-Ray. Dass der Titel des Albums News From Planet Zombie klingt wie ein billiger Horrorfilm, wollen die Achers programmatisch verstanden wissen: Die Songs erzählen von den Ängsten, die wir alle fühlen in einer Welt, die von James-Bond-Schurken beherrscht scheint. Da beruhigt selbst das berühmte stoische Tuckern von Notwist-Songs nur be dingt. Thomas Winkler
Morr Music/Indigo