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Illustration: Linda Lee Wölfel

Nehmen wir mich. Als Kind wurde ich schwer krank. Krebs. Monate verbrachte ich im Krankenhaus: Chemo, Operationen, Medikamente. Die Behandlung kostete mehr als hunderttausend Euro – bezahlt von der gesetzlichen Krankenversicherung. Ohne sie hätten meine Eltern die Therapie niemals finanzieren können.

Während dieser Zeit konnten meine Eltern oft nicht arbeiten. Sie waren bei mir im Krankenhaus, organisierten den Alltag, kümmerten sich um alles. Auch in solchen Situationen greift der Sozialstaat – etwa über Lohnfortzahlung, Krankengeld oder andere Unterstützungen, die Familien in Ausnahmesituationen entlasten.

Später ging ich in eine öffentliche Schule. Meine Lehrerin wurde aus Steuermitteln bezahlt. Nach dem Abitur studierte ich an einer öffentlichen Universität. BAföG half mir, mein Studium zu finanzieren. Und später: Wenn ich einmal in Rente gehe, bekomme ich eine gesetzliche Rente – finanziert aus den Beiträgen der Beschäftigten.

Viele dieser Dinge wirken selbstverständlich. Aber sie gehören zum selben System: dem Sozialstaat. Und genau dieses System steht politisch immer wieder unter Beschuss.

Fast schon wie ein politisches Ritual kommt alle paar Jahre jemand um die Ecke und warnt, der Sozialstaat sei zu teuer. Vor allem aus dem konservativ-liberalen Spektrum kommt regelmäßig Kritik an seiner Größe. So erklärte Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) mehrfach: "Der Sozialstaat, wie wir ihn heute haben, ist mit dem, was wir volkswirtschaftlich leisten, nicht mehr finanzierbar." Auch Politiker der FDP fordern immer wieder Kürzungen oder strengere Regeln, etwa beim Bürgergeld, das inzwischen Grundsicherung heißt und geschliffen wurde. Wirtschafts- und Arbeitgeberverbände argumentieren zudem, steigende Sozialabgaben belasteten Unternehmen und Beschäftigte zu stark.

Stimmt so aber nicht. Das Grundprinzip des Sozialstaats ist einfach: Risiken werden gemeinsam getragen. Beschäftigte zahlen Beiträge in die Sozialversicherungen ein – etwa in die Renten-, Kranken-⁠, Pflege- oder Arbeitslosenversicherung. Wer krank wird, den Job verliert oder im Alter Unterstützung braucht, erhält Leistungen aus diesem System.

Anders als es Merz und Wirtschaftslobbyisten anmuten lassen, sind das keine Almosen, sondern ein gesellschaftlicher Vertrag. Zudem zeigen auch Studien ein anderes Bild. Nach Berechnungen des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung ist der Anstieg der Sozialausgaben in Deutschland im internationalen Vergleich nämlich relativ moderat. Gleichzeitig wächst die soziale Ungleichheit – und viele Menschen empfinden ihre wirtschaftliche Situation als unsicherer. Mit der Kampagne "Stabil bleiben – sozial gestalten" setzt ver.di dieser Debatte gezielt etwas entgegen – und widerspricht den Erzählungen vom angeblich 'aufgeblähten Sozialstaat' mit konkreten Fakten und Forderungen.

Bündnis für einen starken Sozialstaat

Während also manche vor Ideenlosigkeit strotzende Kürzungsprogramme entwerfen, arbeitet ver.di gemeinsam mit Sozialverbänden und zivilgesellschaftlichen Organisationen an konkreten Vorschlägen für einen starken Sozialstaat der Zukunft. Im März 2026 haben sich 14 Organisationen mit zusammen über 20 Millionen Mitgliedern zu einem Bündnis für einen starken Sozialstaat zusammengeschlossen. Dazu gehören neben ver.di unter anderem der Sozialverband VdK, der Deutsche Caritasverband und Umweltver- bände wie der BUND. Ihr gemeinsamer Ausgangspunkt: Der Sozialstaat ist kein Kostenfaktor, sondern eine Grundlage für demokratische Stabilität, wirtschaftliche Teilhabe und sozialen Frieden. Für den ver.di-Vorsitzenden Frank Werneke ist deshalb klar, dass die aktuelle Debatte am Kern der Sache vorbeigeht. "Der Sozialstaat ist kein Luxus. Er ist eine Voraussetzung für wirtschaftliche Stabilität und für den sozialen Zusammenhalt in unserem Land", sagt Werneke.

Entscheidend sei nicht, ob Deutschland sich den Sozialstaat leisten könne. Als eines der reichsten Länder der Welt habe das Land die nötigen Mittel – sie müssten nur gerechter verteilt werden. Höhere Einkommen, große Vermögen und Erbschaften sollten stärker zur Finanzierung des Gemeinwesens beitragen, während kleine und mittlere Einkommen entlastet werden müssten. Zweitens brauche es eine starke öffentliche Infrastruktur. Viele Menschen erleben den Staat vor allem in ihren Kommunen – etwa in Kitas, Krankenhäusern, im Nahverkehr oder in sozialen Einrichtungen. Sind diese Bereiche unterfinanziert, leidet das Vertrauen in staatliche Handlungsfähigkeit.

Und drittens müsse der Sozialstaat den Wandel der Arbeitswelt aktiv begleiten. Digitalisierung, Klimaschutz und wirtschaftliche Transformation werden viele Branchen verändern. Damit Beschäftigte diesen Wandel mittragen können, braucht es sichere Übergänge, eine gute Arbeitslosenversicherung, Weiterbildung und starke Tarifbindung. Diese Vorschläge weisen in die Zukunft. Denn wer Sicherheit gibt, schafft Vertrauen, Teilhabe und soziale Gerechtigkeit. Die Frage ist deshalb nicht, ob wir uns den Sozialstaat leisten können. Sondern ob wir es uns leisten können, auf ihn zu verzichten.

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