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Foto: Elliott Kreyenberg/zeroone film GmbH

Ingeborg Bachmann – Jemand, der einmal ich war

Wie Ingeborg Bachmann heute wohl auf die jungen Frauen der Gen Z blicken würde? Wie sie unerschrocken und identitätsoffen die Gewalt gegen Frauen zum Thema machen; diesen anschwellenden Geschlechterkampf, den schon die österreichische Lyrikerin aufgerieben und in Sucht und Depression getrieben hatte.

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Umgekehrt wüsste Ingeborg Bachmann sicherlich gern, wie ihr Werk und ihr persönliches Ringen jetzt, 100 Jahre nach ihrer Geburt, betrachtet würden. Wäre sie Heldin oder eher ein Opfer, das den Kampf verlor, weil sie sich unmöglich zwischen Gefühl und Intellekt entscheiden mochte? Wäre das überhaupt von Bedeutung für sie, der nichts mehr am Herzen lag als eine Sprache zu finden für den "Prozess eines Ichs"? Denn nur darum – so sagt sie in einem Interview – ging es für sie beim Schreiben von Lyrik oder Prosa, und nicht um "Peinlichkeiten wie Anekdoten oder Geschichten".

Regina Schillings Dokumentarfilm bildet diesen Ich-Prozess einer der bedeutendsten Schriftstellerinnen der Nachkriegszeit ab, indem sie sich auf literarische und persönliche Spurensuche begibt. Der Film blickt dabei auch auf die Männer, die ihr die Liebe verunmöglicht haben. Etwa auf ihre tiefe, intellektuelle Beziehung mit Paul Celan, der aber nun homosexuell war. "Mein Körper war beleidigt", beschrieb Bachmann ihre Qualen.

Regisseurin Schilling findet in Archiven wunderbar erhellende Fernsehinterviews und Magazinbeiträge der frühen 60er und 70er Jahre. Schulfreundinnen äußern sich über Ingeborgs Kindheit zwischen Büchern, Zetteln und Gedichten, die sie mit zehn begonnen hatte zu schreiben. Ein besonders aufschlussreicher Clip zeigt eine Lesung Gisela Elsners vor der Gruppe 47. Bei der anschließenden kritischen Zerfleischung der Autorin sticht besonders der junge Reich-Ranicki als aufmerksamkeitsheischend und frauenfeindlich hervor, nur Hans-Magnus Enzensberger blinzelt peinlich berührt. Neben ihm sitzt Walter Jens, den wir in einem anderen Ausschnitt als Belanglosigkeiten äußernden Moderator der Sendung "Handwerk des Lesens" sehen; eine weitere Selbstdemontage eines angesehenen Rhetorikers durch seine absurde Selbstgefälligkeit.

Diese Erinnerungsfahrten durch Bachmanns Leben werden getragen von Spielszenen mit Sandra Hüller, deren Gesicht zur zweiten Leinwand wird. Mal ist sie Bachmann, wie sie ketterauchend auf der Terrasse ihren Gedanken nachhängt. Wie sie Blumen gießt, bis eine Panikattacke sie am Boden niederstreckt. Dann wieder ist Sandra Hüller sie selbst, wie sie sich mit dem Drehort vertraut macht, sich tanzend in die Figur hineinkleidet und uns zu Augenzeugen ihrer Schauspielkunst macht; dazu spricht sie als Bachmann lesend oder erzählend aus dem Off, was der ganzen Doku eine zarte Textur verleiht, die zunehmend selbst literarische Qualität annimmt.

Jenny Mansch

D/AT 2026. R: REGINA SCHILLING. D: SANDRA HÜLLER, INGEBORG BACHMANN, MAX FRISCH, PAUL CELAN, HANS WERNER HENZE. L:95 MIN., KINOSTART 25.6.2026, ZUM 100. GEBURTSTAG VON INGEBORG BACHMANN

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Good Boy: Wir wollen nur dein Bestes

Ganove, Chefkoch, Schläger: In vielen Rollen hat sich der wandelbare Brite Stephen Graham in die erste Liga gespielt. In Good Boy, dem neuen Film des polnischen Regisseurs Jan Komasa, stellt er – ähnlich wie in der Miniserie Adolescence – einen Vater dar, der es zwar gut meint mit der Jugend, aber nicht gut macht. In Good Boy allerdings ist der nicht mal willens, dazuzulernen, sondern lebt mit Frau und Sohn in seiner eigenen Welt. Ihm läuft nächtens der 19-jährige Influencer Tommy in die Arme, der sich entfesselt durch die Nächte säuft, Drogen nimmt und seine Freundin schlecht behandelt. Ein Teenager außer Kontrolle. Der findet sich verkatert im Keller von Chris' Familie wieder, angekettet wie ein Tier, wo ihn die Familie mit Filmen von Ken Loach und diversen Literaturklassikern moralisch zu bändigen versucht. Das erinnert selbstbewusst an A Clockwerk Orange, doch anders als in Kubricks Filmklassiker scheint die Umerziehung des Teenies zu klappen, worüber man sich aber nicht recht freuen mag. Graham spielt Chris in diesem Mystery-Thriller als freundlich-sadistischen Psychopathen in einem Haus des Horrors, in dem die Dämonen von Verlust, Prekariat und dem diffusen Wunsch nach Erlösung auch Mutter und Sohn erfasst haben. Jenny Mansch

POL/UK 2026. R: JAN KOMASA. D: STEPHEN GRAHAM, ANDREA RISEBOROUGH, ANSON BOON UA. L: 110 MIN., KINOSTART: 4.6.26

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Was haben wir gelacht

"Tutti Frutti hat den Hugo beschädigt", sagt Hella von Sinnen über ihren Show-Partner aus der 1988er Kultsendung "Alles nichts oder?!" Dort, erinnert sie in dieser Doku, habe Hugo Egon Baldur "weise und souverän mit der verrückten Frau an seiner Seite umzugehen gewusst", war dann aber als Moderator der geschmacklosen Brüste-Parade "Tutti Frutti" aus Italien unten durch gewesen – als Mann und als Komiker. Was damals keiner Frau leid tat, denn mit den Protagonistinnen dieses Films war Ende der 80er Jahre ein neuer Typ Comediénne am Horizont erschienen; Frauen, die weder als "Assistentin" der Showmaster noch als Sidekick von Komikern auftraten, sondern ganz allein für sich komisch waren. Maren Kroymann, Gaby Köster, Hella von Sinnen und Bettina Böttinger werden in diesem Dokufilm einzeln interviewt, bekommen aber zu hören und zu sehen, was ihre Kolleginnen zu diesem Gespräch beitragen und reagieren auch darauf, ebenso auf die Ausschnitte diverser Shows. Sie räsonnieren klug und komisch über weiblichen Witz, über das Gegrabsche von Gottschalk und wie sie mit Komik ohne Sexismus erfolgreich waren. Auch erkennen sie im Rückblick den ein oder anderen ihrer eigenen Scherze von früher als frauenfeindlich. Sehr erkenntnisreich! Jenny Mansch

DOKU 2026, R: EVA MÜLLER, ISABEL SCHNEIDER. MIT M. KROYMANN, H.VON SINNEN, B. BÖTTINGER, G. KÖSTER. L: 95 MIN. KINOSTART 15. JULI 26