Ausgabe 03/2026
Musik

Gidon Carmel & Kyle Morton: Joka
Wie erzählt man die Geschichte des größten Verbrechens der Menschheit? Vielleicht als Geschichte eines einzelnen Menschen, vielleicht als Geschichte von "Joka". Joka, die dem neuen Album von Gidon Carmel Titel und Thema gegeben hat, ist die Großmutter des aus Israel stammenden und in Berlin lebenden Singer-Songwriters. Joka wuchs auf im ungarischen Gyula, 1944 wurde sie nach Auschwitz deportiert, überlebte den Holocaust, wanderte aus nach Israel, gründete eine Familie, lebte ein volles Leben und starb 1978 – lange bevor ihr Enkel Gidon geboren wurde. Der fand im Keller der Eltern die Briefe der Oma, ihre selbst geschriebene Biografie und andere Dokumente – und goss schließlich mit dem befreundeten Musiker Kyle Morton von der Indie-Band Typhoon die rekonstruierte Lebensgeschichte von Joka in elf bewegende Songs. Es gibt Lieder, in denen sie selbst spricht, und andere, die sich an Jokas Bruder Robi richten, der in Auschwitz ermordet wurde, oder an die Mutter Gitta, die das Vernichtungslager überlebte. Die Musik ist dunkel, schwer, bisweilen irritierend, wenn hörspielartige Sounds eine weitere Dimension eröffnen. Aber sie packt, zieht den Zuhörer ins Leben eines Menschen, dessen Geschichte vor allem eins erzählt: dass das größte Verbrechen der Menschheit, so unfassbar es bleibt, an Menschen begangen wurde. Thomas Winkler
Popup Records

Ikkimel: Poppstar
Wer beim Wort Feminismus immer noch an lila Latzhosen und Alice Schwarzer denkt, der sollte automatisch eine Ikkimel-Kur verschrieben bekommen. Poppstar, das neue Album der Rapperin, das nur ein Jahr nach ihrem Debüt Fotze erscheint, prügelt noch den letzten Chauvinisten in die Moderne: Zu effektiven Bollerbeats reimt sich die 29-jährige Berlinerin durch eine Welt, in der Frauen ebenso aggressiv ihre Sexualität ausleben wie Männer – und dieser Akt als Befreiung verstanden wird. Facesitting feiert die sexuelle Selbstbestimmung und Schere die Vorzüge der lesbischen Liebe: "kein Schwanz, kein Drama." Den misogynen Kollegen aus dem Deutsch-Rap verpasst sie eine Breitseite mit Who's dat, und in Mami dreht sie die Geschlechterverhältnisse um und lässt den Mann nicht nur das Klo putzen. "Sie nennen mich Schlampe, ich nenn' mich Genie", rappt Ikkimel – und das ist provokant, aber auch wahnsinnig komisch. Und dermaßen irritierend, dass Alice Schwarzer die Musikerin zuerst verurteilte und nun in ihrer Zeitschrift "Emma" als "schlau und hochinteressant" adelte. Da war die Ikkimel-Kur doch schon erfolgreich.
Thomas Winkler
Four Music/Sony

L'Arpeggiata Christina Pluhar: La Torre del Oro
Sevillas Torre del Oro, der Goldturm, ist nicht nur ein Wahrzeichen des einstigen spanischen Weltreichs, sondern auch ein Symbol der interkulturellen Begegnungen zwischen alter und neuer Welt. Christina Pluhars international gefeiertes Ensemble L'Arpeggiata verbindet auf ungewöhnliche Weise Alte Musik – der Fachbegriff für Musik der Renaissance – und Barock-Ära – mit zeitgenössischen Elementen. Diesmal sind es Werke früher spanischer Komponisten sowie Liedformen und Rhythmen der Volksmusiktraditionen aus Venezuela, Mexiko, Argentinien und Chile. Im Ensemble erlebt man neben Renaissance-Instrumenten wie der Laute Theorbe, der Barock-Gitarre und dem Trompeten-Vorläufer Zink lateinamerikanische Klangwerkzeuge wie die venezolanische Cuatro-Gitarre, Harfe und Percussion. An dem Kunststück, die Grenzen zwischen früher Kunstmusik und populären Formen aufzuheben, haben nicht zuletzt die wunderbare chilenische Sängerin Luciana Mancini und der italienische Star-Altist Vincenzo Capezzuto großen Anteil. Und tanzbar sind eine Vielzahl der Stücke auch noch. Alles derart überzeugend dargeboten, als hätte es diese Art zu musizieren schon immer gegeben. Peter Rixen
CD, Warner Classics