Ausgabe 04/2026
Das Milliarden-Loch im Steuersystem
Deutschland beschreibt sein Wirtschaftssystem traditionell als Kombination aus freiem Markt und sozialer Absicherung. Der Staat soll Wettbewerb ermöglichen, aber auch soziale Sicherheit garantieren. Typische Elemente sind Sozialversicherungen, progressive Steuern, Tarifverträge mit Gewerkschaften und Mitbestimmung der Beschäftigten in Betrieben. Dieses Modell entstand nach dem Zweiten Weltkrieg als politischer Kompromiss zwischen Kapitalismus und sozialstaatlicher Regulierung.
Zu diesem Versprechen gehörte auch, dass starke Schultern mehr tragen. Doch eine tragende Säule fehlt: Die Vermögensteuer wird seit 1997 nicht mehr erhoben. Arbeit wird hoch besteuert, große Vermögen kaum.
Steuerlast auf Arbeit & Kapital
Die zentrale Frage lautet: Wie stark soll Wohlstand umverteilt werden? Kritische Stimmen argumentieren, dass sich das deutsche Steuersystem in den letzten Jahrzehnten verschoben hat: Arbeit wird stark steuerlich belastet, während große Vermögen und Kapitalerträge relativ mild besteuert werden.
Eine Studie von Oxfam, Netzwerk Steuergerechtigkeit und Momentum Institut (2024, mitgetragen von der ETH Zürich) zeigt: Milliardär*innen zahlen in Deutschland im Schnitt nur rund 26 Prozent effektive Steuern und Abgaben – Mittelstandsfamilien dagegen rund 43 Prozent.₁ Gleichzeitig zahlen Normalverdienende in der Spitze einen Grenzsteuersatz von 42 Prozent auf Arbeitseinkommen – Kapitalerträge dagegen werden pauschal mit nur 25 Prozent besteuert (Abgeltungsteuer).²
Lobbyisten und ihr Einfluss
Wirtschaftsverbände, Unternehmen und Lobbygruppen haben Einfluss auf Politik:
- Sie beraten Ministerien
- Sie schreiben Stellungnahmen zu Gesetzen
- Sie führen Gespräche mit Politiker*innen
- Sie finanzieren Studien und Kampagnen
Das ist Teil demokratischer Prozesse. Aber: Der Einfluss ist ungleich verteilt. Finanzstarke Wirtschaftsverbände haben systematisch mehr Ressourcen als zivilgesellschaftliche Gruppen.³ Seit 2022 gibt es zwar ein Lobbyregister des Bundestages, aber das hat Lücken.
Lobbygruppen haben: Geld für Kampagnen, direkte Drähte zur Politik und Deutungshoheit über die Debatte wie eben zum Thema Steuern. Außerdem tarnen sie sich – Namen wie "Bund der Steuerzahler" oder "Die Familienunternehmer" klingen mittelständisch und bürgernah. Doch laut dem Ökonom Stefan Bach vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) vertreten sie vor allem die Interessen von Vermögenden.
Seit 1997 auf Eis – die Vermögensteuer
Die Vermögensteuer wird in Deutschland seit 1997 nicht mehr erhoben. Der Grund liegt in einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts von 1995: Die Richter beanstandeten nicht die Steuer selbst, sondern ihre ungleiche Bemessung – Immobilien wurden mit veralteten, viel zu niedrigen Werten angesetzt, Geld- und Wertpapiervermögen dagegen voll. Das verstieß gegen den Gleichheitsgrundsatz. Das Gericht gab dem Gesetzgeber bis Ende 1996 Zeit, die Bewertung zu reformieren. Weil eine Reform ausblieb, lief die Steuer zum 1. Januar 1997 aus.
Abgeschafft wurde sie nie. Das Vermögensteuergesetz steht bis heute im Gesetzbuch, es wird nur nicht angewendet. Und seither fehlt in der Politik der Wille, sie wieder in Kraft zu setzen.
Woher kommt der Widerstand?
Viele Expert*innen sind sich einig: Höhere Steuern auf große Vermögen könnten dem Staat mehr Geld bringen, Finanzlöcher stopfen und die Steuerlast gerechter verteilen. Trotzdem passiert wenig. Warum? Ein Grund ist politischer Widerstand. Parteien sind sich uneinig, und viele lehnen höhere Steuern grundsätzlich ab, weil sie negative Effekte auf Investitionen befürchten. Ein weiterer starker Grund ist der Einfluss: Vermögende Personen, Unternehmen und Wirtschaftsverbände haben oft besseren Zugang und enge Kontakte zur Politik. Sie nehmen starken Einfluss und bremsen Reformen.
Hinzu kommt ein Argument, das häufig verwendet wird: Wenn Reiche stärker besteuert werden, könnten sie ihr Geld ins Ausland verlagern oder weniger investieren. Das ist tatsächlich unwahrscheinlich: Wer samt seinem Vermögen ins Ausland zieht, muss das mit einer 30-prozentigen Wegzugssteuer bezahlen. Und auch Betriebsverlagerungen müssen versteuert werden.
Wer trägt den Sozialstaat?
Die meisten Steuereinnahmen in Deutschland kommen nicht von großen Vermögen, sondern von Menschen, die arbeiten. Die sogenannte Mittelschicht zahlt den größten Teil. Und zwar zum einen durch ihren Konsum über die Umsatzsteuer (2025: 310,2 Mrd. Euro) und über die Lohnsteuer (262,7 Mrd. Euro).² Mit diesem Geld werden zentrale Dinge finanziert: Straßen, Schulen, Krankenhäuser, öffentlicher Nahverkehr.
Das bedeutet: Die breite Bevölkerung trägt einen großen Teil der Kosten für die Infrastruktur, während große Vermögen vergleichsweise wenig beitragen. Durch das Aussetzen der Vermögensteuer seit 1997 sind dem Staat laut Berechnungen bislang über 380 Milliarden Euro an Einnahmen entgangen. Das sind knapp 80 Prozent des Bundeshaushalts 2024!⁴
"Aber Reiche sind doch wichtig für die Wirtschaft?" Ja, das stimmt: Unternehmen, Investitionen und Kapital spielen eine wichtige Rolle für die Wirtschaft. Aber: Vermögen schafft nur dann wirtschaftlichen Nutzen, wenn es investiert wird. Ein großer Teil sehr hoher Vermögen liegt jedoch in Immobilien, Finanzanlagen und internationalen Investments. Das stärkt nicht unbedingt die lokale Wirtschaft und schafft auch keine Arbeitsplätze vor Ort.
Als superreich gelten in der Regel Personen, die über ein frei verfügbares Finanzvermögen (ohne Immobilien) von mehr als 100 Millionen US-Dollar verfügen.⁵
Die Forderung
ver.di und der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) fordern: eine Vermögensteuer von 1 Prozent ab einer Million Euro Vermögen, bis zu 2 Prozent bei mehr als einer Milliarde Euro.⁶
Darüber hinaus: Der Ökonom Gabriel Zucman schlug 2024 im Auftrag der G20 eine globale Mindeststeuer von 2 Prozent auf das Vermögen von Milliardär*innen vor. Weltweit könnten so jährlich rund 250 Milliarden US-Dollar eingenommen werden.⁷
Arbeit unter Druck
Ausgerechnet die Arbeit, die den Sozialstaat zum großen Teil trägt, bietet immer weniger Sicherheit. Feste, langfristige Jobs werden seltener: Ende 2023 wurde mehr als jede dritte Neueinstellung nur befristet abgeschlossen (37,8 Prozent).⁸
Zugleich erreichte die Teilzeitquote 2025 mit 39,9 Prozent einen Höchststand, während Vollzeitstellen zurückgehen.⁹
Damit gerät ein zentrales Versprechen der sozialen Marktwirtschaft unter Druck: dass Arbeit Sicherheit schafft und ein verlässliches Leben ermöglicht. Wer das System trägt, darf erwarten, dass sich auch große Vermögen daran beteiligen.
Andere Länder – andere Sitten
Die Schweiz erhebt eine Vermögensteuer von bis zu einem Prozent, Norwegen ein Prozent ab rund 150.000 Euro, Spanien 1,7 bis 3,5 Prozent auf Vermögen über drei Millionen Euro. Frankreich und Italien besteuern zumindest einzelne Anlageklassen wie Immobilien oder Finanzanlagen.
¹ Oxfam Deutschland / Netzwerk Steuergerechtigkeit / Momentum Institut: Superreiche (wieder) gerecht besteuern, April 2024 (Modellrechnung u. a. mit Isabel Martinez, ETH Zürich/KOF). Milliardär*innen rund 26 %, Mittelstandsfamilien rund 43 %.
² DIW Berlin – Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung: Abgeltungsteuer / Kapitalertragsteuer. Spitzensteuersatz auf Arbeitseinkommen: 42 % (Grenzsteuersatz ab 68.481 € zu versteuerndem Einkommen, Stand 2025).
³ LobbyControl e.V.: Lobbyreport 2024, März 2024.
⁴ Oxfam- / Netzwerk-Steuergerechtigkeit-Studie "Keine Angst vor Steuerflucht!" (Juli 2024). ⁵ Boston Consulting Group (BCG): Global Wealth Report 2024. Klassifikation "Ultra High Net Worth Individuals" (UHNWI.)
⁶ ver.di / DGB: Steuerkonzept zur Wiedereinführung der Vermögensteuer, 1 % auf Nettovermögen ab 1 Mio. € pro Person. Geschätzte Mehreinnahmen laut DGB: rund 28 Mrd. Euro jährlich.
⁷ Gabriel Zucman: A Blueprint for a Coordinated Minimum Effective Taxation Standard for Ultra-High-Net-Worth Individuals, im Auftrag der brasilianischen G20-Präsidentschaft, Juni 2024.
⁸ Eric Seils / Helge Emmler (WSI der Hans-Böckler-Stiftung): Befristete Einstellungen – In der Stagnation, WSI Policy Brief Nr. 85, Oktober 2024, auf Basis von Prozessdaten der Bundesagentur für Arbeit (4. Quartal 2023).
⁹ Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) der Bundesagentur für Arbeit: Ergebnisse der IAB-Arbeitszeitrechnung für das Jahr 2025, Pressemitteilung März 2026.