Ausgabe 04/2026
Auf dem rechten Auge blind

Staatsschutz
Ein junger Film verhandelt selbstbewusst die Frage, wie resilient unser Rechtsstaat gegenüber extremistischen Angriffen von außen und Unterwanderung von innen ist. Und er bringt die alte Idee des Marschs durch die Institutionen zurück in die Debatte um Widerstand und Demokratie-Erhalt. Staatsschutz ist nach dem autobiografischen Debüt Futur Drei der zweite Spielfilm des Deutsch-Iraners Faraz Shariat.

Im Zentrum seines spannenden Gerichtsthrillers steht Seyo Kim, eine junge Staatsanwältin mit koreanischen Wurzeln und Erfahrung mit Alltagsrassismus in einer mittleren deutschen Kleinstadt, in der sie lebt und arbeitet. Die Stadt bleibt namenslos, kann aber getrost in Ost wie West verortet werden. Sie ist überall dort, wo wieder diffamierende Gemeinheiten zwischen den Zähnen zischen und zu einem feindlichen Grundrauschen beitragen, das im Film seine Entsprechung in einem ausgefeilten Sounddesign findet.
Seyo Kim hat sich für die Staatsanwaltschaft entschieden, weil sie "mit staatlichen Mitteln um staatliche Autorität kämpfen" will, was sie schon bald in Lebensgefahr bringt. Unter einer Brücke wird sie erst vom Rad gedrängt, dann fliegen von oben zwei Molotow-Cocktails, ihre Jacke fängt Feuer. Auf der Anklagebank landet schließlich der Rechtsextreme Mirko, Seyo ist jetzt Nebenklägerin.
Als deutlich wird, dass der Oberstaatsanwalt die Ermittlungen manipuliert und die Vollzugsbeamten die Rechtsextremen im Saal duzen, wird Seyo sauer und Regisseur Shariat rüstet sie zur Kriegerin auf. In schwarzer Lederjacke, schwarzem Knight-Rider-Auto und einem Kill-Bill-Feeling ermittelt sie allein und ohne Rücksicht auf vulnerable Verbündete, denn sie ist sicher: Es gab Mittäter, und wie einst Jodie Foster in "Angeklagt" will sie die drankriegen.
Claudia Schäfer konnte sich für das Drehbuch auf die Co-Autorin Jee-Un Kim stützen, eine Referendarin bei der Berliner Staatsanwaltschaft. Bei ihren Recherchen traf sie Leiter von Staatsschutzabteilungen, für die SPDler Linksextreme sind, und auf misogyne Richter, die Anzeigen von Vergewaltigungen prinzipiell als Falschanzeigen abwimmeln. Auch deshalb hat Staatsschutz eine klare Botschaft: Unser Rechtsstaat wird von rechts angegriffen, und jede*r tut gut daran, sich dagegenzustellen. Zum Beispiel als Schöffe, als Gewerkschafter oder eben als Staatsanwältin.
Jenny Mansch
D 2026. R: FARAZ SHARIAT. D: CHEN EMILIE YAN, JULIA JENTSCH, ALEV IRMAK, ARND KLAWITTER U.A., 113. MIN., KINOSTART: 27.8.26
Der Klang der Stradivari
Musik kann Menschen zusammenschweißen. Mitunter herrscht aber auch Krieg in einer so kleinen Formation wie einem Streichquartett.

Jedenfalls erscheinen die Konflikte in diesem sublimen Drama, das vielsagende Einblicke in die Welt der Kammermusik gewährt, keineswegs aus der Luft gegriffen. George, Peter, Apolline und Lise, die vier Musiker*innen, sind kein festes Ensemble, vielmehr treffen sie sich für das einmalige Projekt, ein vorgegebenes klassisches Stück der Moderne auf vier weltberühmten Stradivari-Instrumenten einzustudieren. Die Proben dazu verlaufen nicht einmal unter Anwesenheit des Komponisten halbwegs harmonisch. Denn zu überwinden gilt es neben privaten Spannungen allerhand Überheblichkeiten und unterschiedliche Auffassungen zu Zeitgeist und beruflichem Ethos. Den hohen künstlerischen Anspruch des intimen Kammerspiels beglaubigen das eigens dafür geschriebene, faszinierende Stück von Grégoire Hetzel sowie der Glücksfall, dass Doppeltalente als Schauspieler und Musiker authentisch vor der Kamera agieren.
Kirsten Liese
F 2025. R: Grégory Magne, D: Mathieu Spinosi, Emma Ravier, Daniel Garlitsky, Marie Vialle. 102 Min., Kinostart: 6. August
Bärenjagen
"Kein schöner Land" in dieser Zeit. Mehrstimmig singen The Düsseldorf Düsterboys das alte Volkslied im Off, als Drucker Heinrich 1834 heimlich Georg Büchners Hessischen Landboten vervielfältigt und dessen Aufruf "Friede den Hütten, Krieg den Palästen!" zur Verbreitung an das darbende Volk weitergibt.

Büchner ist nach Diktat geflohen, Drucker Heinrich und sein Bruder, der geile Gustav, sind Herausgeber der Zeitung und Heinrich bald Opfer einer Polizeirazzia. Heimlich führt er auch eine Affäre mit der erwerbslosen Schauspielerin Minna, die nach Amerika auswandern will, um ihren Beruf ausüben zu dürfen. Aber Heinrich stöhnt nur: "Die Revolution braucht mich!" Wir befinden uns im Vormärz von 1848, die Bevölkerung hungert, und wenn sich nicht bald was ändert, blafft eine Bäuerin durch ihre Zahnlücken, "dann geht's hier aber ab!" Na, das kommt einem doch bekannt vor. Damit die Leute nicht auf revolutionäre Ideen kommen, lobt der Polizeichef nach einem Unfall ein Kopfgeld aus für einen Bären, den es zwar nicht gibt, doch ein Schuldiger muss ja her. Was folgt, ist eine vergnügliche Mischung aus tragikomischer und durchaus lehrreicher Revolutionsposse mit starken, sexpositiven Frauenfiguren und einer Art High Noon mit planlosen Männern, die mit Gewehren in die Wälder ziehen, um sich den letzten Bären Deutschlands aufbinden zu lassen.
Jenny Mansch
D 2026. R: Peter Meister. D: Aenne Schwarz, Pheline Roggan, David Scheid u.a., 94 Min., Kinostart: 20.8.26