Ausgabe 04/2026
Kranke Kassen

Im Juli wurde gemeldet, dass 17 bis 28 deutsche Krankenkassen und Kassenärztliche Vereinigungen ihnen anvertraute Gelder in einen Immobilienfonds investiert und komplett verpulvert haben. Die Verluste würden sich auf mehr als 500 Millionen summieren – genauere Zahlen kennt man nicht, da viele verantwortliche Kassen und KVen schweigen. Unwillkürlich fragt man sich da, ob solche Körperschaften am Finanzmarkt überhaupt mitspielen dürfen. Ja, sagt das Sozialgesetzbuch, allerdings so, "dass ein Verlust ausgeschlossen erscheint". Am Roulettetisch darfst du sitzen, nur nicht verlieren. Im Nachhinein wird gegen das "Fehlinvestment" in ein "fragwürdiges Finanzprodukt" gewettert. Den privaten Kreditinstituten, die den Fonds angeboten hatten, wird "vorsätzliche Täuschung" vorgeworfen. Diese erwidern, gegen das Finanzprodukt hätten ihre Klienten nichts einzuwenden gehabt, solange es ihnen "mehr als 7 Prozent" Zinsen pro Jahr einbrachte. Wer eine solche Anlagestrategie wähle, solle doch wissen, welche Risiken damit verbunden sind. Um dieses kapitalistische Prinzip zu kennen, muss man nicht Banker sein, Pokern reicht schon: Um viel zu gewinnen, muss man bereit sein, entsprechend viel zu verlieren. Es reicht also nicht, ein Finanzgeschäft nur dann für fragwürdig zu halten, wenn die erwartete Rendite ausbleibt. Die grundsätzliche Frage ist, ob im Spielcasino mit den Beitragsgeldern der Krankenversicherten gezockt werden darf. Nicht nur sind besagte Beiträge währenddessen gestiegen, die Ver(un)sicherten können nicht einmal erfahren, was mit ihrem Geld geschieht. Das Grundproblem der Übertragung von Sozialsystemen auf die Finanzmärkte ist ja, dass die zuständigen Behörden keine Ahnung von Aktien, Derivaten und Fonds haben, welche willentlich in unverständlichen Verpackungen verkauft werden. Sie können nicht anders, als die Verantwortung Privatbanken zu übergeben. Das allgemeine Unwissen ist deren Geschäft. Und gewiss lässt sich mit dem Geld der anderen leichter auf Risiko gehen.
Wobei wir bei der sogenannten "Rentenreform" wären, besser beschrieben als verpflichtende Kapitalrente, oder Übergang von Umlage zu Anlage. Es war schon immer ein Traum der Finanzwelt, mit Rentengeldern spekulieren zu können. Auch hier werden höhere Renditen versprochen und Verluste kategorisch ausgeschlossen. Man will das "schwedische Modell" nachahmen, dank dessen die dortigen Pensionsfonds bei der 2008er Finanzkrise über ein Drittel an Wert verloren (das deutsche Umlagesystem blieb dagegen stabil). Vergesst die KI-Blase, die andauernden Kriege, die Klimaerhitzung, die politische Instabilität, am Spieltisch ist eure Zukunft sicher. Blackrock-Kanzlerehrenwort.