Ausgabe 05/2026
Bello ciao

„Ich hatte lange Probleme, mein Schwulsein zu akzeptieren, weil es für mich bedeutete, niemals ein Kind haben zu können“, sagt Danilo. Weil in Italien keine gemeinsame Adoption für homosexuelle Paare möglich ist, blieb ihm und seinem Partner Christian nur der Weg über eine Leihmutterschaft in den USA. Das ist teuer, bürokratisch zäh und gesellschaftlich umstritten. Am 13. Oktober 2023 kam Sohn Noah in Kalifornien zur Welt. Danilo ist sein Vater. Christian zumindest juristisch nicht. „Rechtlich gesehen bin ich für Noah ein Niemand“, sagt er. Stieße Danilo etwas zu, ginge Noah in die Obhut von dessen Eltern.
Die Reporterin Barbara Bachmann und die Fotografin Franziska Gilli haben die Familie ein Jahr lang begleitet: beim Windelwechseln, im Homeoffice, bei einem Ausflug und schließlich auf Noahs erster Geburtstagsparty. Ihre Reportage zeigt zwei gleichberechtigte Väter, die dennoch glauben, sich besonders beweisen zu müssen. Im Oktober 2024 beschloss Italien, Leihmutterschaft auch im Ausland zu verfolgen. Das Gesetz gilt für alle, schränkt schwule Paare mit Kinderwunsch aber besonders stark ein.
Wie umkämpft die Vorstellung von Familie und Männlichkeit in Italien ist, zeigen auch die anderen Bildstrecken des Bandes. Beim „Fest der Männer“ in Monteprato tritt Federico Vicario als eine Art Zeremonienmeister im Mönchskostüm vor einem rosafarbenen Penis-Luftballon auf. Er erklärt zwar, mit Homosexuellen kein Problem zu haben, spricht ihnen aber das Recht ab, Kinder zu bekommen.
„Bello ciao“ versammelt solche Widersprüche. Bachmann und Gilli begegnen Fußballern, Vätern, Geistlichen, Freunden und Männern verschiedener Generationen. Sie erzählen von emotionaler Nähe und patriarchalen Rückzugsräumen, von Verletzlichkeit, männlicher Macht und der Abwehr neuer Geschlechterrollen. So zeigt der Band, wie unterschiedlich Männer in Italien heute leben – und wie sehr alte Rollenbilder noch nachwirken.
Barbara Bachmann, Franziska Gilli: Bello ciao. Italiens Männlichkeit im Wandel, Edition Raetia, 224 Seiten, ISBN 979-12-5724-016-5, 28 €