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Auf dem Demos gegen den Rechtsruck sind sie immer dabei, die Omas gegen RechtsFoto: Jeremy Knowles/Eventpress

Neun Monate lang war Nadja Glatt auf Instagram so gut wie nicht sichtbar. Dabei hatte sie nichts getan, was gegen die Regeln verstoßen hätte – zumindest ihrer Meinung nach. Die Betreiberin des Accounts omasgegenrechts_buehl_achern, einer der reichweitenstärksten Omas-gegen-Rechts-Accounts in Deutschland mit inzwischen über 116.000 Follower*innen, wurde immer wieder "geshadowbanned". Ein Vorgehen, das Instagram offiziell bestreitet, über das Betroffene jedoch immer wieder berichten.

Shadowbanning bezeichnet die Praxis, Accounts oder Inhalte so einzuschränken, dass sie für andere Nutzer*innen kaum noch sichtbar sind – ohne dass die Betroffenen darüber informiert werden. Wer betroffen ist, merkt es oft nur an einbrechenden Reichweitenzahlen. Nadja Glatt hat das systematisch dokumentiert.

"Ich war eingeschränkt und es hieß, dass ich fremden Menschen nicht angezeigt werde, weil ich gegen die Gemeinschaftsstandards verstoßen hätte", sagt sie. Welche Inhalte konkret beanstandet wurden, hat Instagram ihr nie mitgeteilt. Auf ihre wiederholten Meldungen reagierte die Plattform nicht. "Zig Mal habe ich hingeschrieben. Sie haben nicht reagiert. Gar nicht."

Demokratische Inhalte unter Verdacht

Nadja Glatt hat eine Vermutung, welche Beiträge den Algorithmus triggern: Posts gegen Rechtsextremismus, queere Inhalte, Beiträge zur Abschaffung des Paragrafen 218 oder ganze Accounts, die sich für Reproduktionsrechte einsetzen. Solche Inhalte seien ebenfalls massiv eingeschränkt worden; ein Account sei sogar vollständig gelöscht worden.

Dazu kommt eine zweite Front: koordinierte Bot-Angriffe. Rechte Accounts überschwemmen die Kommentarspalten mit versteckten Botschaften oder rechtsradikalem Gedankengut – in der Hoffnung, dass der Algorithmus den angegriffenen Account für regelwidrig hält. "Die haben ja nicht einen Account, die haben 100", sagt Glatt. Es gab Zeiten da hat sie täglich mindestens 200 Bots blockiert.

Die Einschränkungen kamen in Wellen. Am Anfang dauerten sie sechs bis acht Wochen. Alle Beschwerdekanäle, die Nadja Glatt finden konnte, nutzte sie – ohne Ergebnis. Erst als sie ihre Community mobilisierte, änderte sich etwas: Die Aktivistin bat ihre Follower öffentlich, ihre Beiträge zu teilen und zu liken. Die Reaktion ließ die Zahlen drastisch steigen. Jeder Shadowban wurde so ungewollt zum Werbemittel: Seit Juli 2024, als sie 30.500 Follower hatte, ist ihr Account dennoch auf die nun über 116.000 Follower*innen gewachsen.

Eine Blackbox namens Algorithmus

Trotzdem: Die politische Arbeit leidet. Mobilisierung, Sichtbarkeit, Reichweite – alles steht unter Vorbehalt. Glatt berichtet von einem ständigen Wechsel zwischen Phasen normaler Sichtbarkeit und neuen Einschränkungen: "Kaum war ich draußen, war ich wieder drin."

Solche Erfahrungen sind kein Einzelfall. Das weiß auch AlgorithmWatch, eine Berliner Nichtregierungsorganisation (NGO), die sich mit den Auswirkungen algorithmischer Systeme auf die Gesellschaft befasst. Lejla Eva Podgoršek, Policy Managerin bei der Organisation, kennt viele Berichte. "Solche Beobachtungen hören wir immer wieder", sagt sie. "Allerdings bewegen wir uns dabei häufig im Bereich der sogenannten 'anekdotischen Evidenz' – also einzelner Erfahrungsberichte von Nutzer*innen oder Organisationen."

Belastbare Zahlen fehlen – und das liegt nicht am mangelnden Interesse der Forschung, sondern an den Plattformen selbst. AlgorithmWatch stellt sogenannte Data Access Requests, also formelle Datenzugriffsanfragen, um mehr über die Funktionsweise der Algorithmen zu erfahren. Das Ergebnis ist ernüchternd: "Da die Plattformen gar nicht oder nur unzureichend ihrer Informationspflicht nachkommen, können wir bestimmte Phänomene nicht erforschen. Wir wissen oft nicht, welche Inhalte besonders viral gehen oder warum bestimmte Beiträge sichtbar werden und andere nicht", sagt Podgoršek.

Dazu komme ein weiteres strukturelles Problem: "Ebenfalls nicht nachvollziehbar bleibt, ob ein Mensch bei der Plattform eine Moderationsentscheidung getroffen hat oder ob es automatisiert erfolgt ist. Plattformen müssen solche Entscheidungen zwar in einer Transparenzdatenbank festhalten, diese unterscheiden sich aber erheblich voneinander – dadurch lassen sich einzelne Fälle kaum vergleichen oder verallgemeinern."

Neben dieser Intransparenz hat sich zudem politisch etwas verschoben. Anfang 2025 kündigte Mark Zuckerbergs Unternehmen Meta an, das unabhängige Fact-Checking-Programm in den USA einzustellen und durch sogenannte Community Notes zu ersetzen – ein System, bei dem Nutzer*innen selbst Beiträge kommentieren und einordnen. In der EU gilt das bislang zwar noch nicht: Hier greifen strengere regulatorische Vorgaben, sodass die Situation laut Podgoršek von AlgorithmWatch "nicht eins zu eins mit den USA vergleichbar ist". Für Betroffene bleibt der individuelle Rechtsweg dennoch frustrierend. Viele erhalten keine Begründung, wenn ihre Reichweite sinkt oder Inhalte eingeschränkt werden. Manche versuchen es mit anwaltlicher Hilfe, allerdings häufig ohne Ergebnis. "Viele Nutzer*innen stehen vor einer Blackbox", sagt Podgoršek. "Es gibt zwar Verfahren und Möglichkeiten, Entscheidungen anzufechten, aber oft fehlen die Informationen, die nötig wären, um die Situation wirklich nachvollziehen zu können."

Auch der Digital Services Act (DSA), das europäische Regelwerk für große Plattformen, löse das Problem nicht vollständig, so Podgoršek. Ein Abschalten von Plattformen sehe der DSA nicht vor – und wäre auch nicht sinnvoll. "Plattform- oder Internetsperren sind ein Mittel, welches man oft aus nicht-demokratischen, autoritären Ländern kennt, und die wir nicht empfehlen."

Hoffnung auf mehr Transparenz

Seit dem 14. Mai 2024 gibt es in Deutschland jedoch erstmals eine zentrale Anlaufstelle für Beschwerden gegen Online-Plattformen: den sogenannten Digital Services Coordinator bei der Bundesnetzagentur. Nutzer*innen können sich dort melden, wenn Plattformen Inhalte löschen, ihre Sichtbarkeit einschränken oder Entscheidungen nicht nachvollziehbar begründen. Die Behörde kann zwar keinen einzelnen Shadowban aufheben. Sie soll aber systematische Verstöße gegen die Regeln des Digital Services Act untersuchen und Plattformen künftig stärker zur Rechenschaft ziehen.

Was also tun, wenn man den Verdacht hat, geshadowbanned zu werden? Der Rat von AlgorithmWatch ist pragmatisch: Alles dokumentieren. "Einzelfälle lassen sich heute häufig nicht abschließend aufklären", sagt Podgoršek. Umso wichtiger sei es, Hinweise zu sichern und Entwicklungen über längere Zeiträume zu dokumentieren. Nur so lasse sich überhaupt nachvollziehen, ob hinter einzelnen Erfahrungen ein größeres Muster steckt.

Aufgeben ist keine Option

Nadja Glatt hat das auf ihre eigene Art getan – und zieht eine trotzige Bilanz. Instagram verlassen kommt für sie nicht infrage. "Ich bleibe auf Instagram, weil da die Leute sind, die ich erreichen will. Ich versuch ja an die ranzukommen, die sich nicht so ganz sicher sind."

Dass das funktioniert, bekommt sie immer wieder zurückgespiegelt. "Mir hat letzte Woche eine geschrieben, sie hätte es mir zu verdanken, dass sie nicht in den rechten Sumpf ihrer Verwandtschaft versunken ist. Und genau dafür lohnt sich meine Arbeit."

Was sich Nadja Glatt von der Politik wünscht? Klare Regeln, die auch durchgesetzt werden. "Dass man das Internet nicht mit Lügen fluten darf. Keine Hasspropaganda. Und dass die Leute, die das machen, wirklich massive Konsequenzen spüren."

"Mir hat letzte Woche eine geschrieben, sie hätte es mir zu verdanken, dass sie nicht in den rechten Sumpf ihrer Verwandtschaft versunken ist. Und genau dafür lohnt sich meine Arbeit."

Nadja Glatt, Omas gegen Rechts