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Foto: Mathias Bothor

Frau Winkler verlässt das Haus

Der Sturz ist der Feind des Alters. Longevity hin, Langlebigkeit her, wer das Pech hat, hinzufallen, kommt allein nur schwer wieder auf die Beine. Das muss auch die 80-jährige Frau Winkler lernen, die in jugendlichem Allmachtsgefühl einen klassischen Haushaltsunfall hinlegt. Nun ist guter Rat teuer. Wer soll sich um die Bettlägerige kümmern? Seit dem frühen Tod ihres Gatten sind ihr Tochter Emi und Enkelin Billie geblieben, die sich warmherzig um die Oma kümmern. Normalerweise.

Doch Emi ist wie ihre Mutter Schauspielerin und hat endlich ein Engagement am Theater ergattert, in einer anderen Stadt. Eine der Drei Schwestern von Anton Pawlowitsch Tschechow soll sie spielen – das Theaterstück, mit dem ihre Eltern einst als Schauspielerpaar brillierten. Um ihrer Tochter Gewissensqualen zu ersparen, lässt sich Frau Winkler schließlich übellaunig auf einen humanoiden Pflegeroboter ein; die Krankenkasse zahlt. Das ist im Jahr 2030 nicht ungewöhnlich, auch in Cafés kellnern bereits Roboter gegen den demografischen Wandel an.

Zu Tschechows Drei Schwestern hat auch Regisseurin Doris Dörrie ein besonderes Verhältnis. Um es im Original lesen zu können, lernte sie einst Russisch – im Westen eine Rarität. Auch der Humanoid mit den blauen Kulleraugen und Frau Winkler nähern sich über das Medium Tschechow an. Als er mit sonorer Stimme den russischen Dichter zu rezitieren und sie auch noch überraschend sanft umzubetten vermag, schmilzt Frau Winklers Widerstand dahin, sie nennt ihn fortan Pawlowitsch. Zwischen den beiden entwickelt sich schließlich eine Beziehung, auf die man heutzutage fast neidisch werden möchte. Sie wird Frau Winkler dabei helfen, ihre traumatische Verlusterfahrung zu bearbeiten und eine wichtige Entscheidung zu treffen.

Leichtfüßig und mit ihrer berühmten Dynamik aus Situationskomik und tiefgründigem Gefühlskino verhandelt Dörries Frau Winkler hier Themen, die in unserer alternden Gesellschaft diskutiert werden wollen: Angehörigenpflege, Autonomie der Betroffenen, der Umgang mit Hochbetagten, Trauerbewältigung und nicht zuletzt den Einsatz Künstlicher Intelligenz bis hin zur Sterbehilfe. Die wahre Theaterkunst aber spielt sich im Gesicht von Angela Winkler als Frau Winkler ab, die sich mit dieser Rolle ein Denkmal setzt und den Beweis erbringt, dass es auch für alternde Schauspielerinnen noch jede Menge relevanter Rollen gibt. Man muss sie einfach nur schreiben.

Jenny Mansch

D 2026. R: DORIS DÖRRIE. D: ANGELA WINKLER, LAURA TONKE, JOSEF ELLERS, VIA JIKELI, EUGENE BOATENG, ZOË BAIER. START: 1.10.2026

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Heimsuchung

Die Umbrüche des 20. Jahrhunderts, erzählt anhand eines märkischen Seegrundstücks. Was ist Heimat und wie lange "gehört" sie uns? Auch danach fragt Jenny Erpenbecks gleichnamiger Roman, den Volker Schlöndorff ("Die Blechtrommel") mit Staraufgebot verfilmt hat. Gleich zu Beginn seines elegischen Bilderbogens visualisiert er alle Bewohner des Grundstücks als Geister, die am ewigen Schilf des Scharmützelsees wandeln; geeint durch den Ort, getrennt durch die Zeit. In der Weimarer Republik wird das Grundstück früh mit einer Erbsünde belastet und geteilt; Jahre später baut ein Architekt, der sich bei Albert Speer bewirbt, auf der einen Hälfte ein Sommerhaus, das im Folgenden zum Zeitzeugen des Zivilisationsbruchs, des Wiederaufbaus Ost, aber auch zum ewigen Sehnsuchtsort der Kindheit wird. Das Badehaus auf der Grundstückshälfte nebenan wird profitabel "entjudet", bis das Grundstück Jahre später vom DDR-Schriftstellerpaar übernommen, aber zum Leidwesen der Enkelin – Erpenbecks Alter Ego – nicht gekauft wird. Schlöndorff inszeniert diese unterschiedlichen Verlusterfahrungen als vielschichtiges Zeitpanorama in ruhigen, melancholischen Einstellungen, sorgfältigen Choreografien von Requisiten und dem starken Ensemble aus Ost und West.

Jenny Mansch

D 2026. R: VOLKER SCHLÖNDORFF. D: MARTINA GEDECK, SUSANNE WOLFF, ANGELA WINKLER, MARIA MATSCHKE, LARS EIDINGER, ULLRICH MATTHES, DAVID BENNENT, U.V.A., L: 120 MIN., KINOSTART: 15.10.26

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Von Scham und Geld

"Du bist ein Guter", das hört Shaban immer wieder. Nur kaufen kann er sich dafür nichts, nicht einmal ein neues Paar Schuhe, das eine seiner drei Töchter dringend benötigt. Er verdingt sich auf dem Arbeiterstrich in Pristina, der Hauptstadt des Kosovos, wohin es ihn mit seiner Familie samt seiner auf Medikamente angewiesenen Mutter verschlagen hat. Einer seiner Brüder hat sie um ihre Lebensgrundlage auf dem Bauernhof in ihrem Heimatdorf gebracht. Shaban und seine Frau Hatixhe sind sich in der Stadt für keine Arbeit zu schade, an drei Tagen reinigen sie den Nachtclub ihres reichen Schwagers. Aber das Geld reicht oft nicht für das Notwendigste, die Mutter beginnt, ihre Medizin zu halbieren. Obwohl der Schwager und Hatixhes Schwester die Familie in ihre Luxusvilla aufnehmen wollen, lehnt Shaban ab. Er will nicht auch noch der Gärtner des Schwagers werden. Dafür ist er sich zu gut. Selten erzählt ein Film so still, aber eindringlich und fesselnd, wie Menschen um ihre Würde kämpfen in einer Welt, in der die Reichen reich sind, weil die "armen Schlucker" – wie Shaban sich selbst bezeichnet – im wahrsten Sinn des Wortes die Drecksarbeit erledigen.

Petra Welzel

DE/XK/SI/AL/MK/BE 2026. R: VISAR MORINA. D: ASTRIT KABASHI, FLONJA KODHELI U.A., L: 129 MIN., KINOSTART: 24.9.2026

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Nina Hoss in „Die andere Seite“Verleih

Die andere Seite

Hanna rast atemlos durch den Wald. Verfolgt von Streitkräften, die Infizierte wie sie in ein Lager sperren. Nachdem die Ärztin schon Mann und Sohn an die Pandemie verloren hat, will sie nicht noch in Gefangenschaft verenden, trotzt lieber isoliert dem gefährlichen Alltag in den Bergen. Regisseurin Minoguchi nimmt in ihrem düsteren Drama keinen direkten Bezug auf Corona, aber die Parallelen lassen sich nicht übersehen. Der Fokus liegt auf den Maßnahmen, durch die Menschen ausgegrenzt und grundlegender Rechte beraubt wurden. Die kritische Betrachtung gelingt vor allem dank Nina Hoss als einer sehr komplexen Protagonistin, die – mit schweren Gewissenskonflikten konfrontiert, wenn andere Einzelkämpfer, denen sie in der Wildnis begegnet, darunter eine hochschwangere Afrikanerin – Hilfe bedürfen, und sie zwischen Infektionsrisiko und Lebensrettung abwägen muss. Fulminant spielt sie zugleich aber auch eine Schutzlose, die schockiert mit eigenen Augen ansehen muss, wie brutal die Staatsgewalt gegen Menschen vorgeht, die eigentlich der Fürsorge bedürfen.

Kirsten Liese

D/A 2026. R: MARIKO MINOGUCHI D: NINA HOSS, PRECIOUS MARIAM SANUSI, BARBARA PETRITSCH U.A. , L: 106 MIN., KINOSTART: 22.10.2026