Ausgabe 05/2026
Sei wie Robert

Regen. Regen. Und nochmals: Regen. Als Birgit Lohmeyer am Nachmittag des 5. Septembers auf die große Bühne tritt, prasselt er noch immer kräftig auf das Festivalgelände in Jamel. "Ein großer Dank an alle, die hier so wacker dem Wetter trotzen", ruft sie den durchnässten Besucher*innen entgegen. Der erste Festivaltag fiel den unwetterartigen Regenfällen bereits zum Opfer. Jetzt kämpft auch der zweite Festivaltag mit dem Wetter.
Wenig später, bei der Verleihung des "Birgit und Horst Lohmeyer Demokratiepreises", bringt Laudator Daniel Trepsdorf die Stimmung auf den Punkt. "Demokratie ist keine Schönwetter-Veranstaltung", sagt er. Die Menge in ihren Regenponchos jubelt. Und während Trepsdorf betont, dass Klugheit, Empathie und Rechtsextremismus niemals zusammenkommen, bricht tatsächlich die Sonne durch die Wolken. Seifenblasen steigen auf und aus dem Publikum schallen "Liebe"- und "Antifaschista"-Rufe. "Jamel rockt den Förster" hat – mit einem Tag Verspätung – endlich begonnen.
"Antifaschista" ist ein Wort, das an diesem Wochenende häufig fällt. Doch Birgit Lohmeyer beschreibt ihr Festival lieber etwas anders. Nämlich als ein Festival, das für und nicht gegen etwas steht. Für Demokratie und Toleranz. "Uns geht es um den positiven Gemeinschaftscharakter und darum, ein Netzwerkort für politisch engagierte Menschen zu sein", sagt sie.
Tonnenweise Rindenmulch
Damit dieser Netzwerkort nicht buchstäblich im Schlamm versinkt, braucht es Rindenmulch, und zwar tonnenweise. Am frühen Morgen verteilen Freiwillige und Standbetreiber*innen den über Nacht gelieferten Mulch auf dem Gelände, damit die Wege überhaupt begehbar werden. "Es ist hier eine Selbstverständlichkeit, dass alle mit anpacken", sagt Isabelle Hönicke von der ver.di Jugend Nord, auf eine Harke gestützt. Dann verteilt sie den Rindenmulch weiter zu den matschigsten Stellen auf dem Gelände, während Robert Krugmann mit der nächsten Schubkarre um die Ecke rollt. Leichte Schweißperlen glitzern auf seiner Stirn. Doch es könnte auch einfach der Nieselregen sein.
Robert ist Landesjugendsekretär im ver.di-Landesbezirk Nord und seit 2016 jedes Jahr mit der Gewerkschaftsjugend beim Forstrock aktiv. Die Einnahmen aus den Spendenaktionen am Stand – betont der junge Gewerkschafter – flössen komplett in die Finanzierung des nächsten Festivals.
Drei Stunden habe es dieses Jahr gebraucht, das Stand-Material zusammenzustellen, erzählt Robert zwischen zwei Schubkarren-Ladungen. Dann noch mal drei weitere Stunden für den Aufbau vor Ort. "Und auch jedes Gespräch am Stand ist Arbeit", sagt er. Aber genau das brauche es, um Menschen für Themen zu begeistern. "Du musst Energie reinstecken, damit andere davon angesteckt werden können", ist Robert überzeugt. Mit zehn Ehrenamtlichen und vier Hauptamtlichen sind sie jetzt genau dazu bereit.
Klare Zeichen gegen rechte Parolen
Und während die Popcorn-Maschinen an ihrem Stand langsam heiß laufen, steht Anne aus Ludwigslust vor der großen Festivalbühne im Regen. "Ob das schon das Donnerwetter ist, das uns politisch in Mecklenburg-Vorpommern bevorsteht?", fragt sie sich mit Blick auf die Wetterlage und die Landtagswahl am 20. September. Sie hofft noch, dass dem nicht so ist, doch der Rechtsruck im Land mache ihr Angst. Die junge Mutter ist gekommen, um ein klares Zeichen gegen die Normalisierung rechter Parolen im Alltag zu setzen.
Auch die Lohmeyers machen in diesem Wahljahr eine klare Ansage: Sie haben erstmals alle demokratischen Parteien eingeladen, gekommen sind Grüne und Linke. Wie sehr das Politische beim Festival zur Familiensache wird, zeigt sich bei Mareike aus Lüneburg. Sie ist mit ihren drei Töchtern gekommen, die Jüngste ist gerade 10 Jahre alt. "Politische Bildung kann nicht früh genug anfangen", sagt Mareike mit Blick auf die Workshops und Infoangebote beim Festival.
Maja, die älteste Tochter, findet hier vor allem eines: Bestärkung. Die 20-Jährige ist trotz der Wahlprognosen zum Studium nach Sachsen-Anhalt gezogen. "Man braucht schon ein bisschen Mut, gerade als linke und queere Person", sagt sie. Aufgeben komme trotzdem nicht in Frage, man müsse sich stattdessen mit gleichgesinnten Personen vernetzen. Das Festival sei dafür genau der richtige Ort.
Am neongrünen Stand der ver.di Jugend hat sich derweil eine kleine Schlange gebildet. "Glitzern gegen Nazis" steht auf einem Schild. Und direkt am Glitzertopf steht Sophie mit einem Pinsel bereit. Sie ist Pflegekraft in Rostock. "Jamel rockt den Förster" sei für sie ein Safe Space, sagt sie: "Hier kann man so sein, wie man ist und sich sicher fühlen."
Etwas später leitet Sophie den ver.di-Workshop "Love and Limits". Mit roten, gelben und grünen Karten positionieren sich die Teilnehmer*innen zu Aussagen wie "Meine Partnerperson kennt das Passwort meines Handys". Es geht um Vertrauen, persönliche Grenzen und am Ende um das Mehrheitsprinzip in der Demokratie. Dass solche Angebote nachwirken, hat Sophie im Vorjahr erlebt. Nach ihrem Workshop zu sexualisierter Gewalt wurde sie noch am nächsten Tag auf den Begriff Victim Blaming angesprochen. "Daran habe ich gemerkt, dass die Menschen wirklich etwas von dem mitnehmen, was sie hier lernen."
Damit der Hass nicht in die Herzen sickert

Doch im Alltag spüre sie aktuell viele Sorgen rund um den "Ruck nach Blau". Viele junge Beschäftigte hätten Angst um ihre Zukunft. Um die Rechte queerer Menschen, inklusive Bildung oder auch die Zukunft der Pflege. Robert, der gerade Nachschub für die Popcorn-Maschinen und Wasser für die Crew ins Info-Zelt schleppt, ergänzt, dass auch ihre Bildungsarbeit zum Teil über Fördergelder aus Mecklenburg-Vorpommern finanziert werde. "Die AfD hat angekündigt, genau diese Mittel zu streichen", sagt er. "Diese Wahl ist für uns deshalb auch ganz praktisch entscheidend."
In Regenjacke steht auf einmal Christoph Schmitz-Dethlefsen, Mitglied im ver.di-Bundesvorstand, vor dem Stand der ver.di Jugend. Er warnt, unsere Demokratie für selbstverständlich zu halten. Tatsächlich weht nur wenige Schritte entfernt im Dorf eine schwarz-weiß-rote Reichsflagge, Symbol der Reichsbürger-Szene. "Schweigen ist keine Lösung", sagt Schmitz-Dethlefsen angesichts rassistischer Parolen, auch am Arbeitsplatz.
"Sonst sickert der Hass über die Köpfe in die Herzen." Für die Demokratie müsse man arbeiten, streiten und notfalls auch kämpfen.
Und genau das tun die Lohmeyers mit ihrem Festival, das sie seit 2025 mit Unterstützung des DGB Nord, der IG Metall und ver.di offiziell als politische Versammlung anmelden. "Das ist eine sehr große Entlastung, gerade in der Auseinandersetzung mit Bürokratie und Behörden", sagt Birgit Lohmeyer. "Die Gewerkschaften sind da sehr versiert. Horst und ich sind eher emotional veranlagt – das würde uns sonst wahnsinnig stressen."
Was die Gewerkschaften ihnen nicht abnehmen können, ist der Alltag in einer "durchaus feindlichen Nachbarschaft", wie Birgit Lohmeyer es nennt. Das Ehepaar wisse nie, "wann uns das nächste Mal etwas Böses passiert, welche Straftat als Nächstes an uns verübt wird", sagt sie. "Das ist ein Risiko, mit dem wir leben – und das macht natürlich nicht glücklich. Es ist eine tägliche Grundanspannung." Und egal, mit wem man an diesem regnerischen Festivalwochenende spricht, die Dankbarkeit für das Engagement, das Durchhaltevermögen und die Energie der Lohmeyers ist überall zu spüren. "Wir werden gesellschaftlich wertgeschätzt und das lässt uns weitermachen", sagt Birgit Lohmeyer.
Weitermachen werden auch Sophie, Robert und Isabelle. Für Demokratie und Toleranz. "Ich kann nicht einfach die Füße hochlegen und meckern", sagt Sophie. "Also heißt es für mich: Gummistiefel anziehen und loslegen". Im Schlamm und Matsch von "Jamel rockt den Förster" ist das weit mehr als eine Redensart.
Der Forstrock
Seit 2007 veranstalten Birgit und Horst Lohmeyer ihr Festival für Demokratie und Toleranz auf ihrem Forsthof in Jamel bei Wismar. Das knapp 40 Einwohner*innen zählende Dorf ist von rechtsextremen Strukturen geprägt. 2026 fand das Festival zum 19. Mal statt. Das Line-up bleibt geheim, die rund 2.500 Plätze werden verlost. Das Festival finanziert sich aus Eintrittsgeldern und Spenden. Die Künstler*innen verzichten auf Honorar und erhalten höchstens ihre Produktionskosten erstattet. Mehr unter: https://www.forstrock.de/
„Rocken gegen Rechts“ war auch in diesem Jahr das Motto in Jamel. In unserem YouTube-Video haben wir Eindrücke und Stimmen vom Festival eingefangen: https://youtu.be/SSgpblLPW-Q?si=XCiZqe4yYZLmL4D4