Ingenieure gesucht

Kurzschlüsse auslösen, Blitze simulieren, Strom erzeugen und im Spiegel auf dem Kopf stehen: Das alles kann man in der Phänomenta erleben, einer Ausstellung im sauerländischen Lüdenscheid, die neugierigen Kindern und schulgeschädigten Erwachsenen die physikalischen Gesetze erklärt: Naturwissenschaft zum Anfassen und Selbermachen

Ein Luftwirbel wird mit winzigen Wassertropfen sichtbar gemacht. Man kann das Exponat öffnen und seine Hand in den Wirbel tauchen

"Das Einfache, das man selber erzeugt, ist am beliebtesten."

Hausphysiker Johannes Pöpping

Mit aller Kraft steigt Denis in die Pedale. Denn je schneller er auf dem Ergometer fährt, desto mehr Strom wird produziert. Und damit wird der Fernseher versorgt, der Denis auf dem Fahrrad zeigt. Der Zwölfjährige strengt sich an, denn sein Kumpel Lars hat mit wildem Tritt schon eine elektrische Eisenbahn zusätzlich bewegt. Dass die Schüler tatsächlich Energie erzeugen, ist ihnen ziemlich wurscht. "Aber es macht Spass", sagt Denis und tritt gleich noch mal los. Jetzt läuft nicht nur der Fernseher und fährt die Eisenbahn, jetzt blinken auch noch drei Lichter.

Denis und Lars bevölkern an diesem Morgen mit etwa 90 anderen Achtklässlern von Realschulen aus Dülmen und Lethmathe und einem Bochumer Gymnasium die Ausstellungsräume. Sie dürfen nach Herzenslust an 130 Experimentier-Stationen Knöpfe drücken, Hebel bewegen und Kurbeln drehen und sozusagen am lebenden Objekt physikalische Gesetze verstehen: Schulunterricht, wie man ihn sich wünscht.

Alles ist erlaubt, was im Klassenzimmer nicht so gern gesehen wird. Svenja kreischt laut und vergnügt, als sie sich dem Hohlspiegel nähert bis sie im Spiegelbild auf dem Kopf steht: "Jenny, komm mal, komm mal, cool!" Fünf Jungs lachen sich weg an einem Gerät, in das sie Worte sprechen, die verkehrt herum wiedergegeben werden. Wenn "Nirob" als "Robin" zurückschallt, ist das zwar "geil", aber ein Brüller wird dieses Experiment für die pubertierende Clique natürlich erst, wenn einer "neckif" sagt.

Prustend knubbelt sich eine Mädchengruppe an der Rohrpost: Kleine Zettelchen werden verstohlen beschriftet, in gelben Plastikeierhälften verschraubt und auf die Reise durch die Etagen geschickt, wenn es nicht einen Stau in der Röhre gibt: Die Eierhälften sind nicht richtig verschraubt und die Briefchen herausgefallen. "Unser Handwerker ist immer damit beschäftigt, alles funktionstüchtig zu halten oder verbrauchtes Material nachzulegen", sagt Phänomenta-Geschäftsführerin Gabriele Ansorge. "Es geht viel kaputt. Aber man soll ja alles anfassen und ausprobieren."

Das ist keine Physik - das kann doch jeder Blödmann

Sandra brüllt geduldig zwanzigmal "Jenny" in das Hörrohr, bis sie glaubt, eine schwache Antwort ihrer Freundin zu vernehmen. Die Handy-Generation findet Hörrohre "scharf". Hingebungsvoll malen Tim und Marie nach mühsamen Fehlversuchen MIT und EIRAM mit dem Finger in den Sand vor einem Spiegelzylinder, der ihre Namen richtig herum widerspiegelt, und Timo meint: "Das ist gar keine Physik." Dafür findet er es "cool", einem Zylinder mittels Fußpumpe "den Luftdruck zu entziehen", mit der Folge, dass die Plastikente im Zylinder zusammenschrumpft. Das, findet Markus, "kann doch jeder Blödmann", im Gegensatz zu der Kunst, durch einen Spiegel hindurch einen vorgezeichneten Stern nachzuzeichnen, ohne dessen Linien zu übermalen. Diese spiegelverkehrte Malerei beherrscht als einzige "Guck-mal-die-Elena".

Die Mädchen, mit der Diggi-Kamera im Anschlag, fühlen sich zu Stationen mit Spiegeln hingezogen, die Jungs bevorzugen jene, bei denen sie überschüssige Kraft gebrauchen können. "Die sind in dem Alter", hat Gabriele Ansorge, von Haus aus Kauffrau, gelernt, "bei Kindergartenkindern ist Neugierde noch gar nicht geschlechtsspezifisch." 2005 wurde vom Phänomenta-Verein ein Projekt für Vorschulkinder entwickelt: Der "Marienkäferpfad" führte bislang fast 1000 Kindergartenkinder zu elf kindgerechten Experimenten. Lüdenscheider Erzieherinnen und Erziehern wurden vorher Workshops für dieses didaktische Modell angeboten, denn "ihre Scheu vor der Physik war groß". Für diese Förderung naturwissenschaftlichen Nachwuchses gab es einen Preis der Landesinitiative "Zukunft durch Innovation. NRW".

"Ey, du Doof," schubst Sven einen seiner Mitschüler von den "elektrischen Flöhen" weg, denn er weiß, wie er sie zum Tanzen bringt: Indem er den Lappen gleichmäßig über die Scheibe wischt, unter der die Kügelchen (Flöhe) dann hopsen: "Wärme durch Reibung, weiß doch jeder." Hebelgesetze und Drehimpulse, der Leuchteffekt von Kristallen, der Satz des Pythagoras, das Wesen des Flaschenzugs - alles lässt sich ausprobieren und erforschen. Geschlechtsunabhängig "super" finden alle den "gefrorenen Schatten", ein Renner laut Gästebuch: Im dunklen Raum steht man vor einer hellen Wand, ein Blitzlicht bannt den Schatten auch dann noch, wenn man beiseite getreten ist. Großes Staunen. Wie über die "Seifenblasenwand", die sich, ist man nur behutsam, aus Seifenlauge hochziehen lässt.

"Das Einfache", weiß Hausphysiker Johannes Pöpping, "das man selber erzeugt, ist am beliebtesten." Sein Job ist es, solche Experimente zu konstruieren, die dann in der eigenen Werkstatt gebaut werden. Testteam ist die Belegschaft: "Was wir nicht verstehen, verstehen die Besucher auch nicht", sagt Ansorge.

Es geht bei der Phänomenta nicht nur um sinnliches Lernen, es geht auch um Nachwuchsförderung: Ingenieure/ innen werden schon jetzt und künftig erst recht dringend gebraucht. Einstweilen amüsieren sich die womöglich zukünftigen Physiker wie Bolle bei der Hautbeobachtung und dem Reaktionstest mit Magneten, derweil Jan erklärt, warum eine Glocke immer leiser wird, wenn die Luft im Raum abgesaugt wird und im Vakuum schließlich ganz verstummt. "Luft ist ein guter Schallleiter, das wusste ich schon." "Irgendwas mit Schwingungen", vermutet Helen, die den "Saal des Lichtes" ansteuert, während Lukas ein "taktisches Bauspiel für 2 Spieler" erstmal allein spielt.

Die Lichtgeschwindigkeitsmessung übrigens ist speziell für Oberstufenlehrer vorgesehen: Sie sollen auch was von ihrem Phänomenta-Besuch haben.

Die interaktiven Phänomenta-Ausstellungen gibt es in Bremerhaven (www.phaenomenta-bremerhaven.de), Flensburg (www.phaenomenta-flensburg.de), Peenemünde(www.phaenomenta-peenemuende.de) und Lüdenscheid (www.phaenomenta-luedenscheid.de). Sie gehen ursprünglich auf eine Initiative von Physiklehrer/innen zurück, die das oft unbeliebte Schulfach Physik sinnlich erfahrbar und alltagsnah erlebbar machen wollten. Die Phänomenta in Lüdenscheid besteht seit 1996, sie ist als Stiftung organisiert und finanziert sich ohne öffentliche Zuschüsse aus Eintrittsgeldern und Spenden. Für besondere Projekte wie den "Marienkäferweg" für Vorschulkinder gibt es Sponsoren, beispielsweise vom regionalen Arbeitergeberverband, der das Eintrittsgeld jedes Kindes mit 2 € subventioniert. Ein Verein, dem hauptsächlich Physiker/innen und Physiklehrer/innen angehören, unterstützt die Ausstellung durch Ideen für einfache Experimente aus komplizierten Zusammenhängen. In Lüdenscheid arbeitet ein 22-köpfiges Team, davon sechs Menschen in Vollzeit, mit der Geschäftsführerin Gabriele Ansorge und dem Physiker Johannes Pöpping. Hinzu kommen Ehrenamtler/innen in der Cafeteria, als Gärtner oder als Aufsicht. Die Lüdenscheider Phänomenta wurde bislang von mehr als 700000 Menschen besucht. Sie bietet 130 Experimentierstationen auf vier Ebenen. Entsprechend dem Konzept, dass man selbstständig und nach Lust und Laune die einzelnen Stationen aufsuchen kann, gibt es keine Führungen. Die Phänomenta befindet sich in einem historischen Fabrikgebäude mit Sichtkontakt zum Bahnhof. Gruppen (Schulklassen, Betriebsausflüge, Kindergeburtstage) werden um Anmeldung gebeten. Stiftung Phänomenta Lüdenscheid, Gustav-Adolf-Straße 9-11, 58507 Lüdenscheid, Tel. 02351/21532, E-Mail webmaster@phaenomenta.de

"Das Einfache, das man selber erzeugt, ist am beliebtesten."

Hausphysiker Johannes Pöpping

Ein Ausflug zur Phänomenta

Die interaktiven Phänomenta-Ausstellungen gibt es in Bremerhaven (www.phaenomenta-bremerhaven.de), Flensburg (www.phaenomenta-flensburg.de), Peenemünde(www.phaenomenta-peenemuende.de) und Lüdenscheid (www.phaenomenta-luedenscheid.de). Sie gehen ursprünglich auf eine Initiative von Physiklehrer/innen zurück, die das oft unbeliebte Schulfach Physik sinnlich erfahrbar und alltagsnah erlebbar machen wollten. Die Phänomenta in Lüdenscheid besteht seit 1996, sie ist als Stiftung organisiert und finanziert sich ohne öffentliche Zuschüsse aus Eintrittsgeldern und Spenden. Für besondere Projekte wie den "Marienkäferweg" für Vorschulkinder gibt es Sponsoren, beispielsweise vom regionalen Arbeitergeberverband, der das Eintrittsgeld jedes Kindes mit 2 € subventioniert. Ein Verein, dem hauptsächlich Physiker/innen und Physiklehrer/innen angehören, unterstützt die Ausstellung durch Ideen für einfache Experimente aus komplizierten Zusammenhängen. In Lüdenscheid arbeitet ein 22-köpfiges Team, davon sechs Menschen in Vollzeit, mit der Geschäftsführerin Gabriele Ansorge und dem Physiker Johannes Pöpping. Hinzu kommen Ehrenamtler/innen in der Cafeteria, als Gärtner oder als Aufsicht. Die Lüdenscheider Phänomenta wurde bislang von mehr als 700000 Menschen besucht. Sie bietet 130 Experimentierstationen auf vier Ebenen. Entsprechend dem Konzept, dass man selbstständig und nach Lust und Laune die einzelnen Stationen aufsuchen kann, gibt es keine Führungen. Die Phänomenta befindet sich in einem historischen Fabrikgebäude mit Sichtkontakt zum Bahnhof. Gruppen (Schulklassen, Betriebsausflüge, Kindergeburtstage) werden um Anmeldung gebeten. Stiftung Phänomenta Lüdenscheid, Gustav-Adolf-Straße 9-11, 58507 Lüdenscheid, Tel. 02351/21532, E-Mail webmaster@phaenomenta.de