Element of Crime: Schafe, Monster und Mäuse

33 Jahre lang gibt es Element of Crime nun schon. Und seit gefühlt 77 Jahren macht die Berliner Band um Erfolgsschriftsteller Sven Regener unverändert ihre stets im Midtempo tänzelnde Musik mit Texten, die leicht grummelig auf diese sich stetig, aber selten zum Besseren verändernde Welt blicken. Auf ihrem neuesten Album besingt Regener denn auch folgerichtig den „ersten Sonntag nach dem Weltuntergang“ und ergötzt sich daran, „keine Freude mehr am Sommer, keine Lust auf Sonnenschein“ zu haben. So geht es fröhlich weiter: „Schön war das Leben, schlecht war die Welt, gut war die Liebe, böse das Geld“, intoniert der 57-Jährige wie ein Rock’n’Roll-Rentner, lustvoll singt er von „mittelaltem Gouda“, von singenden U-Bahnzügen und alltäglichen Arschlöchern. Aber natürlich ist das nicht nur altersmilder Zynismus, sondern Regener erzählt viel über seine Generation, die dieses Land gerade im gemütlichen Manufaktum-Biedermeier zu konservieren versucht. Dazu swingen die Elements – selbst im lustigen Polkarhythmus oder in Jahrmarktstimmung – so unnachahmlich unaufdringlich, als wollten sie den Rest des Landes endgültig in Tiefschlaf versetzen. Thomas Winkler

CD, Vertigo Berlin / Universal


Dhafer Youssef: Sound Of Mirrors

Kann es sein, dass Musiker das mit der Integration leichter hinkriegen? Sprachliche Barrieren sind zweitrangig, denn Musik als Kommunikationskanal ist universal. Vorausgesetzt, es handelt sich um Musiker, die lieber mit Leidenschaft auf Entdeckertour gehen, statt sich gegen Einflüsse von außen abzuschotten. Als 19-Jähriger kommt der Tunesier Dhafer Youssef mit seiner Oud, der arabischen Laute, nach Europa und entwickelt über viele Jahre hinweg einen sehr individuellen kosmopolitischen Mix aus Sufi-Gesang, orientalischen Klängen und der Freiheit der Jazz-Improvisation. Seine neue CD hat Youssef mit drei befreundeten Musikern realisiert, die auf ihren Instrumenten ebenfalls unverwechselbar klingen: der norwegische Gitarrist Eivind Aarset, der indische Tabla-Meister Zakir Hussain und der türkische Roma-Klarinettist Hüsnü Şenlendirici. Eine Begegnung wie aus einem Guss und ein Gruppen-Sound weit jenseits strapazierter Weltmusik-Klischees. Zugleich ein Plädoyer gegen kulturelle Ab- und Ausgrenzung. Peter Rixen

CD, Ante Prima / Broken Silence


Funny van Dannen: Alles gut Motherfucker

Funny van Dannen hat was zu sagen. Diesmal in 23 Songs! Mit den Wortwitzen, ironischen Volten und lustigen Geschichten, die der Berliner Liedermacher hier erzählt, könnte ein Comedian eine komplette Karriere bestreiten. Aber was den 60-Jährigen von anderen Singer/Songwritern unterscheidet: Van Dannen, der eigentlich Franz-Josef Hagmanns-Dajka heißt, findet noch im größten Klamauk eine Wahrheit und selbst den dämlichsten Witz serviert er in berührender Poesie. Ob er in Forever Yin, Forever Yang eine Hommage an den Alphaville-Klassiker Forever Young mit einer ironischen Betrachtung der Esoterik-Szene verbindet oder in Immer diese Religionen einen Beitrag zur aktuellen Islamophobie verfasst: Nie macht sich van Dannen einfach lustig, immer ist sein Humor melancholisch und voller Empathie. Der Mann, der sich Funny nennt, kann zwar auch ernst, wenn er den „ganz normalen Wahnsinn, den man Schicksal nennt“ besingt. Am größten aber ist der Gelegenheitsmaler und Schriftsteller, wenn er wie in Der kühle Hauch vom großen Glück Liebe erzählt, aber es augenzwinkernd in Perspektive rückt: „Die Liebe macht uns froh, die Arbeit lässt uns glücklich sein, die Freizeit sowieso.“ Kann man es schöner sagen? Thomas Winkler

CD, Edition Tiamat / Indig