Leyla Mccalla: Breaking The Thermometer

Ein Hahnenschrei, ein Kehrbesen, Fahrradgeklingel. Am Anfang dieser Reise stehen alltägliche Geräusche, Leben als Klang. Leyla McCalla, Musikerin aus New Orleans, nimmt uns mit nach Haiti, woher ihre Familie stammt. Als Mitglied der Band Chocolate Drops Carolina hat die in New York geborene Cellistin und Banjo-Spielerin Musikpreise gewonnen, nun verschränkt sie auf Breaking The Thermometer geschickt ihre persönliche Geschichte mit der Politik.

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Sie vergrub sich in das Archiv des von den beiden Menschenrechtsaktivist*innen Jean Dominique und Michèle Montas bis 2003 betriebenen Senders „Radio Haiti“ und entwickelte aus dem Material zunächst ein Theaterprojekt für die renommierte Duke University. Für das Album nun verschmilzt sie die Radio-O-Töne mit Cajun-Folk, Blues, Jazz und karibischer Musik zu einer faszinierenden Melange. Ja, das ist eine Geschichtsstunde, in der die wechselvolle, immer auch wieder blutige Historie des Karibikstaates aufgearbeitet wird. Mehr noch, ein klingendes Essay, das Themen wie Migration, Identitätsfindung und das Leben zwischen zwei Welten in Töne fasst. Doch Breaking The Thermometer wird nie zur Lehrveranstaltung, sondern funktioniert auch durch seine Rhythmen und Songs, die diese komplexen Zusammenhänge sinnlich nachvollziehbar machen.Thomas Winkler

(anti/indigo)

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Rosalía: Motomami

Künstlerisch lässt die 28-jährige katalanische Musikerin Rosalia wirklich nichts anbrennen. Begonnen hat ihre steile Karriere mit einem fast futu-ristischen Konzept von Flamenco-Gesang und -Tanz, und auf dieser Basis entwickelt sie sich stetig weiter. Beides hat sie als Musikstudentin bei einem Flamencomeister perfektioniert. Auf ihrem nun dritten Album Motomami („Die Kleine auf dem Motorrad“) scheint sie künstlerisch geradezu entfesselt, was die Europäerin nun weltweit auch an die Spitze der Latino- und Popszene katapultiert hat. Unerschrocken stapft sie in den 16 Songs in immer schillern-deren Outfits durch die Welt und verleibt sich unerschrocken und sinnesfroh weitere Genres wie Salsa, Reggaeton und Bachata ein; sie sammelt Free-Jazz-Fetzen auf oder sampelt einen Whatsapp-Anruf ihrer Großmutter. Das Ergebnis ist durchaus nicht nur eingängiger Radio-Pop, sondern wirkt zwischendurch geradezu sperrig und vertrackt. Inzwischen reißen sich Popgrößen wie Billie Eilish und Beyoncé um die Zusammenarbeit. Sie selbst hält sich mit Gästen zurück, auch in die Produktion hat sich der Superstar nicht reinreden lassen. Ihre nächste Station ist eine Welttournee ab Juli. Feline Mansch

columbia/sonymusic

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VA: Sharayet el Disco

Manchmal hat die Zukunft bereits stattgefunden. Man erfährt nur nicht davon, weil die Beweise auf einem aus der Mode gekommenen Medium gespeichert wurden. Die Tracks, die der ägyptische DJ Moataz Rageb für die Compilation Sharayet el Disco ausgegraben hat, sind von 1982 bis 1992 nahezu ausschließlich in seinem Heimatland auf Kassette erschienen. Die Musik kam aus Ägypten, aber befeuerte in der gesamten arabischen Welt ein vibrierendes Nachtleben, dem seither der Islamismus fast überall ein Ende gesetzt hat. Ein Nachtleben, das gar nicht so viel anders aussah als jenes, durch das der in Amsterdam lebende Rageb heute unter dem Pseudonym Disco Arabesquo tourt. Die ausgewählten Songs sind nun wie Schnappschüsse aus dieser untergegangenen Welt, manche erinnern mit ihren synthetischen Geigen-Riffs an die Erfolge von Boney M., andere verbinden arabische Melodielinien mit westlichen Hippie-Gitarren. Ihrer Zeit voraus sind alle Tracks, weil sie westliche Pop-Konventionen mit arabischen Instrumenten und Harmonien zu einer heute etablierten Idee von globalisiertem Pop fusionieren. Thomas Winkler

Egyptian Disco & Boogie Cassette Tracks 1982–1992 (wewantsounds)