15_tanja bogusz.jpg
Tanja Bogusz: Von der Industriemechanikerin zur ProfessorinFoto: Andrea Küppers

ver.di publik: 2024 hast du ein Buch geschrieben über deine Kindheit und Jugend in Hamburg auf St. Pauli. Dein Weg in die Wissenschaft war nicht vorgezeichnet. Du hast nach der Schule zunächst eine Ausbildung gemacht, viel später erst studiert, promoviert und habilitiert und bist zurzeit Gastprofessorin für Soziologie an der Christian-Albrechts-Universität in Kiel. Jetzt bist du auch noch Bestsellerautorin. Gibt es einen Faden, der alles miteinander verbindet?

Dr. Tanja Bogusz: Ich interessiere mich einfach für viele Sachen. Ich glaube, das hat auch etwas mit St. Pauli zu tun, weil dort immer so unterschiedliche, bunte Gestalten nebeneinander existieren mit sehr diversen Geschichten und Biografien. Im Buch habe ich bewusst den Fokus auf St. Pauli gelegt, auf die Frage, was eigentlich das Aufwachsen in so einem Stadtteil – der vor allem in der Zeit, in der ich dort aufgewachsen bin, sehr stigmatisiert war – an kreativer Produktivität hervorbringt.

Wie bist du darauf gekommen, Industriemechanikerin zu lernen?

Ich wollte nach dem Abi etwas Handwerkliches lernen und habe Praktika in Druckereien gemacht. Durch mein Interesse und meine Kontakte in Gewerkschaftskreisen erfuhr ich von der Möglichkeit, über das Berufsfortbildungswerk des DGB Umschulungen zu machen. So wurde ich Industriemechanikerin. Es war speziell und ich die einzige Frau im Betrieb. Aber ich hatte keine Berührungsängste.

Warum bist du nicht dabeigeblieben?

Ich habe gemerkt, dass ich etwas machen will, wo mein Kopf nochmal anders gefordert ist. Zudem hatte ich Schwierigkeiten, eine Stelle zu finden, weil mein Zeugnis nicht besonders gut war. Trotzdem waren die Jahre für mich lehrreich. Ich habe ein bisschen das Gespür dafür bekommen, was es heißt, in der Produktion zu arbeiten.

Wie alt warst du, als du angefangen hast zu studieren?

Ich war 27. Nach der Ausbildung habe ich zunächst viele Jahre im deutsch-französischen Austausch für den DGB gearbeitet. Da habe ich gemerkt, dass es mir als Teamerin Spaß gemacht hat, Gruppen anzuleiten, dass ich mich für Frankreich interessiere, dass es mir Spaß macht, in einer anderen Sprache zu sprechen. Ich bin schon zweisprachig aufgewachsen. Zu Hause haben meine Mutter und meine Oma nur Niederländisch gesprochen – meine Oma kam aus den Niederlanden.

Die Gewerkschaft taucht immer wieder in deinem Leben auf.

Es ist eine der Konstanten in meinem Leben. Ohne das Reformprogramm der SPD in der Bildung in den 70ern und ohne die Hans-Böckler-Stiftung, die mich später gefördert hat, wäre vieles nicht möglich gewesen, was ich gemacht habe. Die 1990er Jahre waren die Zeit, wo man diesen Optimismus in Bezug auf Europa hatte, wo man dachte, jetzt könnten auch die Gewerkschaften sich noch mal anders aufstellen, es gab viele Arbeitskämpfe, gerade in Frankreich. Meine Idee, Soziologie zu studieren, kam mir damals mit dem Ziel, Referentin für Europäische Gewerkschaften zu werden.

Daraus wurde dann aber nichts.

Ich bin 2000 nach Paris gegangen, mit einem Stipendium der Hans-Böckler-Stiftung. Das hat mich sehr geprägt. Vor allem das Studium bei dem Soziologen und Sozialphilosophen Pierre Bourdieu war entscheidend dafür, zu promovieren. Vorher war für mich noch nicht klar, ob ich in die Wissenschaft gehe oder etwas anderes mache. Aber so ist es immer gewesen, ich hatte keinen Masterplan.

Deine Mutter ist früh gestorben, du hattest gerade das Abi. Sie hat nicht mehr erlebt, welchen Weg du gegangen bist. Deine Großmutter schon.

Als meine Großmutter 2009 gestorben ist, war ich 39 und promoviert. Darauf war sie unglaublich stolz. Sie musste oft lachen, wenn ich ihr vom wissenschaftlichen Leben erzählte, etwa, dass man seine Druckkosten für Veröffentlichungen selbst bezahlen muss, anstatt Geld dafür zu bekommen.

Hat sie verstanden, was du studierst?

Ich habe versucht, ihr das aus ihrer Perspektive zu erklären. Sie war in den 1950er bis Ende der 1960er Jahre Damenringkämpferin, erst in München-Schwabing, dann in der Hamburger Großen Freiheit. Sie hatte nicht nur eine ungewöhnliche Biographie, sondern auch eine unglaubliche Menschenkenntnis und keine Scheu, neue Dinge auszuprobieren, mit Lebensmodellen zu experimentieren. Solche Dinge professionell zu untersuchen, war später ein wichtiger Antrieb für mich.

Du hast deine Herkunft lange verheimlicht in deiner akademischen Umgebung.

Ja. Irgendwann habe ich angefangen zu erzählen – da war ich schon lange promoviert –, dass meine Oma Damenringkämpferin war. Aber ich habe nicht erzählt, dass meine Mutter Barfrau in der Großen Freiheit war.

Warum nicht?

Weil in der akademischen Welt immer noch stigmatisiert wird. Ich kenne niemanden von meinen Kollegen, deren Eltern im Milieu gearbeitet haben.

Hat sich nach Erscheinen deines Buches irgendetwas für dich verändert?

Definitiv. Ich fühle mich sehr befreit. Inzwischen hat sich auch gesellschaftlich vieles verändert, und diese Art von Klassenreisen-Biografien – also Geschichten eines Aufstiegs – finden ein breites Publikum. Allerdings kenne ich bisher noch niemanden, der oder die eine etablierte Professorin ist und eine vergleichbare Geschichte offenbart hat.

Du hast als Soziologin 2012 eine Expedition zur Biodiversität nach Papua-Neuguinea mitgemacht mit dem Anspruch, Ökologie und Soziologie zusammenzubringen. Was ist das Ziel deiner Forschungen?

Es geht für mich um die Frage, wie Gesellschaft und Natur, die immer als getrennte Einheiten gesehen wurden, angesichts der ökologischen Krise zusammenfinden können. Und mich interessiert: Was bedeutet die ökologische Krise für die Naturwissenschaften? Wie gehen sie damit um? Um das zu verstehen, habe ich Laborstudien gemacht, erst im Pariser Naturkundemuseum, dann bei Meerestaxonomen, also denjenigen, die neue Spezies entdecken, die noch nicht bestimmt sind. Ich war fasziniert davon, zu sehen, was es bedeutet, Arten zu erheben, wenn gerade so viele Arten sterben.

"Die Soziologie hat schon immer gesagt, Zusammenhalt kann nur funktionieren, wenn er durch sozial möglichst verschiedene Akteure realisiert wird."

Hast du zu dem Thema noch woanders geforscht?

Zuletzt habe ich länger an einer meeresbiologischen Station in der Bretagne geforscht. Dort habe ich beobachtet, wie Zusammenarbeit entsteht, wenn Menschen aus unterschiedlichen sozialen Milieus, Fischer und Wissenschaftler, kooperieren, weil die einen über ein Boot verfügen und über das professionelle Wissen aufs Meer zu fahren, während die anderen, die Wissenschaftler, auf Boote und genau dieses marine Erfahrungswissen angewiesen sind. Die Soziologie hat schon immer gesagt, Zusammenhalt kann nur funktionieren, wenn er durch sozial möglichst verschiedene Akteure realisiert wird. Und da stellt sich die Frage, wie der gegenwärtig so bedeutende Zielkonflikt zwischen sozialer und ökologischer Nachhaltigkeit bewältigt werden kann. Ich befasse mich unter anderem mit dem Beitrag soziologischer Expertise für solche Lösungen.

Bringt uns die Verknüpfung von Ökologie und Soziologie beim Thema Klimawandel nach vorne?

Ich bin davon überzeugt. Das geschieht auf mehreren Ebenen – auf der Ebene der Zusammenarbeit zwischen Natur- und Sozialwissenschaften, aber auch mit Blick auf die alltägliche Beförderung von aktiven Kooperationen zwischen Menschen, die sonst nicht unbedingt aufeinandertreffen.

Wie geht es jetzt mit deiner Arbeit weiter?

Ende Oktober wurde ich in das Heisenberg-Programm der Deutschen Forschungsgemeinschaft mit dem Thema "Soziologie des Meeres" aufgenommen. Das Schöne an diesem Programm ist, dass es nicht nur eine besondere Auszeichnung meiner bisherigen Arbeiten bedeutet, sondern dass ich nun zu diesem Thema forschen kann. Das heißt, für die nächsten fünf Jahre ist das auf jeden Fall mein Plan. Interview: Petra Welzel

15_Tanja_Bogusz_Das_Maedchen_mit_dem_Heiermann.jpg

TANJA BOGUSZ, "DAS MÄDCHEN MIT DEM HEIERMANN. GROSSWERDEN AUF ST. PAULI", ROWOHLT TASCHENBUCH 2024, 224 S., ISBN: 978-3-499-01540-3, 18 €