Ausgabe 01/2026
"Ich kann stur sein"

Dienstplan ist immer ein Thema", sagt Suse Strzyzewski. Wer im Haus beschäftigt ist, habe "feste freie Tage", zur Erholung oder für den Arztbesuch. "Die kann man nicht einfach wegnehmen", betont die 59-Jährige. Trotzdem geschehe dies. Vor allem, wenn Personal knapp sei, durch Krankheit oder in der Urlaubszeit. "Da gibt es hier und da Konflikte." Sie spreche dann mit den "Tourenplanern", die die Dienstpläne aufstellen, "und regele das". Suse Strzyzweski betont: "Gegen den Tausch von Arbeitstagen an sich ist nichts einzuwenden – aber die Kolleginnen und Kollegen müssen vorher gefragt werden."
Suse Strzyzewski ist freigestellte Betriebsrätin im Seniorenheim "Gelsenkirchen-Horst" der Arbeiterwohlfahrt (AWO). Die Einrichtung hat 137 Beschäftigte, davon 13 Auszubildende. Sie kümmern sich um die 104 Pflegebedürftigen, die hier leben.
Was ist mit Personalnot im Haus? Fachkräftemangel? "Unsere Lage ist ganz gut", antwortet das ver.di-Mitglied. Das liege auch daran, dass das AWO-Seniorenheim "Darler Heide" in Gelsenkirchen derzeit abgerissen und neu gebaut werde. "Deren Beschäftigte sind zu uns gekommen. Dadurch sind wir gut bestückt."
Die Gewerkschafterin hat reichlich zu tun. "Zum 1. September haben wir einen neuen Einrichtungsleiter bekommen." Das habe im Vorfeld für Unruhe gesorgt. "Wer kommt jetzt? Bleibt alles beim Alten?", hätten die Beschäftigten gefragt. Ihre Aufgabe sei dann, zuzuhören, einzuordnen – und, wenn nötig, die Kolleg*innen zu beruhigen. Der neue Leiter ist inzwischen einige Monate im Amt. "Das ist alles positiv verlaufen."
Immer den richtigen Ton finden
Suse Strzyzewski ist eine erfahrene Pflegeassistentin, seit 32 Jahren arbeitet sie im Haus "Gelsenkirchen-Horst". Vor 25 Jahren habe eine Kollegin sie angesprochen und gesagt, "lass dich für den Betriebsrat aufstellen." Sie habe entgegnet: "Was ist ein Betriebsrat?" Heute lacht die 59-Jährige darüber. "Ein halbes Jahr später war ich Betriebsrats-Vorsitzende." Sie besuchte Seminare, die der Gesamtbetriebsrat (GBR) des AWO-Bezirksverbandes Westliches Westfalen anbot. "Da sind mir allmählich die Lichter aufgegangen." Was sie motiviert? "Mein Gerechtigkeits-verständnis." Als ungerecht empfinde sie, "wenn jemand kein freies Wochenende hat oder zu viel arbeiten muss". In solchen Fällen lasse sie nicht locker. "Wenn ich der Überzeugung bin, dass ich recht habe, kann ich stur sein." Wichtig sei, im Gespräch mit der Einrichtungsleitung den richtigen Ton zu finden. "Die Kunst besteht darin", so die Betriebsrätin, "dass man anschließend nicht zornig aufeinander ist, sondern miteinander weiterarbeiten kann."
Frank Lüdeking ist Betriebsrat im AWO-Seniorenheim "Alte Berginspektion" in Waltrop, nördlich von Dortmund. Als Betriebsrat habe er, sagt der 57-jährige Hausmeister, vor Jahren erstmals kandidiert, nachdem der Arbeitgeber den bezahlten Bereitschaftsdienst für Hausmeister gestrichen hatte. "Das waren circa 200 Euro netto im Monat weniger", erinnert sich Lüdeking. "Das tat schon weh." Auch in Waltrop hat der Betriebsrat regelmäßig mit Dienstplänen zu tun. Außerdem steht das Thema Dienstkleidung auf der Tagesordnung. Soll jeder Wohnbereich seine eigene Farbe bekommen? Welche Modelle stehen zur Auswahl? Dürfen die Beschäftigten mitentscheiden? Ziel sei eine Betriebsvereinbarung, die festschreibt, "dass die Kolleginnen und Kollegen selbst aussuchen dürfen", berichtet der Gewerkschafter aus Waltrop.
12 Uhr 30. Gemeinsamer Rundgang durch das Haus. "Hallo", begrüßt Suse Strzyzewski die beiden Pflegekräfte im "Dienstzimmer", zuständig für den "Bauteil 1". Eine Kollegin hat jetzt Feierabend. Sie müsse gleich los, Termin beim Logopäden. Nebenan schiebt Frau Seibert*, eine schmale Bewohnerin mit grauer Kurzhaarfrisur, ihren Rollator über den Flur. "Ich muss immer laufen", sagt die alte Dame. Der Flur mündet in einen großzügigen Gemeinschaftsbereich mit Tisch, drei Stühlen und blauem Sessel. Aus einem Ghettoblaster erklingt Popmusik. Zehn Wohnungen sind vom Flur aus zu erreichen.
Im Erdgeschoss hat der fünfköpfige Betriebsrat sein Büro hat. "Ist aber nicht aufgeräumt", schmunzelt die Gewerkschafterin. Zwei Schreibtische mit PC. Ein Arbeitstisch, bedeckt mit Papieren, daneben ein Locher, auf einem Teller liegen Käse-Scheiben. Der Aktenschrank steht offen. Die Ordner sind beschriftet. "Tischvorlagen", "Außerordentliche Sitzungsprotokolle" oder "Dienstplan Nachtschicht" steht darauf. Betriebsratsmitglied Marion Heinrich, 64 Jahre, bunte Strickjacke, ist mit dem Abheften von Unterlagen beschäftigt.
Keine Überstunden aufbauen
"Sonst hat das Chaos kein Ende", sagt Marion Heinrich, die Pflegehelferin gelernt hat. Suse Strzyzewski zeigt auf den Flachbildschirm, der an der Wand befestigt ist. Mit dessen Hilfe lassen sich die Rahmendienstpläne besser studieren, erklärt sie. Die Pläne gelten jeweils für zehn Wochen. "Wir prüfen die hier unten. Dass die Ruhezeiten eingehalten werden, dass keine Überstunden aufgebaut werden."
Suse Strzyzewski und Frank Lüdeking engagieren sich auch im Gesamtbetriebsrat (GBR) des AWO-Bezirksverbandes Westliches Westfalen. Der GBR tagt alle 14 Tage in Dortmund. In den vergangenen Monaten zählte zu dessen Aufgaben, die Betriebsräte bei der Überleitung in die neue Entgeltordnung (EGO) zum Tarifvertrag der AWO in Nordrhein-Westfalen zu begleiten. Alle Beschäftigten der AWO in NRW werden neu eingruppiert. Wer im Pflegebereich arbeitet, bekommt durch EGO bereits jetzt mehr Geld. Der GBR befasst sich zudem damit, Regeln zur E-Learning-Fortbildung von Beschäftigten aufzustellen. "Das soll in den einzelnen Heimen mit Betriebsvereinbarungen geregelt werden", sagt Lüdeking.
Der AWO-Bezirksverband Westliches Westfalen erklärt, dass ihm Betriebsräte in den Seniorenheimen wichtig seien. Dessen stellvertretende Geschäftsführerin Elke Hammer-Kunze betont: "Wir sind als großer Träger nicht in der Lage und wollen dies auch nicht, zentral einen Rahmen zu setzen und den in die Einrichtungen zu schmeißen." Das funktioniere nicht. "Ich möchte, dass die Mitarbeitenden gestaltend teilnehmen an diesen Prozessen", sagt Hammer-Kunze. Das sei "nur über einen örtlichen Betriebsrat und ein konstruktives Miteinander möglich".
Von den 57 Heimen des AWO-Bezirksverbandes hätten 46 einen Betriebsrat. Da können etliche private Heimbetreiber nicht mithalten. Der Alloheim-Konzern etwa, Deutschland größter privater Seniorenheimträger, räumt ein: In lediglich 30 Seniorenheimen des Konzerns gibt es einen Betriebsrat. Nicht viele, angesichts der 294 Seniorenheime, die Alloheim betreibt.
Doch auch beim AWO-Bezirksverband läuft nicht alles so, wie es die Betriebsräte fordern. "In den letzten Jahren sind zwei Seniorenheime geschlossen worden, eines davon dauerhaft", berichtet Frank Lüdeking. Getroffen hat es 2024 das AWO-Heim "Am Katzenbuckel" in Herne, so Lüdeking. Zwar erhielten etwas 95 Prozent der betroffenen Mitarbeiter*innen eine neue Stelle in benachbarten AWO-Heimen. Doch habe die AWO den GBR über die Schließung nicht informiert. "Wir haben das aus der Presse erfahren", so Lüdeking. "Das finde ich persönlich schwierig."
Betriebsratswahlen
Kümmerer im Betrieb
Vom 1. März bis zum 31. Mai werden turnusgemäß neue Betriebsräte gewählt. Einige der Kandidierenden treten erstmals an, andere haben Erfahrungen aus der Jugend- und Auszubildendenvertretung, wieder andere sind schon seit Jahren für diese Aufgabe von ihrer eigentlichen Arbeit freigestellt. Doch eins ist allen gemeinsam: Sie sorgen – mit ver.di im Rücken – für gute Bedingungen für die Beschäftigten. Sie sind die Kümmerer im Betrieb. Daher unterstütze sie: Mit deiner Stimmen für die ver.di-Kandidierenden.
Heike Langenberg