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Olha VorozhbytFoto: privat

In einigen Wochen werden die Medien vermutlich wieder intensiver über den russisch-ukrainischen Krieg berichten – der 24. Februar rückt näher, der vierte Jahrestag der vollständigen Invasion. Derweil erleben die Ukrainer den schwierigsten Winter seit der Wiederherstellung ihrer Unabhängigkeit. Nach den russischen Angriffen bleiben Hunderttausende Menschen mehrere Tage lang ohne Heizung, Strom oder Wasser oder ohne alle drei Ressourcen, die für das Überleben im kalten Winter notwendig sind.

Unter diesen Bedingungen erscheint es kaum vorstellbar, dass die Ukraine vor Beginn der groß angelegten Invasion so viel Strom produzierte, dass sie ihn sogar exportierte. Fast ein Viertel (23 Prozent) dieser Produktion entfiel vor 2022 auf das AKW Saporischschja – das größte Atomkraftwerk Europas, das sich derzeit unter russischer Besatzung befindet. Heute ist das Kraftwerk im sogenannten „Kaltstillstand“ und erzeugt keinerlei Elektrizität. Sein Schicksal ist inzwischen Teil von Friedensverhandlungen. Bereits im Dezember schlugen die USA vor, die Verwaltung des Kernkraftwerks Saporischschja zu gleichen Teilen (je 33 Prozent) zwischen der Ukraine, den USA und Russland aufzuteilen. Präsident Wolodymyr Selenskyj schlug hingegen eine gemeinsame Verwaltung des Kernkraftwerks Saporischschja mit den USA vor, bei der jede Seite 50 Prozent der erzeugten Energie erhalten würde.

Doch das sind nur Zahlen. Hinter ihnen steht das Schicksal von Menschen. Vor der russischen Invasion arbeiteten dort rund 11.000 Beschäftigte. Nach der Besetzung verwandelte Russland das Kraftwerk faktisch in einen Militärstützpunkt: Soldaten und schwere Militärtechnik sind dort permanent stationiert. Nach Angaben von Energoatom, dem staatlichen Betreiber der ukrainischen Kernkraftwerke, haben bis Ende Dezember 2025 insgesamt 5.318 Beschäftigte die Stadt Enerhodar verlassen, eine von Russland besetzte Satellitenstadt des Kraftwerks.

Über 2.000 Einwohner Enerhodars (darunter auch Mitarbeiter des Kernkraftwerks) wurden gefoltert und illegal festgehalten. Bis heute sind 35 Einwohner der Stadt (darunter 15 Mitarbeiter des Kernkraftwerks) von den Russen entführt worden. Sie befinden sich in Gefängnissen auf dem Territorium Russlands oder in vorübergehend besetzten Gebieten. Dort werden sie oft gefoltert und körperlich und seelisch misshandelt. Es ist bekannt, dass sich der Gesundheitszustand vieler Inhaftierter erheblich verschlechtert hat.

„Mein Mann war seiner Arbeit sehr verbunden“

Oleksij Braschnyk, Ingenieur für physische Sicherheit des Kernkraftwerks Saporischschja, ist einer von ihnen. Am 21. September 2022 wurde er an seinem Arbeitsplatz vom russischen Militär verschleppt. Über seinen Aufenthaltsort gibt es bis heute keine offiziellen Informationen. „Mein Mann war seiner Arbeit sehr verbunden“, sagt seine Frau Switlana Braschnyk. Sie verließ Enerhodar nach der Besetzung gemeinsam mit ihren Töchtern, während Oleksij in der Stadt blieb und weiter im Kraftwerk arbeitete. „Oleksij hatte eine klar pro-ukrainische Haltung und machte daraus kein Geheimnis“, erzählt Switlana. Sie vermutet, dass dies der Grund für seine Entführung durch die Russen war.

Enerhodar war eine der Städte, in denen unbewaffnete Menschen massenhaft gegen russische Technik und Soldaten protestierten, um ihren Widerstand zu bekunden. „Die Menschen sahen [russische] Scharfschützen, gingen aber trotzdem zur Arbeit“, fügt Svitlana über die Tage vor der Besetzung der Stadt und des Kernkraftwerks durch russische Truppen hinzu.

„Die Atomgewerkschaft führt eine permanente Informationskampagne auf allen internationalen Plattformen durch, um zu informieren, Aufmerksamkeit zu erregen und Möglichkeiten für den Austausch der entführten Mitarbeiter des Kernkraftwerks Saporischschja zu finden“, sagt Lesja Semenjaka, zuständig für internationale Arbeit der Gewerkschaft der Arbeitnehmer der Atomenergieindustrie der Ukraine. Ihre Organisation versucht, Unterstützung von Kollegen aus dem Ausland zu sammeln.

Nach Angaben der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte hält Russland mehr als 14.000 ukrainische Zivilisten illegal fest. Manchmal gelingt es ihnen, durch einen Austausch nach Hause zurückzukehren, wie es bei Kriegsgefangenen der Fall ist, aber bisher konnte keiner der von Russland inhaftierten Mitarbeiter des Kernkraftwerks Saporischschja auf diese Weise zurückkehren. Angehörige und Kollegen in der Ukraine versuchen dennoch, den Prozess voranzutreiben. Solidarität und Unterstützung von Kolleginnen und Kollegen aus Deutschland und aus aller Welt wären dabei von unschätzbarem Wert.

Olha Vorozhbyt ist stellvertretende Chef-Redakteurin des ukrainischen Nachrichtenmagazins Ukrajinskyi Tyschden. Seit der Ausgabe 03_2022 schreibt sie regelmäßig für uns ein Update aus der Arbeitswelt in der Ukraine.