05_nahverkehr_busfahrerin_01
Verlässliche Busse und Bahnen sind nur möglich mit genug Personal und attraktiven ArbeitsbedingungenFoto: Rolf Schulten

Arbeiten bis spät in die Nacht oder am Wochenende, die Pausen zu kurz, die Zuschläge zu niedrig oder lange Arbeitstage durch geteilte Dienste – Beschäftigte im kommunalen Nahverkehr kämpfen mit besonderen Belastungen. Diese Bürden müssen ausgeglichen werden, damit auch weiterhin Menschen für das Fahren von Bussen und Bahnen bereitstehen. Mit einer gemeinsamen Übergabe ihrer Tarifforderungen in allen 16 Bundesländern hat ver.di die Tarifrunde zu den Arbeitsbedingungen im kommunalen Nahverkehr eingeläutet.

In dieser bundesweiten Tarifrunde verhandelt die Gewerkschaft für Beschäftigte in knapp 150 kommunalen Unternehmen in ebenso vielen Städten und Landkreisen sowie in den drei Stadtstaaten Berlin, Hamburg und Bremen. Vorab wurden in 15 Bundesländern die Flächentarifverträge über die Arbeitsbedingungen in den Unternehmen des öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV) gekündigt, zudem die Haustarifverträge der Hamburger Hochbahn und der Verkehrsbetriebe Hamburg-Holstein (VHH). In Brandenburg, Thüringen und dem Saarland werden zusätzlich zu den Arbeitsbedingungen auch die Löhne und Gehälter der Beschäftigten verhandelt.

Das sagen Beschäftigte

Andre Page arbeitet seit 25 Jahren als Mechaniker in einer Buswerkstatt in Dortmund. Als Mitglied der ver.di-Tarifkommission setzt er sich für bessere Arbeitsbedingungen ein. "In den letzten Jahren ist die Arbeitsverdichtung immer größer geworden, die Stundenkonten sind voll. Deswegen liegt unser Fokus auf Entlastung. Auf dienstlicher Ebene müssen wir aber auch dafür sorgen, dass es wirklich Entlastung wird. Um das zu ändern, brauchen wir mehr Personal, gerade da, wo die Arbeit liegen bleibt." Das würde durch den demografischen Wandel und die Unterfinanzierung des ÖPNV in den nächsten Jahren nicht leichter. "Stattdessen hören wir von Arbeitgeberseite, sie können kein Personal einstellen, da der ÖPNV auf wackligen Beinen stehe." Doch nur mit guten Arbeitsbedingungen lasse sich Personal finden, das die Arbeit auch machen wolle, so Page. "Unser Ziel ist ein gemeinsamer Tarifvertrag, um letztendlich die Arbeitsbedingungen für uns alle zu verbessern.

Ronny Schlie ist Betriebsratsvorsitzender bei der Verkehrsgesellschaft Ludwigslust-Parchim und seit 20 Jahren Busfahrer. "Wir haben zu 90 Prozent geteilte Dienste, das heißt früh morgens und am späten Nachmittag das Fahren der Schulbusse, dazwischen liegt unbezahlte Freizeit. Das macht einen Arbeitstag extrem lang, 12 bis 13 Stunden", erläutert er. Wer die Stadtbusse fahre, sitze dagegen 8 bis 9 Stunden am Stück am Steuer und habe nur eine kurze Pause. "Die reicht kaum, um die Toiletten aufzusuchen." Ein weiteres Problem: "Wir haben zwar Arbeitszeitkonten, aber man hat die Zeit nicht selbst in der Hand." In der Schulzeit füllten sich die Konten, in den Ferien müssten sie abgebaut werden. "Auf der einen Seite Kleckerdienste von 2,5 Stunden, auf der anderen überlange Arbeitszeiten." Arbeitszeitverkürzungen und Dienste mit mindestens 6 Stunden würden helfen; auch um Nachwuchskräfte zu finden, betont er.

Julia Riemer arbeitet als Trambahnfahrerin bei der MVG München und ist Betriebsrätin. "Der Beruf macht mir wahnsinnig Spaß, wie den meisten von uns. Aber die Arbeitsbedingungen sind schwierig", berichtet sie. Wegezeiten zwischen zwei Dienstzeiten würden nicht als Arbeitszeit anerkannt. "In unserer Pause müssen wir von A nach B wechseln, um dort weiterzuarbeiten." Und in jeder Tarifrunde würden die Arbeitsbedingungen gegen die Tabellenentgelte ausgespielt. "Wir fordern deshalb die Trennung des Mantel- und Lohntarifvertrags. Außerdem kämpfen wir für die Verkürzung der Arbeitszeit auf 35 Stunden bei vollem Lohnausgleich." Das soll auch bessere Dienstpläne ermöglichen, denn bei Vollzeit mit 38,5 Stunden hätten die Beschäftigten oft so ungünstige Arbeitszeiten, dass ihnen oftmals nur einzelne freie Tage zwischen je 5 Diensttagen zugestanden würden. "Das schlaucht auf Dauer", betont Riemer. Das würde dann wegfallen. "Zudem fordern wir die Anhebung aller Tabellenwerte auf 668,75 Euro und damit das Schließen der Lohnlücke zum TV-V." Sie kritisiert, im selben Unternehmen gebe es in den Werkstätten zwei Tarifverträge, den TV-N und den besseren TV-V. "Da ist klar, wo sich die Leute bewerben und wo sie wegbleiben."

Es ist Daseinsvorsorge

"Attraktive Arbeitsbedingungen sind ein Schlüsselthema für den ÖPNV", betonte auch die stellvertretende ver.di-Vorsitzende Christine Behle bei der Übergabe der Forderungen: "Nur mit guter Arbeit in den Betrieben lassen sich die Fachkräfte finden und halten, die wir für einen funktionierenden Nahverkehr dringend brauchen." Verlässliche Busse und Bahnen seien ein unverzichtbarer Teil der Daseinsvorsorge. Doch die massive Fluktuation in vielen Betrieben zeige die Probleme auf: ungünstige Arbeitszeiten, Schichtdienste, kurze Pausen, zu geringe Zuschläge. "Uns geht es in dieser Tarifrunde darum, die Belastungen zu mindern oder fair auszugleichen. Damit sich wieder motivierte Menschen finden, die auch in Zukunft Nahverkehr planen, disponieren und die Fahrzeuge fahren und reparieren wollen."