Ausgabe 02/2026
Aus dem ver.di-Werkzeugkoffer
Was können Mitglieder tun, um in ihrem Betrieb aktiv zu werden? Wie gewinnt man weitere Mitglieder, um mehr durchzusetzen? Wir stellen verschiedene "Werkzeuge" vor, die in gewerkschaftlicher Arbeit und Auseinandersetzungen erfolgreich eingesetzt wurden. Dieses Mal erzählen die Tarifbotschafter Matthias Willms und Jan Dittmer, beschäftigt als Operatoren in der Tunnelleitzentrale Hamm bei der Autobahn GmbH, von ihren Erfahrungen mit Wirkungsstreiks.

Aus Anlass der ersten Tarifverhandlungen habt ihr das erste Mal gestreikt. Wie war's? Jan: Toll. Das hat das Gemeinschaftsgefühl hier nochmal deutlich gestärkt und uns gezeigt: Wenn es um etwas geht, ziehen wir alle an einem Strang.
Warum ist eure Arbeit als Tunnel-Operatoren so wichtig? Matthias: Alle Tunnel ab 400 Metern werden aus Sicherheitsgründen videoüberwacht. So ein Tunnel hat zig Datenpunkte. Wenn zum Beispiel eine Fluchttür aufgeht, bekommen wir hier oben eine Meldung. Wenn es einen Anruf aus dem Tunnel oder einen Alarm gibt, landet der bei uns. Alles, was die Sicherheit des Tunnels betrifft, schlägt bei uns auf. Und wenn so ein Tunnel nicht überwacht werden kann, also wenn wir nicht da sind, muss er geschlossen werden. Jan: Diese "Richtlinie für die Anlage und den Betrieb von Straßentunneln" ist nach der großen Brandkatstrophe im Gotthardtunnel, bei der elf Menschen starben, aufgesetzt worden.
Trotzdem habt ihr gestreikt… Jan: Ja, während der dritten Verhandlungsrunde. Bei den ersten zwei Verhandlungsrunden haben nur die Autobahnmeistereien und die Verwaltung gestreikt. Danach wollten wir den Druck erhöhen und haben entschieden, auch die Tunnelleit- und Verkehrszentralen zu bestreiken. Matthias: Das war nicht ganz einfach. Wir wollten eine Notdienstvereinbarung, aber anfangs wollte die Autobahn GmbH das nicht unterschreiben. Es hieß, wir dürfen nicht streiken, da wir kritische Infrastruktur sind. Mit Hilfe von ver.di und den sehr engagierten Gewerkschaftern haben wir dem aber widersprochen. Jan: Wir waren durch die Aussagen des Arbeitgebers nicht sicher, ob wir streiken dürfen. Der hat versucht uns mit unserer Verantwortung unter Druck zu setzen. Klar haben wir ein Verantwortungsbewusstsein. Unser Anliegen ist als Erstes, die Verkehrsteilnehmer sicher durch die Tunnel zu geleiten. Dafür sitzen wir hier. Matthias: Wir konnten die Notdienstvereinbarung dann auf den letzten Drücker, kurz vorm Streik, abschließen. Wir hatten zwar keine kompletten Tunnelsperrungen, wie wir wollten, sondern nur Spursperrungen in drei Tunneln. Aber in dem kritischsten hatten wir fünf Kilometer Stau.
Ein Streik mit Wirkung. Matthias: Ja, genau. Sodass es die Bürger merken. Wenn die Autobahnmeistereien streiken und keine Tagesbaustellen gemacht werden, dann merkt das keiner. Oder es ist für die Autofahrer sogar noch besser, weil sie freie Fahrt haben. Da sind wir hier in der Tunnelleitzentrale schon das optimale Mittel, um den Arbeitgeber zu bewegen.
Was könnt ihr an Tipps weitergeben? Jan: Man muss sich ganz klar die Bereiche raussuchen, die öffentlichkeitswirksam sind. Uns war nicht bewusst, dass wir so ein starker Hebel sind. Klar nervt es die Bürger, aber wir machen das ja nicht um den Menschen weh zu tun, sondern um unsere Rechte durchzusetzen. Es geht darum, eine faire Entlohnung und faire Arbeitsbedingungen zu bekommen und die Streiks dafür müssen den Arbeitgebern weh tun.
ver.di bietet dieses und anderes „Gewerkschaftswerkzeug“ in Schulungen an. Einen tieferen Einblick und Materialien findest du auf der Seite des Projektes Zukunft der Mitgliedergewinnung unter zdm-werkzeuge.verdi.de