13_Altersdiskriminierung_50_Jahre.jpg
Illustration: Linda Lee Wölfel

O-Ton-Protokoll Türkiz Talay, Diplom-Politologin, Referentin für Öffentlichkeitsarbeit und Kommunikation, arbeitssuchend in Berli n/ Brandenburg, Anfang Januar 2026

"Ich bin schon seit 16 Monaten auf Jobsuche. Ich bin langsam echt verzweifelt. Mein letzter Arbeitgeber – ein Startup – hatte mich und sieben weitere Kolleg*innen im September 2024 nach 1,5 Jahren betriebsbedingt gekündigt. Seitdem suche ich eine neue Anstellung. Ich habe schon 143 Bewerbungen geschrieben. Aber es hagelt nur Absagen – ohne, dass ich überhaupt eingeladen werde. Teilweise kommen die Absagen schon einen Tag nach meiner Bewerbung. Da hat doch noch niemand meine Bewerbung gelesen. Ich bekomme nicht mal die Chance mich vorzustellen, selbst bei Stellen, auf die ich perfekt passe. In all dieser Zeit wurde ich nur zwei Mal eingeladen. Ich weiß nicht, woran es liegt. Ich bringe so viel Expertise mit, auch in verschiedenen Bereichen. Die vielen Absagen machen was mit mir. Ich fange an, an mir selbst zu zweifeln, stelle meine Fähigkeiten in Frage.

Ich weiß nicht, was ich noch tun kann, was ich an meinen Bewerbungen noch verbessern kann. Wenn ich bei Unternehmen nachfrage, ob sie mir bitte ein konstruktives Feedback für die Absage geben können – teilweise tue ich das, vor allem wenn ich wirklich gut auf die Stelle gepasst hätte – bekomme ich meist keine Antwort. Oder es kommt so ein Standardschreiben: zu viele qualifizierte Bewerbungen etc.. Also tappe ich weiter im Dunkeln. Ich vermute langsam, das ist die böse Fünf vorne – ich werde im April 52 Jahre. Als ich das letzte Mal arbeitslos war – das war vor dem Startup vor vier Jahren – da war's noch ganz anders. Da habe ich 30 Bewerbungen geschrieben und hatte sofort sechs Einladungen. Aber da war ich eben auch noch unter 50.

Ich dachte eigentlich, wir älteren Frauen wären der Goldstaub. Mit dem Fachkräftemangel werden sie sich nach uns die Finger lecken. Wir sind noch fit, haben jede Menge Erfahrung, aber keine kleinen Kinder mehr, können noch richtig arbeiten. Ich dachte, ich bin die perfekte Arbeitnehmerin. Meine Kinder sind aus dem Gröbsten raus und ich kann wirklich ackern. Also eigentlich meine besten Jahre. Aber davon habe ich die letzten Monate gar nichts gemerkt. Mich will einfach keiner mehr haben. Und ich soll noch bis 67 arbeiten – wenn's nach unserem Bundeskanzler geht sogar noch länger. Wie soll das denn funktionieren, wenn mich ab 50 keiner mehr haben will?"

Technisch nicht versiert, unflexibel und zu teuer?

So wie Türkiz Talay geht es vielen Jobsuchenden über 50. Wer aus der Arbeitslosigkeit heraus eine neue Stelle sucht, hat es oft schwerer als jüngere Bewerberinnen und Bewerber. Trotz passender Qualifikation werden Menschen über 50 im Bewerbungsprozess häufiger aussortiert. Die gängigen Vorurteile: Sie seien technisch weniger versiert, weniger produktiv, häufiger krank, unflexibel und hätten – aufgrund ihrer Erfahrung – zu hohe Gehaltsvorstellungen.

"Wir müssen über die negativen Altersbilder in unserer Gesellschaft reden: Noch immer glauben Menschen, ältere Kollegen am Arbeitsplatz seien eine Belastung. Das ist Unsinn und schadet der Wirtschaft", so die Unabhängige Bundesbeauftragte für Antidiskriminierung, Ferda Ataman. Laut einer repräsentativen Umfrage im Auftrag der Antidiskriminierungsstelle des Bundes ist Altersdiskriminierung weit verbreitet – 45 Prozent der Menschen in Deutschland ab 16 Jahren haben sie bereits erlebt – besonders im Arbeitsleben. Bei den über 45-Jährigen, was die Hälfte der Bevölkerung in Deutschland ausmacht, berichten 39 Prozent von Altersdiskriminierung im Zusammenhang mit ihrer Erwerbstätigkeit. Eine Umfrage unter Personalverantwortlichen im Auftrag des Jobportals indeed bestätigt diese Wahrnehmung. 20 Prozent der Befragten gaben an, dass Bewerberinnen und Bewerber ab 55 zu alt für ihr Team oder ihr Unternehmen seien.

Dabei dürfte es Altersdiskriminierung am Arbeitsplatz offiziell gar nicht geben. Das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) verbietet Benachteiligungen aufgrund des Alters – etwa bei Einstellung, Beförderung oder Kündigung. Betroffene können Ansprüche auf Entschädigung geltend machen. Doch nur wenige tun das. "Die meisten Menschen verarbeiten ihre Diskriminierungserfahrungen allein, statt sich Beratung zu holen und sich zu wehren", so Ataman. Zudem ist Altersdiskriminierung schwer nachzuweisen. Immer wieder müssen Arbeitsgerichte klären, ob bestimmte Formulierungen in Stellenanzeigen – wie etwa "Digital Natives gesucht" oder "junges, dynamisches Team sucht dich" – bestimmte Bewerberinnen und Bewerber benachteiligen.

Der zunehmende Fachkräftemangel in Deutschland sollte sich eigentlich positiv auf die Beschäftigung älterer Arbeitskräfte auswirken. Tatsächlich ist die Erwerbstätigenquote der 55- bis 65-Jährigen stark gestiegen: von 2000 bis 2024 hat sie sich von 37 auf 75 Prozent verdoppelt. Das liegt jedoch vor allem daran, dass mehr ältere Menschen länger im bestehenden Job bleiben. Die Chancen, aus der Arbeitslosigkeit heraus eine neue Stelle zu finden, haben sich für diese Altersgruppe kaum verbessert. Während die jährliche Abgangsrate aus der Arbeitslosigkeit in eine sozial-versicherungspflichtige Beschäftigung bei den 30- bis 39-Jährigen bei 35,6 Prozent liegt, sind es bei den 50- bis 54-Jährigen nur noch 29 Prozent, ab 55 Jahren nur noch 26,8 Prozent, bei den über 60-Jährigen sogar nur noch 17,4 Prozent (Bundesagentur für Arbeit, 2025). Wobei die Chancen für Frauen in allen Altersgruppen noch schlechter stehen als für Männer – eine doppelte Diskriminierung.

Türkiz Talay, Nachtrag Mitte Januar 2026:

"Ich hatte gestern mein erstes Vorstellungsgespräch – nach Monaten! Für eine Stelle als Online-Redakteurin bei einem Institut. Es war ein halb-anonymisiertes Verfahren mit einem Fragebogen, der vorab ausgefüllt werden musste – völlig neutral, also ohne Hinweise auf Alter, Geschlecht, Herkunft etc. Sowas habe ich zum ersten Mal erlebt. Danach kam prompt die Einladung. Das Gespräch war sehr nett. Aber die Konkurrenz ist groß, es haben sich so viele Menschen beworben wie nie zuvor, haben sie gesagt. Und das auf eine bis Oktober befristete Stelle."

"Ich habe die Zusage für die Stelle erhalten. Halleluja! Ich freue mich so sehr. Es ist nur eine befristete Stelle, aber wer weiß, vielleicht wird sie verlängert oder ich kann von dort aus intern weiter. Ich bin so erleichtert, dass diese Jobsuche vorbei ist. Das war echt ein krasser Marathon die letzten 17 Monate.