Ausgabe 03/2026
Bis zu 18 Stunden täglich, 7 Tage die Woche
Die fensterlosen Werkshallen wirken wie Kisten, die jemand nebeneinander geworfen hat und obwohl Samstag ist, herrscht reger Betrieb in den Textilfabriken von Prato. Es ist noch die Toskana, aber die Zypressen im Industriegebiet im Norden der Region Florenz sind von Beton umzingelt. Ein LKW-Fahrer fuchtelt drohend mit seinem Telefon, er werde die Polizei rufen. Doch die Arbeiter und Gewerkschaftsaktivisten beeindruckt das an diesem Vormittag nicht: "Sciopero! Sciopero!" – "Streik! Streik!", skandieren sie und blockieren die Zufahrt. "Heute gibt es keine Lieferungen!"
Der 22-jährige Ahmad Waleed schwingt eine Gewerkschaftsfahne und fordert mehr Rechte für sich und seine Kollegen. Für den Textilarbeiter aus Pakistan ist es der erste Streik. "Ich arbeite sieben Tage die Woche, zwölf Stunden", sagt Waleed und streicht sich über seine glatten Haare. Er ist bei dem Unternehmen Elafilo angestellt. Die chinesisch geführte Fabrik produziert Einzelteile von Klamotten, erzählt Waleed, während er sein Kinn beim Sprechen unter dem Kragen seiner Jacke verbirgt. Bisher habe er jeden Monat nur einen oder zwei Tage frei gehabt. "Nicht mehr", sagt er und nickt nachdrücklich. Er wolle endlich eine 40-Stunden-Woche und Bezahlung nach Tarif.
Wenn man in einem Geschäft eine in Italien produzierte Handtasche kauft, dann denken viele Menschen an maßvoll arbeitende Handwerksbetriebe, grüne Hügellandschaften und sicher auch an faire Arbeitsbedingungen. Luxusmarken wie Montblanc, Dior oder Giorgio Armani bauen auf dieses Image auf. Doch Waleed ist nicht der Einzige, der von Ausbeutung berichtet. Die Stadt im Norden von Florenz gilt als die Schattenseite der Florentiner Modeboutiquen. Mit mehr als 6.000 Betrieben ist Prato der größte Textilstandort Europas. Meist migrantische Arbeiter aus China, Pakistan oder Bangladesch schuften hier bis zu 18 Stunden täglich, 7 Tage die Woche.
Made in China aus der Toskana?
Einer der schon lange die Situation migrantischer Arbeiter beobachtet, ist Devi Sacchetto, er ist Professor für Soziologie an der Universität von Padua. "Mit der Globalisierung brachen in den 80ern Teile der Modeindustrie von Prato zusammen", erklärt er. Weil eine Fertigung in Italien nicht nur ein Standortfaktor, sondern auch ein Kaufargument sei, so Sacchetto, hätten viele Marken nicht einfach die Produktion nach Südostasien verlagern können. Es seien chinesische Unternehmer gewesen, die damals einsprangen, erzählt er.
Sie kauften oder mieteten Werkshallen und produzierten seitdem für diverse Marken, von den No Name-Produzenten bis hin zu den Riesen des Geschäfts. Mittlerweile ähneln die Arbeitsbedingungen in Prato immer mehr denen in China. Was also würde es mit einer Handtasche von Montblanc machen, wenn auf dem eingenähten Zettel nicht "Made in Italy", sondern "Made in China" stünde?
Waleeds Gewerkschaft, die Sudd Cobas, streikt gegen einen Zulieferer der für ihre Füller und Lederwaren bekannten Luxusmarke Montblanc. Die Marke soll in Prato über Jahre hinweg, so der Vorwurf der Sudd Cobas, Handtaschen unter ausbeuterischen Bedingungen produziert haben. Auch in Mailand bröckelt das Image von Made in Italy. Im Dezember 2025 wurde bekannt, dass die italienische Staatsanwaltschaft 13 Luxusmarken der Ausbeutung in ihren Lieferketten verdächtigt, darunter finden sich Namen wie Prada, Versace, Ferragamo oder Gucci. Vergangenes Jahr stellte die Mailänder Staatsanwaltschaft unter anderem die Kaschmirfirma Loro Piana und den Luxusschuhhersteller Tod's unter gerichtliche Verwaltung. Ein Jahr zuvor mussten die Marken Dior und Giorgo Armani dran glauben.
3,50 Euro Stundenlohn
Vor der Lagerhalle schwingen die Gewerkschaftsfahnen. Verliert Waleed wegen dieses Streiks seinen Job, könnte das seine Abschiebung zur Folge haben. Um bleiben zu dürfen, müssen Migranten in Italien einen Arbeitsvertrag vorweisen können. Doch so wie bisher wolle er nicht weiterarbeiten.
Waleeds Monatslohn liegt bei 1.200 Euro, sagt er. Das ist ein Stundenlohn von 3,50 Euro. Manchmal habe er sogar nur 600 Euro erhalten. Waleed beschwert sich zudem über fehlende Pausen. "Ich komme morgens um acht und gehe abends um acht." In dieser Zeit habe er nur eine viertelstündige Brotpause. Als ihm ein Freund von einer Gewerkschaft erzählte, die ihm geholfen habe, seine Rechte zu erkämpfen, da sei Waleed klar geworden: "Ich werde etwas unternehmen."
Ein Mann in einer grellgrünen Steppjacke diskutiert mit den Arbeitern, es ist der LKW-Fahrer: "Ich bin schon seit gestern hier, aber wenn ihr nicht geht, kann ich nicht weg, das ist doch unfair." Waleed schüttelt nur den Kopf. Der Fahrer gestikuliert, sagt: "Sowas kann man doch juristisch lösen, geht zum Ordnungsamt", sagt er. "Wir haben den Behörden schon einige Male von unseren Arbeitsbedingungen berichtet", antwortet Waleed. Es habe nie Konsequenzen gegeben.
Mittlerweile strahlt die Mittagssonne auf Waleed herab. Er hat es sich auf einem zur Sitzdecke umfunktionierten Karton gemütlich gemacht. Seine Reise von Pakistan nach Italien hatte viele Stopps. Er zeigt Bilder von sich in Istanbul, wo er bereits zwei Jahre lang im Textilsektor arbeitete. Ein Ehrenmord sei der Grund für seine Flucht gewesen. Nachdem der Bruder seiner Freundin, die beiden gemeinsam erwischte, tötete er sie. Waleed schaut weg, während er das erzählt. "Du musst fort! Er weiß, dass du in Islamabad bist", habe ihm damals ein Freund am Hörer gesagt. Dann lächelt er sanft, als wollte er die Geschichte wegwischen.
In die chinesischen Betriebe in Prato sind bisher kaum große Gewerkschaften vorgedrungen. Auch weil viele der Betriebe nicht mehr als ein Dutzend Angestellter haben und die migrantischen Arbeiter oft nicht von ihren Rechten wissen, fällt es den meisten Gewerkschaften schwer, hier Fuß zu fassen. Die geringe Zahl an Lohnabhängigen, die man pro Betrieb organisieren kann, erschwert die Sache zusätzlich. An Waleeds Streik nehmen außer ihm fünf seiner Kollegen teil.
Von Streik zu Streik mehr Macht
"Wenn migrantische Arbeiter streiken, dann meist, um normale Bedingungen der Ausbeutung zu erreichen.", sagt der Soziologe Sacchetto. Diese Arbeiter fänden sich oft in sehr schlechten Arbeitsbedingungen wieder. Doch wenn einmal grundlegende Rechte erkämpft seien, so der Soziologe, könnten auch andere Rechte erreicht werden. "Von Streik zu Streik baust du Macht auf", sagt Sacchetto.
Die Graswurzelgewerkschaft Sudd Cobas mit ihren rund 1.000 Mitgliedern setzt genau da an. Sie kämpft für "Eight to Five" – acht Stunden an fünf Tagen. Nach eigenen Aussagen habe sie allein im vergangenen Jahr in 75 Unternehmen die 40-Stunden-Woche erkämpft. Was ist so anders an dieser Gewerkschaft?
Die Sudd-Cobas-Gewerkschafter kennen durch ihre jahrelange Präsenz vor Ort die kulturellen Gepflogenheiten der migrantischen Arbeiter und finden so ihren Zugang zu ihnen. "Sachen wie Essgewohnheiten oder wie man einander begrüßt, machen da einen großen Unterschied", erklärt Sarah Caudiero, Co-Leiterin der Sudd Cobas. Während sie mit einem Beamten des Ordnungsamtes diskutiert, bleibt sie ruhig, eine Hand in der Hosentasche, fixiert sie mit ihren schmalen Augen den Beamten: "Wir haben das Recht hier zu sein." Auch weil Sudd Cobas sich mit Fabrikblockaden einen radikalen Ansatz erlaubt, ist sie erfolgreich. "Keine Rechte, keine Lieferungen!", das ist das Motto. Sie blockieren Zufahrten und halten so die Lieferkette an.
"Der beste Garant für die Rechte der Arbeiter ist die gewerkschaftliche Organisation der Fabriken."
Deborah Lucchetti, Koordinatorin der Clean Clothes Campain
Das ruft auch Gegenwind hervor. Herbst 2024 wurde Luca Toscano, Caudieros Kollege an der Spitze der Gewerkschaft, während eines nächtlichen Streikpostens von Bewaffneten angegriffen. Er kam ins Krankenhaus. Daraufhin gingen in Prato noch in derselben Nacht 150 Menschen auf die Straße. Und es folgte eine Welle von Streiks. Toscano schaut unbeeindruckt von der Gewalt durch seine Vintage-Drahtbrille: "Aggression durch die Mafia, aber auch Zusammenstöße mit der Polizei, Verhaftungen, Anklagen und all diese Sachen sind Teil von sozialen Konflikten, das gehört dazu. Jedes unserer Mitglieder ist das Ergebnis eines harten Kampfes", erklärt er. Meist seien es Arbeiter, die ihre Kollegen auf Sudd Cobas aufmerksam machten. Und so wagen es immer mehr Textilarbeiter: Sie organisieren sich.
Graswurzelgewerkschaft gegen Weltkonzern
Das bisher größte Kapitel der Sudd Cobas waren ihre Streiks gegen Z-Production, einem Zulieferer von Montblanc. Die Marke gehört zum Genfer Modekonzern Richemont, dem fünftgrößten Luxusgüterunternehmen der Welt.
Der ver.di publik liegen Videos und Bilder aus den Produktionsräumen von Z-Production vor. Auf den Bildern hängen hunderte Montblanc-Lederhandtaschen und Rucksäcke von Kleiderstangen. Stapelweise türmen sich die Luxus-Portemonnaies und Gürtel der Marke in Umzugskisten. Die Handtaschen, die in Boutiquen sorgfältig kuratiert zur Schau gestellt werden, liegen zu Dutzenden in Plastikkisten. Alles wirkt wie Massenanfertigung.
Z-Production soll, laut Caudiero, mit seinen etwa 70 Angestellten ausschließlich für Montblanc produziert haben. Für Handtaschenmodelle, die für 2.000 Euro verkauft werden, habe die Richemont-Tochter dem Subunternehmen 60 Euro gezahlt, berichtet sie.
Ali Muqdass, einer der Arbeiter, die damals in dieser Fabrik arbeiteten, sitzt schon seit Stunden im Auto. Mit einer Gewerkschafterin zusammen fährt er zu einem Vortrag in der Schweiz. An einer Universität wollen sie erzählen, was der Schweizer Konzern Richemont sich in Prato alles zu Schulden kommen lasse. Als er noch bei Z-Production angestellt war, hatte er einen Teilzeitvertrag über vier Stunden am Tag. In Wirklichkeit arbeitete er aber mindestens zwölf Stunden an sechs Wochentagen. Überstunden seien bar ausgezahlt worden, doch mehr als 1.000 Euro habe Muqdass an keinem Monat erhalten.
"Immer zu arbeiten, das hat uns sehr müde gemacht, wir überlegten den Job aufzugeben, doch dann erzählte uns ein Freund von Sudd Cobas." Um ihre Situation zu verbessern, streikten Muqdass und zwölf weitere Kollegen Ende 2022. Mit Erfolg! Februar 2023 musste der Subunternehmer die 40-Stunden-Woche einführen. Doch schon im März ging das Auftragsvolumen zurück und bis Ende des Jahres fuhr Richemont die Produktion komplett herunter.
Sudd Cobas wirft Richemont "gewerkschaftsfeindliche Politik" vor. Richemont hingegen begründete die Beendigung des Produktionsverhältnisses damit, dass der Betrieb den Verhaltenskodex von Richemont für Zulieferer nicht eingehalten habe. Der Vertrag mit dem Zulieferer sei schon vor der gewerkschaftlichen Organisierung aufgekündigt worden. ver.di publik gegenüber äußerte sich der Konzern nicht auf Nachfragen.
Doch wie kommt es zu dieser Form der Ausbeutung in den Lieferketten der Textilindustrie? "Die Ursachen für Ausbeutung und Hungerlöhne sind unfaire Handelsbeziehungen", sagt Deborah Lucchetti. Die 57-Jährige ist die Koordinatorin der Clean Clothes Campain (CCC) in Italien, einer NGO, die sich weltweit für faire Arbeitsbedingungen in der Textil- und Kleidungsindustrie einsetzt. Seit 20 Jahren ist Lucchetti Teil der Clean Clothes Campaign. Wenn die großen Marken Aufträge an Zuliefererfirmen weitergeben, dann würden sie dabei restriktive Preise vorschreiben, erklärt Lucchetti. Diese Preise würden die Lieferanten dazu zwingen, auf Subunternehmen zurückzugreifen, die auf Kosten der Arbeitnehmer, Sicherheitsmaßnahmen und Arbeitsrechte einschränkten.
Die Marken müssten dazu verpflichtet werden, angemessene Preise zu zahlen, damit die Lieferanten wiederum ihren Arbeitern existenzsichernde Löhne zahlen könnten. Zudem sei das derzeitige Kontrollsystem lückenhaft, Unternehmen würden ihre Sorgfaltspflicht oft nicht gut genug wahrnehmen. "Es braucht eine viel genauere Überwachung der Lieferanten", so Lucchetti. Für die CCC sei es wichtig, mit lokalen Aktivisten zu kooperieren, Lucchetti sagt: "Der beste Garant für die Rechte der Arbeiter ist die gewerkschaftliche Organisation der Fabriken."
"Für weniger Arbeit mehr Lohn, ich hätte nie gedacht, dass das sein kann!"
Ahmad Waleed, Arbeiter aus Pakistan
Subunternehmer lenkt ein
Zurück in Prato: Wenn die gelben Laternenlichter nicht wären, man würde nicht sehen, dass die Zypressen auch an diesem Abend in der Toskana vom Beton umzingelt sind. Mit den neuen Arbeitsverträgen in der Hand wedelnd, kommt Caudiero zu Waleed und seinen Kollegen. Gerade hat sie mit dem Arbeitgeber und seinem Anwalt verhandelt. Neugierde, große Erwartungen, ein Plenum wird einberufen. Der Subunternehmer hat eingelenkt. Von nun an gibt es feste Schichten á acht Stunden und Bezahlung nach Tarif, zwei freie Tage pro Woche und Anspruch auf Krankengeld. Waleeds Gesichtszüge schwanken zwischen Misstrauen und Freude: "Für weniger Arbeit mehr Lohn, ich hätte nie gedacht, dass das sein kann!" Seine Kollegen jubeln.
Unerwartet, doch auch der LKW-Fahrer ist nach diesem Tag, an dem von morgens bis abends gestreikt wurde, erleichtert. Kann er doch endlich fort von hier. Ein Gabelstapler fährt an. Hastig räumen einige der Arbeiter, die heute nicht gestreikt haben, die vielen Kisten ein und der Fahrer springt in seinen Wagen.
Schnell sind die Stifte gezückt. Über einen Mülltonnendeckel gebeugt unterschreibt Waleed seinen neuen Arbeitsvertrag, während der schwere Laster an ihnen vorbeituckert. Erschöpft, doch zufrieden packen die Gewerkschafter ihre Flaggen, die Klappstühle und Tische in ihre Autos. Sechs Arbeiter in Prato haben nun eine 40-Stunden-Woche. Auch wenn hinter manchen Luxuslabels nicht so viel Handwerkskunst steckt wie gedacht, Arbeitsrechte zu erkämpfen, bleibt echte Handarbeit.
Manifest für eine gerechte Modeindustrie
Die Kampagne für saubere Kleidung und mit ihr auch ver.di und etliche andere Organisationen fordern ein System, in dem niemand ausgebeutet und der Planet nicht für billige Kleidung zerstört wird. Das Just Fashion Manifest skizziert eine gemeinsame Vision: ein gerechtes Modesystem, das würdige, klimaresiliente Arbeitsplätze auf einem gesunden Planeten schützt und schafft. Mehr erfahren und das Manifest unterzeichnen unter saubere-kleidung.de/manifest




