Ausgabe 03/2026
Ein unfreiwilliger Traum

Christine Koschmieder: Ein Haus für mich
Warum gibt es in der BRD, die sich in ihrer Verfassung als "sozialer Bundesstaat" bezeichnet, kein gesetzlich verankertes Recht auf Wohnen? Das ist die zentrale Frage, um die das neue Buch von Christine Koschmieder kreist. Es bringt die Eigentumsfrage literarisch zurück in die Debatte um Mietpreise und Eigenheime. Die Ich-Erzählerin, erkennbar nah am Leben der Autorin, berichtet in Ein Haus für mich von der Erfüllung eines Traums, den sie nie hatte. Nach 21 Umzügen kauft sie sich ein altes Haus im ländlichen Sachsen-Anhalt, nicht weit entfernt von der Bauhaus-Stadt Dessau. Lange war sie überzeugt, dass "Erbe, Ehe und Grundbesitz die Faktoren sind, die machen, dass zwei Menschen miteinander unglücklich werden". Nun, mit Ende Vierzig, als Witwe und nach dem Auszug der Kinder, ändert sich alles.

Seit den Neunzigern hatte sie in Leipzig gelebt, sich wegen der Mieterhöhungen stetig verkleinern müssen. Nun plündert sie ihren Bausparvertrag, weil da dieses Häuschen für knapp über 20.000 Euro angeboten wird. Binnen kürzester Zeit lernt sie Begriffe wie Aufputzleitungen, Waschbetonringe, Wippschalter oder Niederschlagswassergebühr. Doch ist das kein Text übers Hobbyhandwerken. Koschmieder verknüpft die Situation einer unverhofften Hauseigentümerin mit den gesellschaftspolitisch brennenden Themen der Gegenwart.
Sie erzählt, wie schnell sie die Klischees vom fremdenfeindlichen Osten widerlegt sah. Was es bedeutet, sich mit Renovierungsaufträgen finanziell zu übernehmen und plötzlich nachdenken zu müssen, das Haus zu verkaufen. Wie existenziell der Wunsch ist, einen Ort zu haben, von dem einen niemand vertreiben darf. Warum sie ausgebremst wird, als die Idee eines Kulturcafés im Ort aufkommt. Was Elternhäuser immer noch mit einem machen, wenn man die Dämonen der Vergangenheit längst aus den eigenen vier Wänden vertrieben zu haben glaubt.
2022 hatte Koschmieder das autofiktionale Buch Dry veröffentlicht, das ihre Alkoholkrankheit verhandelt. Ein Haus für mich ist das Sequel. Sprachlich gelingt es ihr, ohne Larmoyanz die allumfassende Prekarität auszuleuchten. Sie entwirft Szenen, die für sich sprechen. Findet Bilder, die Welten erschaffen. In denen aber Raum bleibt, narrative Lücken zu füllen. All das mit einfachem Satzbau, der schwer zu machen ist mit derart "hartem" Sujet. Ein Buch, das die sozialen Realitäten klar benennt und uns dennoch nicht der Hoffnungslosigkeit preisgibt. Christian Baron
Kanon, 176 S., 22 Euro

Joana Osman: Wenn wir vom Fliegen träumen
Philosophie im Mantel einer Coming-of-Age-Geschichte: In diesem einzigartigen Roman werden die großen Sinnfragen in einem kleinen Setting umgesetzt. Der Plot spielt in einer Kleinstadt, und die Ich-Erzählerin, die 16-jährige Jette, möchte am liebsten raus aus der Langeweile. Ihre beste Freundin Liz sieht das genauso, doch Jack, der etwas ältere Junge, mit dem die beiden oft abhängen, hat einen anderen Plan. Er schlägt vor, die Bewohner*innen durch gezielte Aktionen aufzurütteln. Also klauen die drei Teenager Blumen vom Friedhof und verteilen diese, vertauschen fremde Postsendungen und sprühen Sinnsprüche auf Wände und Mauern. Prompt sprechen die Menschen wieder miteinander, hinterfragen ihr Leben und ein Anflug von Lebensfreude breitet sich aus. Diese Entwicklung beschert den jugendlichen Revoluzzern eine wichtige Erkenntnis: Sie haben es selbst in der Hand, wie sich ihr Dorf entwickelt, und sie haben mehr Macht als gedacht. Die Überzeugung, dass die Realität formbar ist, entwickelt sich zur Kernaussage der Geschichte. Wie aus einer Sinnkrise Glück entsteht und aus Langweile Spaß, das zeigt Joana Osman mit diesem turbulenten, aber entspannt erzählten Abenteuer, das auch beweist: Manchmal muss man Straftaten begehen, um etwas Gutes zu erreichen. Günter Keil
C. Bertelsmann, 160 S., 22 €

Madeline Cash: Verlorene Schäfchen
Was für eine Familienaufstellung: Die drei rebellischen Teenager-Schwestern Harper, Louise und Abigail Flynn werden innerhalb weniger Monate vom Schulunterricht suspendiert, weil sie Lehrerinnen provozieren, Regeln missachten und Mitschülerinnen schlagen. Ihre Mutter Catherine hat ebenfalls keine Lust auf Konventionen – sie raucht Gras und fängt etwas mit dem Nachbarn an. Vater Bud zieht angesichts der weiblichen Selbstbestimmung frustriert in den Minivan im Garten, bevor er sich in eine Affäre mit der Leiterin der christlichen Selbsthilfegruppe stürzt. So viel zu den Kurzporträts der Familienmitglieder, die in einer namenlosen Vorstadt in den USA leben. Madeline Cash porträtiert die fünf Flynns als komisch-kaputte Mittelklasse-Familie, die auch in einem Wes-Anderson-Film vorkommen könnte. Ihr rasanter Roman lebt von Tempo, Witz und Wärme, und Cash zeigt in ihrem Debüt ein gutes Gespür für Situationskomik. Ihr Plot bietet zudem Krimi-Elemente, denn Familienvater Bud kommt krummen Geschäften seiner Firma auf die Spur, während eine seiner Töchter ins Visier einer misogynen Männergruppe gerät. Das Besondere an diesem Plot: Alle Figuren gehen über Regeln und Grenzen hinaus, und sogar der Priester des Ortes beginnt an der Wirkung von Gebeten zu zweifeln. Günter Keil
Penguin Verlag, Ü: Sophie Zeitz. 320 S., 24 €