Ausgabe 03/2026
Nerds und Staat
Technik ist nie neutral. Entscheidend ist, mit welchem Ziel etwas konstruiert wird und wer darüber bestimmen kann. Soll ein neues Produkt die Arbeit von Pflegekräften erleichtern oder möglichst viel Geld bringen? Geht es um einen einfachen Zugang zu Informationen für alle oder darum, bestimmte Inhalte zu verbreiten?
In der Anfangszeit des Internets wollten Computer-Nerds die Gesellschaft demokratisieren. Sie schrieben Open-Source-Programme, die alle nutzen und nach Bedarf verändern konnten. Sie brachen mit der Tradition von Patenten und stellten dem Copyright ihr "Copyleft" entgegen: Jede*r Kundige konnte herausfinden, wie die Programme funktionieren. Ihre Arbeit sollte der Allgemeinheit dienen und zugleich die Privatsphäre vor staatlichem Zugriff schützen.
Doch die Hoffnung, auf diese Weise die kapitalistischen Mechanismen auszuhebeln, endete rasch. Den Betreibern von Google, Microsoft, Amazon, Facebook und Open AI gelang es, mit vermeintlich kostenlosen Angeboten Quasi-Monopole zu schaffen. Ihre Softwareentwickler*innen bekamen die Aufgabe, möglichst viele Daten der Nutzenden abzusaugen. Die verkaufen die Konzerne an Werbetreibende und entwickeln zugleich neue Produkte, mit denen sich möglichst viele Menschen in ein immer engeres Netz von Abhängig-keiten verstricken. So wurden ein paar Männer binnen weniger Jahre zu den reichsten der Welt und gestalten heute in den USA und sogar global die Politik entscheidend mit.
Deshalb brauchen wir dringend eigene digitale Infrastrukturen. Allerdings belegen Erfahrungen mit dem EU-Navigationssystem Galileo oder der elektronischen Patientenakte, dass staatliche Stellen so etwas nicht gut können. Regelmäßig finden die Nerds vom "Chaos Computer Club" Datenlecks und grundlegende Konstruktionsfehler. Zugleich sind die Lösungen, die sie selbst entwickeln, für Computermuffel zu kompliziert und unbequem – und stecken deshalb bisher in der Nische fest.
Warum nicht die Nerds beauftragen, nutzerfreundliche Copyleft-Infrastrukturen aufzubauen und dies mit staatlichem Geld zu finanzieren? Das würde uns unabhängiger machen von den US-Tech-Konzernen. Auch bestünde die Chance, die Demokratie durch neue Mitbestimmungs-Tools zu stärken. Andere Länder könnten die Programme einfach übernehmen und an den eigenen Bedarf anpassen. Die US-Tech-Konzerne würden massiv an Macht verlieren – und genau das sollten sie auch.