Ausgabe 03/2026
Freundlich demontiert
Manche Schlagzeilen schreibt das Leben, andere schreibt die taz: "DGB bietet Merz das Buh an" – ein paar Wörter, ein Bild, kein Kommentar nötig. Was sich in der zweiten Maiwoche auf dem DGB-Bundeskongress in Berlin abspielte, hat die Medien tagelang beschäftigt. Ein Kanzler, stoisch sein Manuskript vorlesend, während aus dem Saal Pfiffe und Brüllerei kommen. Und hinterher: das große Deuten.
Mariam Lau in der Zeit fand das Ganze fast schön. "Da ist sie ja endlich, die Blut-Schweiß-und-Tränen-Rede", schreibt sie erleichtert – und deutet die Buhrufe als Beleg für die Überfälligkeit der Botschaft. Was für eine Logik! Je lauter der Protest, desto wichtiger die Rede. Man könnte das auch umdrehen.
Samira El Ouassil stellt im Spiegel fest, dass von allen Seiten gerade dieselbe Forderung erklinge: Merz solle endlich die eine große Rede halten, die alles repariert. Man solle den Mann, der Krebskranke abkanzelt und die Betreuung behinderter Kinder zur Bilanzposition erklärt, nur diese eine magische Rede erfinden lassen. El Ouassil fragt sich, ob Merz dazu überhaupt fähig ist. Sein rhetorisches Talent bestehe vor allem darin, "in regelmäßigen Abständen eher Feuer zu legen, als Lagerfeuer zu schaffen". Ihr Fazit ist kurz und sitzt: Was es brauche, sei keine Ansprache, sondern bessere Politik.
Womit wir beim Kanzler selbst wären. Der hat dem Spiegel Ende April erklärt, kein Bundeskanzler vor ihm habe solche Anfeindungen in den Sozialen Medien ertragen müssen wie er. Puh, möchte man sagen. Angela Merkel wurde mit dem Galgen gedroht. Kohl trafen Eier an der Birne. Und Merz selbst hat drei Jahre als Oppositionsführer Olaf Scholz verlässlich diffamiert. Was er beim DGB erlebt hat, war dagegen Pfadfinderlager.
Der ver.di-Vorsitzende Frank Werneke bezeichnete im "Bericht aus Berlin" Merz und seine DGB-Rede "vorsichtig formuliert" inhaltlich und stilistisch "schwierig". Die Delegierten hätten Merz und die Rede "höflich ertragen". Selten wurde ein Kanzler so präzise und so freundlich demontiert. Was bleibt? Ein Kanzler, der im Spiegel selbst erklärt, große Reden bewirkten nichts – der Ruck-Rede von Bundespräsident Roman Herzog 1997 sei schließlich "nichts" gefolgt. Beim DGB hat Merz das nun selbst eindrucksvoll bewiesen.