Ausgabe 03/2026
Tradwife? Sehnsucht, Inszenierung, Abhängigkeit

Mit ihren 12,4 Millionen Follower*innen, weich gezeichnetem Gesicht und perfekt inszenierten Küchenvideos wirkt das Leben auf TikTok mit Nara Smith oft wie eine einfache Antwort auf eine komplizierte Gegenwart. Junge Frauen backen Brot, richten Mahlzeiten an, kümmern sich um Kinder, sprechen über Weiblichkeit, Hingabe und das gute Leben an der Seite eines Mannes. Alles wirkt ruhig, geordnet, kontrollierbar.
Gleichzeitig wird draußen in der Welt härter gestritten: über die Folgen des Pelicot-Prozesses in Frankreich, über sexualisierte Deepfakes, über antifeministische Online-Subkulturen, die sogenannte Manosphere, über eine AfD, die Geschlechterpolitik längst als Kulturkampfthema nutzt. Antifeminismus ist dabei nicht bloß schlechte Laune gegen Emanzipation, sondern, wie die Bundeszentrale für politische Bildung es beschreibt, politische Strategie und Mobilisierungsinstrument der extremen Rechten. Auch digitale Gewalt gegen Frauen, von Cyberstalking bis zu gefälschten intimen Bildern, nimmt zu und verschiebt Gewaltverhältnisse in den Alltag hinein.
Vor diesem Hintergrund beginnt Ende März in der ver.di-Bundesverwaltung am Paula-Thiede-Ufer in Berlin der "Feminist Rage Club", ein bundesweites Aktiventreffen der ver.di Jugend. Drei Tage, mehrere Workshops, viele junge Frauen, manche schon lange organisiert, andere zum ersten Mal auf einer gewerkschaftlichen Veranstaltung. Wer hier ankommt, landet nicht in einem Wohlfühlraum, sondern in einem Ort, an dem aus genau diesen gesellschaftlichen Spannungen Fragen werden: Wie verteidigt man feministische Positionen in einer Zeit, in der die Gegenwehr lauter, digitaler und aggressiver geworden ist? Wie widerspricht man Bildern von Weiblichkeit, die nach Freiwilligkeit aussehen, aber alte Abhängigkeiten romantisieren? Und was kann eine Gewerkschaft beitragen, wenn es um sexualisierte Gewalt, soziale Sicherung, Care-Arbeit und politische Gegenmacht geht? Die Stimmung im Haus ist an diesem Samstag im März konzentriert und aufgeräumt, in den Fluren stehen Kaffeebecher auf Fensterbänken, Rucksäcke lehnen an Wänden, Türen schlagen auf und zu, irgendwo lacht jemand, irgendwo wird schon weiterdiskutiert, obwohl die Pause noch nicht vorbei ist.
Das Versprechen vom einfachen Leben
Im Tradwife-Workshop fallen die ersten Begriffe schnell: "TikTok", "Fifties", "Doppelbelastung", "Traumleben". Es ist kein Raum, in dem alle dieselbe Meinung haben. Gerade das macht ihn interessant. Eine Teilnehmerin erzählt, dass ihre Mutter Hausfrau gewesen sei, immer da, immer ansprechbar, immer mit Zeit. Sie sagt offen, dass sie sich ein solches Leben auch hätte vorstellen können: nach Hause kommen, eine Mutter, die da ist, frisch gekochtes Essen, Ordnung, Verlässlichkeit. In ihrer Stimme liegt keine Provokation, eher ein nüchterner Wunsch nach Sicherheit in einer Gegenwart, die vielen eher das Gegenteil verspricht.
Eine andere widerspricht sofort, aber nicht moralisch, sondern analytisch: Das Problem sei nicht der Wunsch nach Zeit, Fürsorge oder Ruhe. Das Problem beginne dort, wo daraus ein nach außen vermarktetes Ideal werde. Tradwives seien eben nicht einfach Hausfrauen. Sie seien Influencerinnen, verdienten Geld mit genau der Inszenierung einer Weiblichkeit, die eine scheinbar angenehme, abgesicherte Abhängigkeit verspricht – während sie in Wahrheit selbst ein Geschäftsmodell ist. "Die verdienen ja Geld. Sie sind nicht einfach Hausfrauen – sie haben zwei Vollzeitjobs und produzieren gleichzeitig dieses Bild von Abhängigkeit", sagt eine weitere Teilnehmerin. Eine andere nennt das Ganze "Marketing": die perfekte Küche, die selbstgemachte Schokolade, das von Grund auf gebackene Brot, der makellose Körper kurz nach der Geburt. Dahinter stünden oft Geld, Nannys, Unsichtbarkeiten – jedenfalls nicht die Realität der meisten Frauen.
Die Illusion der freien Entscheidung
Gerade weil die Diskussion nicht in einem vorhersehbaren Konsens endet, zeigt sie etwas über die politische Lage, um die es hier eigentlich geht. Die Anziehungskraft dieser Bilder entsteht nicht im luftleeren Raum. Im Workshop werden Gründe gesammelt: prekäre Beschäftigung, unsichere Arbeitsmärkte, fehlende Kinderbetreuung, Doppelbelastung, der Wunsch, sich einem Druck zu entziehen, der für viele Frauen längst Normalzustand ist. Dazu kommt eine digitale Öffentlichkeit, in der tradierte Geschlechterbilder hochglanzpoliert und algorithmisch belohnt werden.
Eine Teilnehmerin nennt die propagierte Freiwilligkeit "Scheinfreiheit". Eine andere sagt, man könne über individuelle Entscheidungen nur reden, wenn man auch über materielle Bedingungen rede. Wer arbeiten müsse, um zu überleben, entscheide nie völlig frei. Und wer einen Lebensstil an ein Millionenpublikum verkaufe, könne sich nicht mit dem Satz herausreden, das sei eben nur die persönliche Wahl.
Dass antifeministische Online-Milieus und rechte Akteure genau solche Erzählungen strategisch nutzen, um Rückschritte als Natürlichkeit, Vernunft oder gesunden Menschenverstand zu verkaufen, ist inzwischen gut dokumentiert.
Vielleicht ist das der Grund, warum der Tradwife-Workshop so schnell vom Lifestyle wegführt und mitten in politische und gewerkschaftliche Grundsatzfragen hinein: Wer profitiert eigentlich davon, wenn unbezahlte Sorgearbeit weiter als weibliche Selbstverständlichkeit gilt? Warum erscheinen Haus, Garten, Kinder und Entschleunigung heute wie Luxusgüter? Und was passiert mit den Frauen, die in diesen Bildern vorkommen, sobald der Mann geht, das Geld fehlt oder die Gesundheit kippt?
Die Antworten darauf bleiben an diesem Wochenende offen. Aber genau darum geht es hier auch nicht. Es geht darum, die Widersprüche sichtbar zu machen – zwischen einem idealisierten Leben im Privaten und den Bedingungen, unter denen die meisten tatsächlich leben. Zwischen dem Versprechen von Ruhe und der Realität von Abhängigkeit.
Kollektive Wut als Ressource
Drei Tage lang wird beim "Feminist Rage Club" genau daran gearbeitet: in Workshops, in Diskussionen, in Gesprächen zwischen Tür und Angel. Organisiert von der ver.di Jugend, zusammen mit Kolleginnen aus der Frauenarbeit, ist das Treffen ein Angebot, das weit über ein Seminarprogramm hinausgeht. Es ist ein Raum, in dem Erfahrungen zusammenkommen, sich verdichten und politisch werden. Für viele ist es auch ein Ort der Selbstvergewisserung.
Franzi, Anfang 30, aus Frankfurt, war schon einmal auf einem ähnlichen Seminar. "Ich bin da damals total frustriert reingegangen", sagt sie. "Und dann waren wir einfach eine Woche lang kollektiv wütend." Sie lacht kurz. "Ich habe gar nicht so viel Neues gelernt – aber ich bin rausgegangen und mir ging es richtig gut. Weil ich dachte: Ich bin damit nicht allein."
Genau dieses Gefühl zieht sich durch das Wochenende. Dass die eigene Wahrnehmung stimmt. Dass Erfahrungen geteilt werden. Und dass aus dieser geteilten Wut etwas entstehen kann – Austausch, Klarheit, vielleicht auch Handlung.
Was im Tradwife-Workshop verhandelt wird, ist ein Blick auf eine Gegenwart, in der alte Rollenbilder in neuem Gewand zurückkehren – und auf die Frage, wie man ihnen etwas entgegensetzt.
"Wir waren eine Woche lang kollektiv wütend – und mir ging es danach richtig gut. Weil ich dachte: Ich bin damit nicht allein."
Seminarteilnehmerin aus Frankfurt