Ausgabe 04/2026
"Lieber gehe ich, bevor ich gehen muss"

Mit schnellem Schritt und aufrechtem Blick läuft Nasr Shaibani (24) durch das Universitätsviertel Halles, so als ob er das schon immer so tun würde. Alle zehn Meter grüßt er freundlich Bekannte. Jede Begegnung genießt der adrett gekleidete Jura-Student sichtlich: ein Scherz mit der Kassiererin, ein Gruß an den Obdachlosen mit seinem Hund, eine herzliche Begrüßung für einen Arbeitskollegen. "Ich liebe Halle, ist wirklich so", sagt er, und schwärmt von den Gassen, den versteckten Orten, den Partys, der Architektur. Als seine Mutter zu ihm ziehen wollte, riet er ihr dennoch ab: Sie solle lieber in Holland bleiben, da sei sie sicher. Auf die Frage, warum, bleibt er unvermittelt stehen, zeigt in die Menschenmenge und sagt: "Schau dich um, siehst du hier irgendeine Frau mit Hijab?"
Nasr ist mit elf Jahren mit seiner Mutter aus dem Krieg im Jemen nach Malaysia geflohen. Nach Deutschkursen am Goethe-Institut bewarb er sich 2021 erfolgreich für das Studienkolleg in Halle, das ausländische Studienbewerber*innen besuchen müssen, deren Abschluss hier nicht als Hochschulzugangsberechtigung gilt. Heute ist er einer von rund 11.000 ausländischen Studierenden in Sachsen-Anhalt und, so vermutet er, der einzige Ausländer in seinem Jura-Jahrgang an der Martin-Luther-Universität (MLU). Im Studierendenrat vertritt er als gewählter Referent für Internationales seine Kommiliton*innen – doch ob das so bleibt, daran hat er inzwischen erhebliche Zweifel.
Die Angst vor September
Der Grund: Die AfD geht als haushoher Favorit in die im September anstehenden Landtagswahlen. In Umfragen erhält die Partei über 40 Prozent, womit erstmals eine AfD-Alleinregierung auf Landesebene in greifbare Nähe rückt. An den Universitäten des Bundeslandes löst das große Beunruhigung aus, denn Hochschulpolitik ist Ländersache. Erik Wolf, ver.di-Gewerkschaftssekretär im Landesbezirk Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen, geht im Falle einer AfD-Regierung von dramatischen Eingriffen aus: "Besonders die Hochschulfinanzierung ist geeignet, drastische Veränderungen umzusetzen." Zwar garantiere Artikel 5 des Grundgesetzes die Freiheit von Forschung und Lehre, aber biete keinen ausreichenden Schutz.
Tatsächlich sehen die Wahlprogramme einen radikalen Umbau der Universitäten vor: Um die Internationalisierung der Hochschulen zu stoppen, will die AfD die Bologna-Reform rückgängig machen, also Bachelor und Master abschaffen, englischsprachige Studiengänge verhindern und die Kontrolle internationaler Studierender verschärfen. 2025 erkundigte sie sich im Landtag per kleiner Anfrage bereits nach Abschiebemöglichkeiten ausländischer Studierender. Mehrere Vorschläge zielen zudem darauf, die demokratische Mitbestimmung an den Hochschulen abzubauen, etwa durch Abschaffung der verfassten Studierendenschaft. Erik Wolf sagt: "Wo die AfD kann, wird sie Mitsprache und Mitbestimmung einschränken." Einiges ließe sich in langwierigen juristischen Prozessen verhindern, "letztlich wird die AfD trotzdem ein Klima schaffen, in dem gute Forschung und Lehre nicht möglich sind".
Nur wenige Meter von Nasrs Studienratsbüro entfernt sitzt Hanna (26) in der Tulpe, einer kleinen Mensa auf dem Hauptcampus der MLU. Eigentlich heißt sie anders, will aber anonym bleiben. Solange sie ihren Namen nicht ausspreche, halte man sie meist für Deutsch, sagt sie. Dabei ist Hanna Ukrainerin, aufgewachsen in einer Stadt, die heute nur wenige Kilometer von der Front entfernt liegt. Mit 17 zog sie nach Brandenburg, um eine medizinische Ausbildung zu machen, 2020 kam sie nach Halle, durchlief wie Nasr das Studienkolleg und studiert seither Medizin.
Von ihrem Leben in Halle erzählt sie mit geschliffenem Deutsch und trockenem Sarkasmus: Wie sie im Freundeskreis ihres Wohnheims die "5-Prozent-Ausländerquote" erfüllt habe, oder wie ihr ein Mitarbeiter der Ausländerbehörde riet, ihren deutschen Freund zu heiraten, nachdem sie mit ihrem Studentenvisum bei der Einbürgerung gescheitert war – "Ich bräuchte einen romantischeren Grund dafür."
Neben Studium und zwei Nebenjobs, geht sie zu Vorträgen, singt im Chor, macht Kampfsport. Eigentlich sei Halle die ideale Stadt zum Studieren, wäre da nicht die angespannte Stimmung überall – besonders gegenüber allen, die nicht als deutsch gelesen werden. Hanna hat viele Beispiele: rassistische Kommentare bei der Arbeit, feindliche Blicke in der Straßenbahn. Sollte die AfD an die Macht kommen, befürchtet sie, könnte diese Stimmung endgültig kippen.
"White Power" an der Haustür
Genau das befürchtet auch Nasr: "Stell dir vor, wenn hier Rechtsradikale regieren, dann werden auch diejenigen laut, die bisher schüchtern waren. Und Nazis ziehen her, weil es ein Paradies für sie wird." In Trotha, einem nördlichen Randbezirk von Halle, wo er seine erste Wohnung hatte, hat er an eigener Haut erlebt, was das bedeuten kann. Als jemand mit schwarzem Edding groß "Withe Power" [sic!] auf seine Haustür schreibt, nimmt er es mit Humor und postet ein Foto davon mit einem spöttischen Spruch über die Rechtschreibschwäche seines "Nazi-Nachbarn".
Doch die Vorfälle reißen nicht ab: Er wird mit einem Freund auf der Straße angegriffen, seine Mutter bei einem Besuch aus Holland zweimal beschimpft. "Obwohl mir die Zeit im Studienkolleg mit jungen Menschen aus aller Welt total gefallen hat, wollte ich sofort wieder weg hier." Doch Nasr bleibt, wird Studienkollegssprecher, engagiert sich in Strukturen studentischer Selbstverwaltung, findet einen guten Job in einem Hotel und eine schöne Wohnung in der Innenstadt. Trotha meidet er seitdem.
Die Uni im Panikmodus
Als Referent für Internationales begleitet er ausländische Studierende bei Behördengängen oder wirkt an einer universitären Internationalisierungsstrategie mit. Die am 10. Juni vom Akademischen Senat der MLU verabschiedete Strategie liest sich wie ein Gegenprogramm zu den Plänen der AfD: Internationale Studierende sollen langfristig an Halle und Sachsen-Anhalt gebunden werden, unter anderem durch einen mehrsprachigen Campus und verlässliche Bleibeperspektiven. In der Uni liefen die Vorbereitungen auf eine mögliche AfD-Regierung in vollem Gange, fast im Panikmodus, berichtet Nasr.
Auch Hanna weiß nicht, was ein AfD-Wahlsieg für sie bedeuten würde. Konkret befürchtet sie Studiengebühren für ausländische Studierende – ein Vorschlag, den in Sachsen-Anhalt bislang die CDU gemacht hat, den aber auch die AfD in mehreren Bundesländern fordert. Um Studiengebühren zahlen zu können, müsste sie neben ihrem Vollzeitstudium noch mehr arbeiten als sowieso schon und das wäre undenkbar.
Noch mehr Sorgen macht sie sich um ihre Eltern, die 2022 aus der Ukraine geflohen sind und seit vier Jahren vergeblich versuchen, in Deutschland beruflich Fuß zu fassen. Zuletzt mehrten sich Berichte, wonach der Schutzstatus ukrainischer Geflüchteter geschwächt werden könnte. Die AfD fordert derweil Abschiebungen in die Ukraine und die Streichung des Bürgergeldanspruchs für geflüchtete Ukrainer*innen. Auf Landesebene allein wäre das zwar nicht durchsetzbar, trägt aber zum Klima der Bedrohung bei.
Vier von fünf würden gehen
Für Hanna steht fest: Kommt die AfD an die Regierung, will sie nach dem Studium in ein anderes Bundesland. Damit ist sie nicht allein – einer internen Umfrage unter den 30.000 Mitgliedern des Landesnetzwerks der Migrantenorganisationen Sachsen-Anhalt (LAMSA e.V.) zufolge wollen vier von fünf Befragten das Bundesland im Falle einer AfD-Regierung verlassen. Das könnte fatale Folgen für ein überaltertes Bundesland mit akutem Fachkräftemangel haben, sagt Oliver David von LAMSA e.V.: "Es droht ein Brain-Drain, also die Abwanderung von Akademiker*innen. Hochschulen werden an Attraktivität verlieren und Unternehmen werden zunehmend Schwierigkeiten haben, qualifizierte Fachkräfte zu halten."
Auch Nasr hat nicht vor, im Falle einer AfD-Regierung in Sachsen-Anhalt zu bleiben. Er hat sich bereits auf Studienplätze in Hannover und Leipzig beworben. Der Abschied aus Halle wäre schwer: "Ich habe mir hier richtig etwas aufgebaut, woanders müsste ich neu anfangen." Aber er will nicht nochmal gezwungen werden, sein Zuhause zu verlassen. Lieber geht er vorher von selbst.