Ausgabe 05/2026
Besessen vom Bürgerkrieg

David Uclés, Die Halbinsel der verlassenen Häuser
David Uclés ist ein Phänomen. Der 36-jährige spanische Autor ist der literarische Shootingstar seines Landes. Und dass mit einem Thema, das gerne verdrängt wird: dem spanischen Bürgerkrieg. Uclés erzählt in seinem Roman Die Halbinsel der verlassenen Häuser von einem fiktiven andalusischen Dorf während der Zeit des spanischen Bürgerkriegs von Juli 1936 bis April 1939. Der Krieg teilte die Gesellschaft in zwei Lager: die putschenden Faschisten unter General Francisco Franco und die bis dahin regierenden Republikaner. Die Erzählung weitet sich auf weitere Schauplätze in ganz Spanien aus. Die verschiedenen Protagonisten des Dorfes bewegen sich durch unterschiedliche Regionen und Fronten des Landes, die persönlichen Schicksale der Familien werden so mit den großen Ereignissen verbunden. Neben erfundenen Figuren treten auch historische Persönlichkeiten wie Federico García Lorca, Antonio Machado, Miguel de Unamuno, Ernest Hemingway und George Orwell auf. Vor dem Hintergrund von Krieg, Gewalt, Verlust und Flucht machen die Protagonisten sehr unterschiedliche Entwicklungen durch, auf der persönlichen wie auf der politischen Ebene.

Uclés historischer Realismus, angeregt durch die Erzählungen seines Großvaters, verbindet sich mit fantastischen und teilweise grotesken Elementen. Er habe all die Orte besucht, wo wichtige Dinge des Krieges passierten, habe sieben Jahre lang nur über den Bürgerkrieg gelesen, sagt Ucles. "Ich war besessen von dem Thema." Das Dorf Macondo aus dem Roman "Hundert Jahre Einsamkeit" von Gabriel García Márquez diente ihm als Inspiration. Ein wichtiges Thema seiner Geschichte ist die Zerstörung durch Krieg. Ganze Familien werden getötet oder traumatisiert, Dörfer und Landschaften zerfallen. Die zwei Lager, Republikaner und die Faschisten, bekämpfen sich bis aufs Blut. Es gibt keine Polizei mehr, keine Ordnung, keine Gesetze. Jedes Dorf nimmt die Rache in die eigene Hand. Es gab schon vorher zivile Konflikte zwischen Nachbarn, zwischen Brüdern und Cousins. Sie werden nun häufig ideologisiert.
Uclés fordert eine demokratische Aufarbeitung für die Opfer auf beiden Seiten. Das 2007 verabschiedete Gesetz der historischen Erinnerung verurteilt den Franquismus, verlangt die Entfernung faschistischer Symbole und unterstützt die Suche nach Massengräbern. Nach Schätzungen von Experten existieren in Spanien weiterhin rund 6.000 nicht ausgehobene Massengräber mit über 100.000 Opfern. Uclés Buch wurde mit mehr als 400.000 verkauften Exemplaren zu einem Bestseller der Jahre 2024/2025 und ist bislang in 13 Übersetzungen erschienen, in Deutsch erscheint es im Oktober.
Edith Kresta
AUS DEM SPANISCHEN VON STEVEN UHLY, SECESSION-VERLAG, 800 S., 37 EURO

Peggy Mädler: Selbstregulierung des Herzens
Mit ihrem dritten, und wie die Autorin betont, letzten DDR-Roman hat es Peggy Mädler auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises geschafft. Dabei wirkt das Thema – Liebe und Kybernetik – auf den ersten Blick etwas sperrig. Die Geschichte startet in den frühen 60er Jahren in Ost-Berlin. Es ist der Beginn der Digitalisierung im jungen Staat: Erste Computer sollen helfen, die sozialistische Wirtschaft anzukurbeln, die geprägt ist von Mangel und unrealistischen 5-Jahres-Plänen. Mittendrin der stille Programmierer Georg und die lebhafte Künstlerin Mona, deren unterschiedliche Welten sich zufällig in einem Dorf in Brandenburg kreuzen. Mädler taucht über mehrere Jahrzehnte hinweg immer wieder in die Leben der beiden und der ihnen nahen Menschen ein. Sie verschafft detaillierte Einblicke in den beruflichen und privaten Alltag eines vielstimmigen Figurenensembles und erschafft ein anschauliches, nachfühlbares Bild der DDR-Gesellschaft. Es ist ein leiser Roman, der liebevoll und unaufgeregt vom Leben und Überleben in einem dysfunktionalen System erzählt, von Träumen und Hoffnung, Widerstand und Anpassung, vom Scheitern und Rückzug. Es ist ein stimmungsvoller Roman, der nachklingt und erstaunlich viele, aktuelle Fragen aufwirft. Ob Peggy Mädler damit den renommierten Buchpreis gewonnen hat, stand bei Redaktionsschluss noch nicht fest. Verdient hätte sie ihn allemal.
Fanny Schmolke
GALIANI BERLIN, 304 S., 23 EURO

Jonas Eika: Offener Himmel
Es riecht nach feuchter Erde, Kräutern und Blut. Lüttich, 1233: Ida findet Zuflucht bei Beginen, selbstbestimmt lebende, religiöse Frauen, die sich nicht der Kirche unterwerfen. Sie beten, hungern, heilen, lehren, ackern und weben. Ihre Hingabe ist so körperlich, dass Visionen und Wirklichkeit ineinander übergehen. In ihrer spirituellen Gemeinschaft schaffen die Frauen eine Welt in der Welt und widmen sich kompromisslos Gott und einander. Als der Klerus sie der Abtrünnigkeit verdächtigt und verfolgt, wächst Ida zur Prophetin heran. Das dänische Ausnahmetalent Jonas Eika erzählt von weiblicher Solidarität und dem Bedürfnis nach Geborgenheit, aber auch von Selbstaufgabe und Selbstzerstörung. Religiöse Ekstase, Schmerz, Scham und Sexualität verschränken sich mit einer beinahe erotischen Sehnsucht nach dem Leib Christi. Eikas Sprache ist bildmächtig, bedeutungsschwer und sinnlich. Doch "Offener Himmel" ist kein Roman für alle. Lange, assoziative Sätze, Visionen und theologische Gedankengänge bremsen die Handlung und verlangen Ausdauer. Wer sich auf diesen dichten Text einlässt, erlebt jedoch eine atmosphärisch überwältigende und radikal eigenständige Welt.
Rita Schuhmacher
HANSER BERLIN, Ü. URSEL ALLENSTEIN U. STEFAN PLUSCHKAT, 688 S., 30 EURO