Ausgabe 05/2026
Der härteste Winter steht bevor
In den letzten Wochen sind die Regale in den ukrainischen Supermärkten wieder vorübergehend leer. So etwas gab es seit Beginn der großangelegten Invasion nicht mehr. Der Grund: russische Angriffe auf Logistikzentren und Lagerhäuser. "Bis heute sind, grob gesagt, 90 Prozent der Lebensmittel-Logistik der Handelsketten zerstört, doch das bedeutet nicht, dass die Ukrainer ohne Lebensmittel dastehen werden", erklärte der ukrainische Agrarminister Taras Wysotskyj am 28. August gegenüber Journalisten. Seitdem greift Russland weiterhin Lagerhäuser und große Einkaufszentren an – getroffen werden sowohl Lebensmittel als auch Arzneimittellager (wodurch bestimmte Medikamente vorübergehend in Apotheken fehlen könnten) sowie sogar Buchhandlungen und Druckereien. Allein im Sommer 2026 wurden durch russischen Beschuss über 10 Millionen Bücher zerstört, darunter besonders viele Schulbücher. Daher wurden unsere Kinder in diesem Jahr gebeten, besonders sorgsam mit ihren Schulbüchern umzugehen, da noch unklar ist, ob im kommenden Jahr Nachdrucke möglich sein werden.
Im vergangenen Winter versuchte Russland, die ukrainische Zivilbevölkerung mit Kälte zu zermürben, auf Ukrainisch "Kholod", daher war vom "Kholodomor" die Rede. Weder dieser Kälteterror noch die Angriffe auf die Energieinfrastruktur konnten den ukrainischen Widerstand jedoch brechen. Weil der Ukraine aber aktuell Abfangraketen fehlen, greift Russland nun verstärkt Logistikzentren, Produktionsstätten und die Eisenbahn an. Tatsächlich bedeuten diese Angriffe bislang nicht, dass die Ukrainer ohne Lebensmittel dastehen. Die Züge sind zwar verspätet, fahren aber weiterhin. Die Handelsketten passen sich den Herausforderungen an. Nach einiger Zeit kehren die Waren in die Regale zurück. Doch die systematischen Angriffe, die Waren und Infrastruktur zerstören, führen zu Preissteigerungen, die sich auf die Geldbörsen der Zivilbevölkerung auswirken. Und sie machen Herstellern sowie Lieferanten zusätzliche Probleme.
Bislang wird darüber in der Öffentlichkeit noch nicht laut gesprochen, doch zwischen Einzelhändlern und Lieferanten finden schwierige Verhandlungen darüber statt, wer die Verluste tragen muss, falls ein Warenlager durch eine russische Rakete oder Drohne zerstört wird. Für die Hersteller bedeutet dies oft eine doppelte Belastung, da Russland diese Schwachstelle der Ukraine ausnutzt und auch große Produktionsstätten angreift. Allein in den letzten Monaten traf es große Lebensmittelhersteller – eine Sonnenblumenölfabrik, mehrere Süßwarenfabriken, das Logistikzentrum eines dieser Hersteller sowie Molkereien. Die Probleme der Hersteller und Einzelhändler bedeuten auch eine schwierige Situation für die Beschäftigten. So hat eines der ukrainischen Einzelhandelsunternehmen, dessen Lager und Supermärkte erheblich unter den russischen Angriffen gelitten haben, bereits angekündigt, vollständig auf die für den Herbst geplante Gehaltsanpassung zu verzichten und auch keine Prämien mehr auszuzahlen. Der Geschäftsführer einer der am stärksten betroffenen Verlage schrieb, er habe sich mit den Mitarbeitern auf eine vorübergehende Gehaltskürzung geeinigt.
Es ist wichtig zu betonen, dass Russland bereits zuvor (nicht erst in den letzten Monaten) sowohl Produktionsstätten als auch Lagerhäuser angegriffen hat; doch der akute Mangel an Abfangraketen lassen die modernisierten russischen Drohnen ihr schreckliches Werk verrichten. Irgendwann wird die Ukraine eine Lösung für diese russischen Angriffe finden, auch wenn wir die Folgen des bereits jetzt entstandenen Schadens noch lange zu spüren bekommen werden.
In den letzten vier Jahren erschien mir jeder Winter schwieriger als der vorangegangene, doch dieser scheint tatsächlich der härteste zu werden. Die Erfahrung lehrt uns jedoch, dass auf jeden Winter der Frühling und die Sonne folgen. Auch wenn die Folgen und Verluste bestehen bleiben.
Olha Vorozhbyt ist stellvertretende Chef- Redakteurin des ukrainischen Nachrich- tenmagazins Ukrajinskyi Tyschden. Seit der Ausgabe 03_2022 schreibt sie regel- mäßig für uns ein Update aus der Arbeits- welt in der Ukraine.