CHRISTA WICHTERICH ist Publizistin und Mitglied von WIDE (Women in Development Europe)

Erstaunlicherweise entdeckt die Politik Frauen immer wieder neu. Die Weltbank, das Weltwirtschaftsforum in Davos, die EU und im Wahlkampf nun Franz Müntefering (SPD) stellen fest, dass kein Land, das auf dem Weltmarkt konkurrieren will, es sich leisten kann, das "Human- und Sozialkapital" seiner Frauen brach liegen zu lassen. Die Devise der Globalisierungsmacher lautet: Frauen nutzen, Effektivität steigern, Wachstum ankurbeln.

In der Krise mehren sich die Stimmen, die sagen, dass der Crash männergemacht sei und Derivate und Hedge Fonds Hirngeburten einer verantwortungs- und maßlosen Männerkultur mit hohem Testosteronpegel sind. Die Regierungen, die das durch den Abbau von Kapitalkontrollen möglich gemacht, und die Beratungsfirmen, die all dies empfohlen haben, sind auch nicht frauendominiert. Frauen werden dagegen als kompe-

tente, risikobewusste Führungskräfte mit einer "weiblichen" Wertekultur entdeckt. Ist die Krise eine Chance für Frauen?

Tatsache ist, dass Frauen im Globalisierungsboom weltweit in die Arbeitsmärkte vorgestoßen sind, mit guten Qualifikationen und der Hoffnung auf Existenzsicherung, gleiche Rechte und Chancen. Tatsache ist ebenso, dass sie von Gleichbehandlung und Gleichstellung noch immer weit entfernt sind. Je frauentypischer und je haushaltsnäher Arbeit ist, desto weniger wird sie auf dem Markt geschätzt. Die "unsichtbare Hand" des Marktes verschiebt die Mehrzahl der

Jobgewinnerinnen in flexible, gering entlohnte, sozial ungesicherte Jobs, und sie bleiben dort kleben. Deshalb schließt sich die Lohnschere zwischen Männern und Frauen partout nicht. Nach Angaben der Internationalen Arbeitsorganisation ILO treibt die Krise seit Ende 2008 die Zahlen von Erwerbslosigkeit, von working poor und informell Arbeitenden hoch. Global betrachtet sind Frauen ohnehin schon die Mehrzahl in diesen drei prekären Bereichen und damit schlecht für Krisenzeiten gewappnet. Nicht zu vergessen, dass die Frauen in der Küche einen Zweitjob haben, woran die Mehrbelastung durch Erwerbstätigkeit nichts geändert hat. Knappe Haushaltskassen machen bekanntlich diesen Küchenjob und die Versorgung nicht leichter.

Die "Erstrundeneffekte" der jetzigen Krise wirken sektoral und regional unterschiedlich. Kurz gesagt: in den Industrienationen sind Männer stärker betroffen, in den Entwicklungsländern Frauen. Beispiel Auftragseinbrüche im Exportsektor. Das trifft in Ländern des Südens vor allem die Arbeiterinnen in Industrien wie Textilien, Schuhe und Spielzeug. In China standen in den vergangenen Monaten etwa 10 Millionen Wanderarbeiterinnen vor geschlossenen Fabriktoren. Im Norden verlieren dagegen Männer in den kapitalintensiven Schlüsselindustrien wie Automobil und Maschinen ihre Jobs. Hinzu kommen Jobverluste im stark konjunkturabhängigen Baugewerbe. In den USA entfallen derzeit 82 Prozent aller Stellenstreichungen auf Männer. Dort trifft es aber auch die Aufsteigerinnen im Dienstleistungssektor, nämlich Frauen in der Finanz- und Immobilienbranche. Als "Zweitrundeneffekte" werden staatliche wie auch private Ausgaben zurückgehen, eine neue Welle des Kleinhackens von Beschäftigung in Teilzeit-, Leih- und prekäre Arbeit steht an. Ebenso sind Lohnabbau und Entlassungen durch Abspecken des öffentlichen Sektors, der Medien und des Handels zu erwarten - durchweg frauenintensive Sektoren.

Wie in früheren Krisen werden Frauen als soziale Air Bags gefragt sein, die mit Mehrarbeit im Haushalt Lohnkürzungen und Kündigung der Männer auffangen, mit zwei Mini-Jobs die eigene Entlassung ausgleichen, mit Ehrenamt und Selbsthilfe das Schrumpfen öffentlicher Leistungen abfedern. Während die Ernährerrolle der Männer durch die Krise weiter ausgehöhlt wird, schultern die flexiblen Frauen mehr Verantwortung und Lasten zur Existenzsicherung der Familien.

Die Politik richtet ihre Rettungspakete auf die männerkulturellen Krisenherde im Bankensektor und der Autoindustrie. Die absurden Spielregeln des Geschäfte- und Gewinnemachens lässt das ebenso unberührt wie die ungleiche Verteilung und Bewertung von Arbeit. Dabei ist offensichtlich, dass es nicht reicht, den Laden wieder in Schwung zu bringen. Er muss umgebaut werden, wenn die nächste Krise vermieden werden soll.

Frauen haben ein Recht auf gleiche Karriere. Fraglich bleibt trotzdem, ob Alphamädchen in Führungspositionen die Spielregeln der Märkte aushebeln können und wollen. Vielmehr kann die Krise eine Chance sein zu überlegen, wie Ungleichheiten durch Umverteilung und Umbewertung von Arbeit vermieden werden können. Das kürzlich vorgestellte "Zukunftsfähige Deutschland" hat einen Drittelvorschlag gemacht: ein Drittel Erwerbsarbeit, ein Drittel Versorgungsarbeit und ein Drittel Bürger/innenarbeit und politische Mitgestaltung - für alle, Banker und Pflegekräfte, Managerinnen und Müllmänner.

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Die Devise der Globalisierungsmacher lautet: Frauen nutzen, Effektivität steigern, Wachstum ankurbeln