In Klassenzimmern nehmen nicht mehr nur Schüler/innen und das Lehrpersonal Platz, sondern immer häufiger auch Werber und Lobbyisten

Von Annette Jensen

Staunend steht eine Gruppe Grundschüler auf einer Empore und blickt in eine riesige Halle voller Regale: Die 4b aus Huchenfeld ist zu Besuch bei Amazon in Pforzheim. Nach der Führung durch die Hallen liest die blonde Lena mit dem rosa Stirnreif ihre Geschichte vor; die hat eine Jury aus zahlreichen Einsendungen ausgewählt. "Eine Riesenehre für sie", sagt ihre Lehrerin in einem kurzen Videoclip. Dann posiert sie zusammen mit ihrer Schülerin für den Fotografen - in den Händen halten die beiden den Glaspokal und ein elektronisches Lesegerät des amerikanischen Online- Versandhändlers. Auch die Pforzheimer Bürgermeisterin gratuliert. "Die Lese- und Schreibkompetenz ist zentral für die Verwirklichung von Chancengleichheit für alle Kinder. Daher freut es uns, wenn sich Unternehmen wie Amazon für diese Sache und auf kommunaler Ebene stark machen", zitiert die Firmen-Website die lokale Schirmherrin. Am Ende darf die 4b nicht nur 30 Kindles-Lesegeräte mitnehmen, sondern auch Gutscheine für digitale Bücher im Wert von 1.750 Euro.

Etwa 300 Schulklassen aus der Umgebung der deutschen Amazon-Standorte haben in den vergangenen Jahren beim Wettbewerb "Kindle Storyteller Kids" mitgemacht. Nun ist damit erst einmal Schluss. Im Frühjahr untersagte das hessische Kultusministerium die Teilnahme an der Veranstaltung, nachdem es durch eine Bürgeranfrage davon erfahren hatte. Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen und Bayern folgten dem Verbot. "Nach unserer Ansicht ist dieser Wettbewerb mit den schulrechtlichen Vorschriften zum Werbeverbot in Schulen nicht vereinbar", sagt Pressesprecher Stefan Löwer zu der Entscheidung. Das gelte insbesondere, "weil das Unternehmen den Wettbewerb ausschließlich in Regionen durchführt, in denen es einen Standort betreibt, und eigene Produkte als Preise auslobt. Hier wird offensichtlich, dass es dem Unternehmen ausschließlich um das eigene Image in der Öffentlichkeit geht." Der Zweck der Leseförderung trete eindeutig hinter dem eigenen Zweck zurück.

Nur das zuständige Ministerium in Sachsen sieht kein Problem. "Unzählige Schulen gestalten mit Unterstützung von außerschulischen Partnern Veranstaltungen und bereichern damit die Vielfalt sportlicher und kultureller Aktivitäten", heißt es in einer Erklärung. Solange es sich dabei nicht um "reine Werbeveranstaltungen" handele, habe die Landesregierung in Dresden keine Einwände.

Lachende Kinder vorm Firmenlogo

Amazon ist kein Einzelfall. Auf vielfältige Weise versuchen Unternehmen und Verbände, Unterrichtsinhalte zu beeinflussen. 16 der 20 umsatzstärksten Firmen in Deutschland produzieren Lehrmaterialien. Auch Expertenbesuche, Planspiele oder Gratis-Exkursionen gehören zum Angebot. "Wir haben es mit einem Massenphänomen zu tun", sagt Tim Engartner, Didaktikprofessor an der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Anders als Schulbücher, die von den Kultusministerien geprüft werden, unterliegt der Einsatz solcher Broschüren allein der Entscheidung der Lehrerinnen und Lehrer.

Während das Verteilen von Produkten wie Capri Sonne oder Panini-Sammelbildern leicht als Werbung zu identifizieren ist und unmittelbar auf Schüler als Konsumenten abzielt, geht es beim Lobbyismus um eine langfristige und tiefgreifende Beeinflussung des gesellschaftlichen Klimas. "Agenturen bieten Firmen offensiv an, ihre Botschaft in die Schulen zu tragen und so zu verpacken, dass es keine Probleme mit den Schulgesetzen gibt", berichtet Felix Kamella vom Verein LobbyControl. Klassen-Wettbewerbe versprechen nicht nur positive Artikel in der Lokalpresse und schöne Bilder mit lachenden Kindern vorm Firmenlogo. Sie sind auch Türöffner zu wichtigen Politikern vor Ort. Die Unternehmen können sich als verantwortungsbewusst darstellen - schließlich ist die Förderung von Bildung ein zentrales gesellschaftliches Anliegen.

Die chronische Unterfinanzierung der Schulen macht Lobbyisten die Arbeit leicht. In der Regel können von Broschüren ganze Klassensätze kostenlos bestellt werden - ein großer Vorteil in Zeiten unzureichender Kopieretats. Außerdem sind viele Schulbücher schon sieben oder acht Jahre alt, während die Verbands- und Unternehmenspublikationen aktuell und meist attraktiv gestaltet sind. Doch ihre Qualität ist überwiegend schlecht, die Inhalte sind einseitig, wie der Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv) recherchiert hat. Ein Expertenteam hat 453 Unterrichts- materialien unter die Lupe genommen. Während die meisten Produkte der staatlichen Stellen und Nichtregierungsorganisationen gute Noten erhielten, wurden zwei Drittel der Publikationen von Wirtschaftsverbänden und -unternehmen mit befriedigend, ausreichend oder gar nur mit mangelhaft bewertet.

Eine glatte Fünf bekam die Deutsche Bank für eine Finanzbroschüre. "Die Schüler/innen werden überwiegend in ihrer Rolle als Bankkunden angesprochen, ohne sie allerdings in die Lage zu versetzen, Zusammenhänge wirklich zu verstehen oder kritisch zu hinterfragen", heißt es zur Begründung. Darüber hinaus seien die Inhalte höchst einseitig dargestellt; beispielsweise erscheint die kapitalgedeckte Altersvorsorge als einzig tragfähige Lösung der Rentenfrage. Und schließlich ist die Unterrichtsbroschüre nur erhältlich, wenn ein Banker sie direkt in den Unterricht mitbringen kann. Auch die Allianz-Versicherung setzt mit dem Kooperationsprojekt "My Finance Coach" auf den unmittelbaren Kontakt im Klassenzimmer, um schon 12-Jährige "finanzfit" zu machen und zu "mündigen Wirtschaftsbürgern" zu erziehen. Knapp 750.000 Schülerinnen und Schüler konnten binnen fünf Jahren erreicht werden, verkündet die für das Projekt zuständige Stiftung.

Verkehrserziehung im Sinne von Daimler

Mit dem Programm MobileKids will Daimler Verkehrserziehung leisten, und ganz nebenbei tauchen in den Unterrichtsmaterialien - wenig erstaunlich - verschiedene Modelle des Luxuslimousinenherstellers auf. VW schmückt sich ebenfalls mit seinem Bildungsengagement: Auf dem Ausstellungsgelände "Autostadt" in Wolfsburg arbeiten 70 Pädagoginnen und Pädagogen, die mit Kita- und Grundschulkindern die Funktionsweise von Zahnrädern oder das Phänomen Strom ergründen. Die batterie- und windradbetriebenen Pappvehikel, die die Mädchen und Jungen bauen und später mitnehmen dürfen, haben nirgendwo ein VW-Logo - doch natürlich wissen alle Kinder, wo sie den spannenden Tag verbracht haben. Höhere Klassen können die mulitimediale Nachhaltigkeitsausstellung besuchen, bei der über weltweite Wasserprobleme und den ökologischen Fußabdruck informiert wird; die ständig wachsende Autozahl aber erscheint hier nicht als Problem.

Auch in den gesponsorten Unterrichtsmaterialien ist oft das entscheidend, was nicht darin vorkommt. Der Verein information.medien.agrar e.V., dem der Präsident des Deutschen Bauernverbandes vorsitzt, ist Herausgeber der Broschüre Das Schwein - woher kommt unser Schnitzel. Obwohl in der Satzung steht, "objektiv" über die Bedingungen in der Landwirtschaft informieren zu wollen, wird die Diskussion über Massentierhaltung mit keinem Wort erwähnt. Alles scheint in bester Ordnung. "In der Zusammenarbeit von Landwirten und Wissenschaftlern wird die Haltung der Tiere seit Jahrzehnten weiterentwickelt. Das Augenmerk liegt darauf, Hygiene, Gesundheit und weitere Bedürfnisse der Schweine bestmöglich zu befriedigen", lesen die Kinder.

Am schönsten für Firmen ist es natürlich, wenn sie im Schultag dauerhaft präsent sein können. Deshalb spendieren Samsung und Apple Tabletcomputer und nehmen damit auch Einfluss darauf, welche Geräte die Eltern zu Hause anschaffen. Schließlich sind bestimmte kostenlose Lehrprogramme nur auf den entsprechenden Geräten nutzbar.

Zu massiv erschien der niedersächsischen Landesregierung dagegen die Präsenz von ExxonMobil im Gymnasium Sulingen und anderen Schulen. Acht Jahre lang hatte der Erdölkonzern jeweils 10.000 Euro im Jahr zum Schuletat beigesteuert, Praktikumsplätze bereitgestellt und Unterrichtsstunden in den Physik- und Chemieleistungskursen abgehalten. Lobbycontrol hatte protestiert, in Zeitungen und Fernsehen gab es negative Berichte. Das hat das Kultusministerium wohl schließlich dazu bewegt, einzuschreiten. Doch in den meisten solcher Fälle passiert nichts.

Einseitige Inhalte

Die Verbraucherverband Bundeszentrale bewertet viele Unterrichtsmaterialien und -projekte und bereitet die wissenschaftlich fundierten Ergebnisse übersichtlich auf: verbraucherbildung.de/materialkompass