Schwer zu knacken Nickolas Butler: Die Herzen der Männer

Nur Frauen geben Nähe, Wärme und Liebe. Und nur auf seine Mutter ist Verlass. Das lernt der kleine Nelson schon früh. Der begeisterte Pfadfinder wird in der Männerwelt des Sommercamps ausgelacht und gemobbt, weil er gewissenhaft und pflichtbewusst ist. Nelson möchte ein anständiger Mann werden. Doch hinter der Fassade der amerikanischen Pfadfinderideale spielen Ehrlichkeit und Anstand nur eine untergeordnete Rolle. Stattdessen gibt es Intrigen und Ausschweifungen. Die Betreuer, darunter Nelsons zu Mitgefühl unfähiger Vater, saufen heimlich, gucken verbotene Pornos und betrügen ihre Frauen. Ausgerechnet im Jahr 1962, als das spießig-bürgerliche Familienleben als vorbildlich gepriesen wird.

Nickolas Butlers Roman ist ein feinsinniges, schonungsloses Lehrstück über Doppelmoral. Darüber hinaus legt der US-Autor die Abgründe der männlichen Psyche offen. Und die Verachtung, mit der viele Männer Frauen behandeln. Der sensible Nelson und der gutmütige alte Pfadfinderlagerführer Wilbur sind die Ausnahmen - sie lieben Frauen und vermissen sie im Camp. In zwei Zeitsprüngen über mehrere Jahrzehnte beobachtet Butler mit großer Empathie, was aus Nelson, den anderen Pfadfindern und ihren Vätern wird. Wie sie sich als Soldaten Härte antrainieren, in Vietnam und Afghanistan kämpfen, heiraten, Kinder großziehen, mit ihrer Rolle hadern und immer wieder an ihren Idealen scheitern. Im Jahr 2019 kehrt die Handlung schließlich ins Pfadfinderlager zurück. Der inzwischen 70-jährige Nelson leitet das noch immer von Männern dominierte Camp, und er nimmt besorgt die Veränderungen wahr. Die Jungen haben Tablets und Smartphones dabei, für die Natur interessiert sich kaum noch jemand. Als sich eine selbstbewusste Frau mit ihrem Sohn ins Lager wagt, wird sie von oben herab behandelt und gerät in Lebensgefahr.

Nickolas Butlers großartiger Roman spannt den Bogen von der Verlogenheit der bürgerlichen Idylle der 1960er Jahre bis zur moralfreien Gesellschaft der Gegenwart, vom Geheimnis eines guten Lagerfeuers bis zur #MeToo-Debatte. Der 38-jährige Schriftsteller aus Wisconsin erzählt liebevoll und herzzerreißend, aber auch brutal realistisch. Anklagen vermeidet er klug. Ein herausragendes Buch über den Versuch, ein guter Mensch zu sein. Besonders faszinierend: Dieser Männer-Roman ist im Grunde eine Liebeserklärung an die Frauen. Günter Keil

KLETT-COTTA-VERLAG, Ü: DOROTHEE MERKEL, 477 S., 22 EURO


Tom Hanks: Schräge Typen

Tom Hanks liebt Schreibmaschinen. Und er sammelt sie. Jetzt hat er offenbar selbst eine benutzt und Geschichten geschrieben, in denen Schreibmaschinen einen Gastauftritt haben und auch schon mal von einem Rootbeer, einer typischen amerikanischen Limonade, geflutet werden. Manche erfüllen aber auch einen durchaus professionellen Zweck wie in der Geschichte von Hank Fiset, der noch ziemlich analog unterwegs ist. Er fährt einen alten VW-Bus, hört Iggy Pop und schreibt seine Kolumnen über New York natürlich auf einer Schreibmaschine. Tom Hanks Geschichten scheinen zum großen Teil inspiriert zu sein von den Filmen, die er im Laufe seines Lebens gemacht hat. Ein Kriegsveteran erinnert sich in minutiöser Grausamkeit an die Schlacht in der Normandie (Der Soldat James Ryan), ein zeitreisender Technologie-Milliardär kehrt immer wieder ins Jahr 1939 zurück (The Circle), und in der skurrilsten Geschichte bauen vier Freunde eine Rakete und fliegen zum Mond (Apollo 13).Hanks Charaktere: eine charmante Mischung aus den Helden seiner Filme und den fiktiven Versionen seiner selbst. Marion Brasch

PIPER VERLAG, Ü: WERNER LÖCHER-LAWRENCE, 350 S., 22 EURO


Nina Verheyen: Die Erfindung der Leistung

Wer es sich nicht mehr leisten kann, dieses Buch zu lesen, steht entweder kurz vor einem Burnout oder erliegt dem eigenen Selbstoptimierungswahn. So in etwa lässt sich zuspitzen, was die Historikern Nina Verheyen über die Leistungen, die die Menschheit in unterschiedlichen Zusammenhängen erbringt, zusammengetragen hat. Anschaulich erzählt die Autorin entlang von Filmen wie "Toni Erdmann" oder "Moderne Zeiten" von Charlie Chaplin sowie anhand des "kleinen Mannes" von Hans Fallada, dass Leistung eben nicht gleich Leistung ist, sie sich mit dem Wandel der Zeiten stark verändert hat. Immer wieder geht die Historikerin auf die Leistung in der Arbeitswelt ein, in der die Einkommen immer auch an eine Leistung gekoppelt sind. Doch so einfach ist es nicht. Am Beispiel von Johannes Pinneberg, dem kleinen Mann aus Falladas Roman "Kleiner Mann - was nun?", bringt Verheyen sehr eindringlich auf den Punkt, was für Beschäftigte das größte Problem ist: "Pinneberg leidet nicht unter dem Dogma der Leistung, sondern unter den Leistungskontrollen und dem Zwang der Leistungssteigerung." Das Leid ist auch heutigen Amazon-Beschäftigten nicht fremd, ganz im Gegenteil. Mit Handscannern werden sie permanent überwacht und bei schlechter werdenden Ergebnissen unmittelbar zu einem Gespräch einberufen. So etwas können sich bis heute tatsächlich nur die Arbeitgeber leisten. Verheyens Buch sollten sich vor allem die Beschäftigten leisten. Petra Welzel

HANSER VERLAG, 256 S., 23 EURO