Ausgabe 02/2026
Bilder-Welt
Irgendwo in Mexiko Stadt 1969. Die heute vielfach ausgezeichnete mexikanische Fotografin Graciela Iturbide trifft auf die Frau mit langen Ohrringen aus Perlmutt-artigen Scheiben. Ihre Haare sind so dunkel und hochtoupiert, wie sie zu dieser Zeit Jackie Kennedy trug. Die kohlrabenschwarz geschminkten Augen wirken müde, der Blick ein wenig glasig. "Augen, mit denen man fliegen kann" ist der Titel dieser ersten großen Retrospektive, also einer Gesamtschau des Werks der 1942 geborenen Fotografin. Tatsächlich blicken einen auf vielen ihrer Fotografien eindringliche Augen an, hier geht der Blick ins Leere. Fast wirkt die Frau mit ihrem angedeuteten Lächeln in sich gekehrt. Es stellt sich auch die Frage, was es mit dem Wandbild hinter ihr auf sich hat? Zu sehen ist ein leeres Hotelzimmer, ein Grabstein und der Blick in ein Krankenhauszimmer. Alles versehen mit Kreuzen und Reliquien des christlichen Glaubens. Es ließe sich die eine oder andere Geschichte um das Porträt stricken. Die Fotografin selbst lässt aber offen, wie und wo das Bild entstanden ist, außer irgendwo in Mexiko-Stadt. Vielmehr lädt sie dazu ein, in ihren Bildern zu lesen. Oft sind es Porträts von Frauen, oftmals von Indigenen in Mexiko, denen sie einen poetischen, erzählerischen Rahmen gibt. Es sind Fotografien, in denen man versinken kann, dokumentarisch und gleichzeitig von einer ganz eigenen Schönheit und Ästhetik. In jedem einzelnen Bild sind Mensch(en) und Menschenwürde untrennbar vereint. pewe
Graciela Iturbide, Eyes to fly with, C/O Berlin Foundation, Hardenbergstr. 22-24, 10623 Berlin, BIS 10.Juni 2026, tgl. 11–20 UHR. co-berlin.org
