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Mit Demos, Warnstreiks und Aktionen erkämpften sich die Beschäftigten ihren AbschlussFoto: Farina Mietchen

Am 14. Februar vereinbarte ver.di mit der Tarifgemeinschaft der Länder (TdL) einen Tarifvertrag für die Beschäftigten im öffentlichen Dienst der Länder (außer Hessen). Für die bundesweit rund 925.000 Tarifbeschäftigten gibt es in drei Schritten bis Januar 2028 einen Aufschlag von am Ende insgesamt 5,8 Prozent. Hinzu kommen höhere Ausbildungsvergütungen und Schichtzulagen, die Angleichung der Arbeitsbedingungen in Ost und West – und für die Hamburger Landesbeschäftigten in bürgernahen Dienstleistungen die Hamburg-Zulage von zunächst 100, später 115 Euro im Monat. Beschäftigte im Sozial- und Erziehungsdienst erhalten zunächst 50 Euro, später 75 Euro. Sie betrifft etwa 10.000 der knapp 40.000 Beschäftigten der Hansestadt. Einen Tarifvertrag für die studentischen Beschäftigten lehnten die Ländervertreter ab. Vier Kolleg*innen aus Hamburg berichten, wie sie den Abschluss sehen.

Elena Guttenberg, 40, arbeitet im Landesbetrieb Erziehung und Beratung in einem Kinderschutzhaus

Ich denke, wir haben einen guten Abschluss erreicht. Es kann natürlich immer besser sein, gerade in einer teuren Stadt wie Hamburg, aber ich habe mit einem schlechteren Ergebnis gerechnet. Der Kampf wird durch den Druck entschieden, den wir machen können, und ich habe das Gefühl, dass wir weniger Stärke auf die Straße gebracht haben als letztes Mal. Daher bin ich stolz auf das, was wir trotzdem erreicht haben.

Mein Highlight ist der Einstieg in die Hamburg-Zulage. Im Sozial- und Erziehungsdienst sind das dieses Jahr 50, ab nächstem Jahr 75 Euro. Die Arbeitgeber haben eine Zulage, die wir 2023 für unseren Bereich erstritten hatten, in dem viele Frauen für zu geringe Bezahlung arbeiten, quasi verrechnet. Das sollte eigentlich nicht so sein. Und eigentlich sollte die Hamburg-Zulage für alle Tarifbeschäftigten des öffentlichen Dienstes gelten, nun gilt sie nur für einen Teil. Angesichts des Rückziehers unseres Finanzsenators ist das aus meiner Sicht trotzdem ein Erfolg. Wir haben Dr. Dressel* nicht vom Haken gelassen. Die Zulage mussten wir ihm abtrotzen; dass uns das gelungen ist, finde ich eine Hammer-Leistung. Es ist ein Zeichen, dass Organisation wirkt und wir viel erreichen können, auch gegen Widerstände.

Auch den Streik selbst habe ich sehr positiv erlebt. Normalerweise wird Montag bis Freitag gestreikt, darauf stellt sich der Arbeitgeber ein. Diesmal haben wir auch im Schichtdienst am Wochenende gestreikt – das erste Mal! Es war zwar ein kleiner Streik, aber er hat den Fokus auf die Schichtdienstler gerichtet. Und gezeigt, dass wir neue Strategien erproben können. In Bereichen wie dem Kinderschutzhaus, in dem ich arbeite, ist es sehr schwer zu streiken, weil wir 24/7 für unsere Kinder da sein müssen. Da wird viel mit schlechtem Gewissen gearbeitet, wenn man in den Streik geht. Trotzdem beteiligen sich immer mehr.

Pascal Oheim, 24, arbeitet im Technik- und Logistikzentrum der Feuerwehr Hamburg

Im Abschluss sind wichtige Dinge verankert, aber zufrieden kann man damit nicht sein. Die mäßige Erhöhung trägt nicht dazu bei, dass der öffentliche Dienst wieder attraktiver wird. Bei der Feuerwehr können offene Stellen nicht nachbesetzt werden. Viele sind in den letzten Jahren in finanziell attraktivere Berufe gewechselt.

Ich selbst bekomme den Sockelbetrag von 100 Euro brutto ab April und dann die Prozente bis 2028. Das war's. Bei mir frisst eine Mieterhöhung einen Teil davon auf. Dazu kommt die Inflation: Am Ende werden wir, wenn wir die Nullmonate November bis März mitrechnen, wahrscheinlich einen Reallohnverlust hinnehmen müssen. Da tut die lange Laufzeit besonders weh.

Gut finde ich, dass die Hamburg-Zulage kommt, allerdings mit einem weinenden Auge, denn sie war eigentlich schon vereinbart. Aber Finanzsenator Dressel* hat sein Wort gebrochen, die Zusage zurückgezogen und damit die Rahmenbedingungen geändert. Dadurch ist sie jetzt Teil der Tarifrunde geworden. Dafür hat ver.di wahrscheinlich anderswo Abstriche machen müssen. Wichtig finde ich auch die Ost-West-Angleichung und die Wechselschichtzulage, mit der die besonders geforderten Leute etwas mehr Geld bekommen. Da wir bei mir im Betrieb weder von der Hamburg-Zulage noch von den Schichtzulagen betroffen sind, ist die Stimmung aber eher: enttäuscht.

Der Streik war dennoch eine gute Erfahrung. Bei uns im Technikzentrum haben wir einen Warnstreikposten eingerichtet, eine ganze Woche lang. Wir sind mit einem Organisierungsgrad von knapp über null gestartet und haben im Lauf des Streiks viele neue Mitglieder gewonnen. Auch der Zuwachs bei den großen Warnstreiks mit allen Tarifbeschäftigten war super. Am letzten Streiktag waren 3.500 Leute in Hamburg auf der Straße. Gerade in den heutigen Zeiten, wo ständig Arbeitnehmerrechte angegriffen werden, finde ich das extrem wichtig.

Andrea Porepp, 54, arbeitet im Schulbüro einer Grundschule und ist Mitglied im Gesamtpersonalrat der Hamburger Schulbehörde

Ich finde gut, dass wir die Hamburg-Zulage durchbringen konnten, zumindest für 25 Prozent der Landesbeschäftigten. Damit haben wir jetzt einen Fuß in der Tür, um sie in Zukunft auf alle auszudehnen. Ich freue mich natürlich, dass unsere Berufsgruppe jetzt schon dabei ist, dafür haben wir lange gekämpft. Aber die 2,8 Prozent zu April bzw. der Mindestbetrag von 100 Euro – das ist zu wenig. In den niedrigen Gehaltsstufen bleibt netto kaum etwas übrig, bei mir 64 Euro, dazu die Hamburg-Zulage: So bekomme ich 128 Euro mehr ausbezahlt. Ohne die Zulage hätte ich den Kolleg*innen nicht erklären können, dass der Abschluss trotz allem ein kleiner Erfolg ist.

Es ist ja immer schwierig: Du versuchst, möglichst viele Kollegen zu bewegen, mit zu streiken, Mitglied zu werden. Wenn dann die Abschlüsse so gering sind, treten viele gleich wieder aus. Die Enttäuschung ist schon groß. In Hamburg sind die Gebühren – Wasser, Müll – zum 1. Januar angehoben worden, auch der HVV ist teurer geworden. Dazu kommen die Erhöhung des Krankenkassenbeitrags, steigende Lebensmittelpreise und und und.

Deshalb ärgere ich mich auch so über die Darstellung in den Medien. Da klingt es immer, als ob wir 5,8 Prozent auf einmal bekommen würden. Aber das ist ja über zweieinhalb Jahre gezogen. Diese Berichterstattung wirkt auf Außenstehende. Am vierten Streiktag bin ich am Jungfernstieg in die Bahn gestiegen, noch in ver.di-Weste, da pöbelt mich eine ältere Dame an, ob ich mich nicht schämen würde, die Arbeitgeber so unter Druck zu setzen in wirtschaftlich so schwierigen Zeiten. Die ließ sich gar nicht davon abbringen.

Heidi Heil, 37, arbeitet und studiert an der Uni Hamburg und ist aktiv bei TVStud

Der Abschluss ist mau. Ich freue mich natürlich über die Ost-West-Angleichung bei der Arbeitszeit in den Unikliniken und die Hamburg-Zulage. Aber uns studentische Beschäftigte betrifft das wenig bis gar nicht.

Unser Ziel ist die Tarifierung. Für uns gab es aber nur eine Entgelterhöhung ab dem Sommersemester, dann liegt unsere Mindestbezahlung 1,30 Euro über dem Mindestlohn. Die gleiche Anpassung wird es 2027 geben. Das federt gerade mal die Teuerung ab. Aber der springende Punkt ist die ideologiegetriebene Absage der Arbeitgeber an den Tarifvertrag und damit an strukturelle Verbesserungen. Die Länder verschließen sich den Fakten und ziehen sich aus der Verantwortung. Sie tun so, als wäre studentische Beschäftigung keine "richtige" Arbeit. Da frage ich mich, warum gibt es dann 300.000 dieser Jobs bundesweit? Die Wut darüber, wie wir behandelt werden, gibt mir aber Kraft, noch mehr zu tun, damit wir nächstes Mal den Tarifvertrag durchsetzen können.

Ich finde, man merkt, wie sich das politische Klima verändert, mit den Angriffen auf den Sozialstaat und Aussagen, dass wir angeblich alle zu wenig arbeiten würden. Die Tarifrunde war daher auch ein Abwehrkampf. Umso wichtiger, dass wir uns gewerkschaftlich organisieren, um diesen Angriffen zu widerstehen.

Toll war die Solidarität, die wir erfahren haben. Die Arbeitgeber haben ja versucht, Verschlechterungen für uns studentische Beschäftigte durchzusetzen, etwa eine noch längere Laufzeit, mit der wir aus der Tarifrunde der Länder rausgefallen wären. Da haben die Kolleg*innen in der Bundestarifkommission klar gesagt, das gibt es mit uns nicht. Ein Highlight war auch der bundesweite Hochschulstreiktag mit Aktionen an mehr als 70 Standorten. In Hamburg waren wir 1.000 Leute auf der Straße – Beschäftigte und Studierende zusammen – für die Verbesserung der Arbeits- und Studienbedingungen. Das ist wegen der Kürzungen an der Uni Hamburg und allgemein im Bildungsbereich ein ganz wichtiger Schritt.

*Andreas Dressel, SPD, ist Finanzsenator in Hamburg und Verhandlungsführer der Tarifgemeinschaft der Länder