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Betty Ávalos an einem Informationsstand ihres FrauenkollektivsFoto: Privat

ver.di publik: Betty, du hast über 20 Jahre in Montagefabriken, den sogenannten "maquilas" verbracht. Wie sah dein Arbeitsleben aus?

Betty Ávalos: Wie viele meiner Generation habe ich mit 15 in der Fabrik angefangen. Ich war in Fabriken, in denen Elektronikartikel hergestellt wurden. An einem normalen Tag hieß das: Gegen 4:30 Uhr aufstehen, um 6 Uhr Schichtbeginn, 15 Uhr Schichtende. Es ging für uns nicht so sehr darum, was produziert wird, sondern wo es bessere Bedingungen gab, Boni oder die Möglichkeit, sich weiterzubilden. Ich wollte nach der Sekundarschule noch einen Schulabschluss, daher habe ich dort gearbeitet, wo es nach der Schicht noch Unterricht gab. Gegen 19 oder 20 Uhr war ich dann daheim. Die Fließbandarbeit ermüdet. Allein fünf Minuten, um die Arme zu entspannen, bedeuten schon was.

Und Pausenzeiten während der Schicht?

Morgens gab es etwa 15 bis 20 Minuten zum Essen. Mittags nochmal 20 Minuten. Das lief fast mechanisch. Ich bin schon seit Jahren raus aus den Fabriken – bin aber nach wie vor in zehn Minuten fertig mit dem Essen. (Betty lacht)

Was ist heute anders, wofür braucht es euer Kollektiv noch?

Die Bedingungen sind nach wie vor prekär. Es fängt schon beim Einstellungsverfahren an. Früher wurden zum Teil Schwangerschaftstests verlangt. Das gibt es jetzt nicht mehr. Doch es gibt keine Transparenz. Keine Auskunft etwa, warum man nicht eingestellt wird. In unserem Kollektiv wollen wir uns und unsere Körper neu kennenlernen, uns wiederfinden, uns de-mechanisieren. Wir bieten Workshops, Beratungen und Begleitungen an. Wir vermitteln Wissen über die Gesetzgebung und welche behördlichen Instanzen zuständig sind. Oft verteidigen wir unsere Rechte nicht, weil wir sie nicht kennen.

Gibt es einen besonderen Fall, den ihr begleitet habt?

2012 begleiteten wir eine Gruppe von Kolleginnen in einer Fabrik für Verpackungsmaterialien. Die Frauen wehrten sich gegen konstante Schikane. Ihnen wurden ihre Prämien geklaut. Der Abteilungschef und der Aufseher sowie eine weitere Arbeiterin beleidigten die Kolleginnen rassistisch. Ständig. Da hieß es etwa: Die eine Kollegin würde nach Fisch stinken, weil sie aus einer Küstengegend stammt. Wir haben erreicht, dass alle drei gefeuert wurden.

"Wer als Frau in die maquilas gehe, sei eine Schlampe, hieß es. Doch wir waren einfach nur junge Mädchen, die arbeiten wollten – und mussten." Betty Ávalos, Koordinatorin des "Colectiva Rosa Luxemburgo"

Wie seid ihr vorgegangen?

In diesem Fall haben wir alles dokumentiert, eine Strategie definiert und Druck gemacht. Wir sind auf die Personalabteilung und andere Mitarbeiterinnen zugegangen. Wir haben mobilisiert, einen Brief an die Unternehmensführung geschrieben. Als der CEO aus den USA zu Besuch war, baten wir um ein Gespräch mit ihm. Dafür haben wir auch eine Kollegin mit ins Boot geholt, die bilingual aufgewachsen ist, um zu übersetzen. Es dauerte über ein Jahr.

Die maquilas wurden in den 70ern im Kontext einer wirtschaftlichen schwierigen Situation der USA geboren. Montagefabriken, Scharen voller junger Frauen, prägten fortan das Bild der Grenzstadt Juárez. Aber warum machten eigentlich Frauen die körperlich schwere Arbeit, die im Macholand Mexiko doch wohl eher bei Männern verortet wird?

Einige Jahre zuvor war das Bracero-Programm ausgelaufen. In der Landwirtschaft in den USA wurden damals männliche Arbeitskräfte gebraucht, die wegen des Vietnamkrieges fehlten. Mexikanische Farmer konnten durch dieses Austauschprogramm legal über die Grenze und in den USA arbeiten. Als das Programm endete, blieben sie. Die Fabrikarbeit in Juárez war dadurch hochgradig feminisiert. Was anderseits mit vielen Vorurteilen einherging, patriarchalen Vorurteilen. Denn Frauen bekamen Kaufkraft, bekamen eine wirtschaftliche Macht. Wer als Frau in die maquilas gehe, sei eine Schlampe, hieß es. Doch wir waren einfach nur junge Mädchen, die arbeiten wollten – und mussten.

Trotz der sehr prekären Verhältnisse gibt es bis heute Stimmen, die der Arbeit in den Montagefabriken etwas Gutes abgewinnen können: mehr wirtschaftliche Selbstbestimmung für Frauen.

Die Fabriken haben uns Zugang zu anderen Formen der Arbeit verschafft. Davor sind wir putzen gegangen, haben als Haushaltshilfen gearbeitet. Ich komme aus einer niedrigen sozialen Schicht, und für uns gab es nichts Anderes, bis die maquilas kamen. Wir hatten dadurch auch Anspruch auf bessere Sozialleistungen. Und: Der Mythos vom Mann in der Versorgerrolle ging unter.

INTERVIEW: Moritz Osswald

Veränderung durch Aufklärung

Die Grenzstadt Juárez weist hohe Mordraten auf, Fabrikarbeiterinnen sind besonders gefährdet. Betty Ávalos (52), Koordinatorin des "Colectiva Rosa Luxemburgo", Partnerorganisation von medico international, setzt sich für die Rechte von Fabrikarbeiterinnen ein. Seit Mitte der Neunziger setzen Betty und ihre Kolleginnen den prekären Bedingungen durch Aufklärung etwas entgegen. Die Arbeit in den exportorientierten Produktionshallen ist hart. Der logistische Vorteil für US-Firmen ist offensichtlich. Billige Löhne waren lange ein weiterer Faktor, der Mexiko konkurrenzlos als Outsourcing-Standort erscheinen ließ. Doch die regierende Morena-Partei hat in den letzten Jahren die Mindestlöhne kräftig angehoben und führt nun schrittweise über die nächsten Jahre eine 40-Stunden-Woche ein. Bisher galt eine 48-Stunden-Woche.