Ausgabe 04/2026
Du bist gut genug

Christiane Rösinger: The Joy of Ageing
Haderst auch Du mit dem Älterwerden? Hör auf damit. Geh in die Buchhandlung und kauf Dir das Buch The Joy of Ageing (Die Freude des Alterns), dann hört das Elend nämlich auf. Im Krankenhaus gibt Christiane Rösinger, 65, der Einfachheit halber als Beruf "Journalistin" an, dabei ist sie so viel mehr. In den 80ern und 90ern war sie mit ihren Bands Lassie Singers und später Britta ein Star der (West)-Berliner Indie-Szene. Sie veranstaltete Partyreihen wie die "Flittchenbar", schloss ein Germanistikstudium ab und zog derweil allein eine Tochter groß. Heute schreibt sie Theaterstücke, Kolumnen über das Leben als Boomerin und Essays über Popmusik fürs Feuilleton. Manch einem ist auch noch ihr Auftritt in der Stuttgarter Tatortfolge "Das ist unser Haus" in bleibender Erinnerung.

In ihrem neuen Buch führt sie stilistisch nicht nur den totalitären Hass des Sprachkritikers Wolf Schneider auf die geschwätzigen Adjektive ad absurdum. Lustvoll macht sie gerade die geschmähten Wiewörter zur Rampensau ihrer Semantik und schöpft für ihre teils urkomischen Betrachtungen diverser Aspekte des Älterwerdens aus den Alltagserfahrungen ihres Kreuzberger Lebens mit altem Mietvertrag. Ein besonders lustiger Kniff ihres Buches ist, dass Christiane Rösinger uns an ihrem Schreib- und Erkenntnisprozess teilhaben lässt. Etwa wenn sie sich nach minutenlanger Recherche nach dem Altersbegriff der Antike erschlafft fragt, ob die kurze Aufmerksamkeitsspanne bereits eine erste Alterserscheinung ist. Ihre oberste Direktive aber lautet, sich nicht verrückt zu machen. Weder beim Schreiben noch beim Altern. Und so fördert sie viel Wissenswertes über die Kulturgeschichte und die Unwuchten des Alterns hervor und beginnt damit bei sich selbst. Etwa mit der "Morgenvisite", bei der sie nach dem Aufwachen den Zipperlein ihrer Körperteile nachspürt. Denn auch ein Leben im künstlerischen Prekariat kann Folgen haben, die man sonst von Managern kennt. Mit 40 bekam Rösinger durch zwei Schlaganfälle einen ersten Schuss vor den Bug und fiel anschließend vom Barhocker, an dem ihr Sprunggelenk hängenblieb.
Später befragt Rösinger ihre Freund*innen nach deren Alterns-Strategien, die ihr allesamt zu stressig sind. Die wichtigste Erkenntnis aber lautet: Du brauchst keinen Mann. Der macht im Alter eh nur Stress. Das Gewese um die Menopause sowie das neoliberale Selbstoptimierungsdiktat sind abzulehnen. Auch teilt sie ihre Gedanken zu weiblichen Rollenvorbildern in Literatur, Film und Musik, die eine wertschätzende Sicht auf die alternde Frau transportieren. Denn es ist auch unsere früh antrainierte, unfreundliche Sichtweise auf das Alter, die unserer Freude daran im Wege steht. Noch viel mehr nimmt man mit aus diesem befreienden, lustigen und tröstlichen Buch, das man spätestens aber ab 30 lesen kann.
Jenny Mansch
Christiane Rösinger: The Joy of Ageing. Rowohlt Verlag 2026, 288 Seiten, 24 €
Louise Candlish: Our holiday
NJFA heißt die Aktivist*innen-Gruppe aus einem südenglischen Badeort, die sich gegen privilegierte Urlauber wehrt. Denn der Wohnraum wird immer knapper, seitdem Cottages, Apartments und Villen von reichen Großstadtbewohner*innen aufgekauft werden.

Diese reisen nur wenige Wochen pro Jahr in den Urlaubsort, und das erzürnt die Einheimischen – passenderweise ist NJFA die Abkürzung für "Not just for August". Diese brisante Konstellation ist die Ausgangslage von Louise Candlishs packendem Thriller. Die britische Autorin schildert den NJFA-Widerstand ebenso wie die Reaktionen der privilegierten Feriengäste, und während der Auseinandersetzung zwischen beiden Lagern verschieben sich bisweilen die Fronten: Manche der Kinder der Urlauber haben durchaus Verständnis für die NJFA-Aktionen. Und auf beiden Seiten offenbart ein Blick hinter die Fassaden fragwürdige Verhaltensweisen einzelner Figuren. Während der August immer heißer wird, passiert ein tragisches Unglück und der Streit zwischen Einheimischen und Urlaubern eskaliert. Ein starker, brisanter Thriller, gekonnt aufgebaut und effektiv zugespitzt. Spannender geht Urlaubslektüre kaum.
Günter Keil
btb Verlag, übersetzt von Beate Brammertz, 576 S., 17 €
Şeyda Kurt: Zeit der Monster
Was ist das für ein Buch? Jedenfalls kein Sozialdrama, obwohl die Klassenfrage im Mittelpunkt steht. Märchen trifft es auch nicht, dafür ist die Geschichte zu realistisch.

Wie wäre es mit einer Dystopie? Dafür scheint zu viel Zuversicht auf. Dann ein Thriller? Auch dies nicht, denn das Verbrechen tritt hier keinesfalls als Subjekt auf, sondern als System. Es heißt Kapitalismus. Womit viel gesagt ist über den furiosen Debütroman von Şeyda Kurt. Ihr Protagonist: ein migrantisch geprägtes Stadtviertel im Rheinland, das bevölkert ist von Charakteren, deren Leben geprägt sind von Existenzkampf und Hoffnung. Da ist Sanya, die in einer Kneipe arbeitet und deren Begegnung mit der geheimnisvollen Rahel alles ändern wird. Sanyas Wahlmutter Mira betreibt den Muskelpalast McBurn und gilt als Mastermind der Nachbarschaft. Um die beiden herum steuert die Story auf eine Apokalypse zu, von der klar wird, dass sie längst da ist. In manchmal wilden, bisweilen zärtlichen, immer jedoch sprachlich genau gearbeiteten Szenen entfaltet Kurt das Porträt einer Gemeinschaft, in der Zukunft, Gegenwart und Vergangenheit in eine Symbiose treten. Dabei scheint stets die Gewissheit auf, dass Menschen die Welt verändern können, wenn sie zu Solidarität finden.
Christian Baron
Aufbau Verlag, 288 S., 23 €