In der Sperrzone von Tschornobyl (dem 30 Kilometer breiten Gebiet um das havarierte Kernkraftwerk, aus dem die Bevölkerung nach dem Reaktor-Unfall 1986 evakuiert wurde) sind in diesem Jahr bereits mehrfach Waldbrände ausgebrochen. Erst kürzlich meldete der staatliche Katastrophenschutz (DSNS) einen erneuten Brand. Löscheinsätze in der Sperrzone sind besonders anspruchsvoll: Es geht nicht nur um Feuer und die während der Brände ansteigende Strahlung, die potenziell auch über die Ukraine hinaus zur Gefahr werden kann.

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Olha VorozhbytFoto: privat

Da die Zone zu Beginn der russischen Großinvasion besetzt war, sind die dortigen Wälder mit Minen und Munition übersät. Durch die Hitze der Brände detonieren diese, was die Löscharbeiten zusätzlich erschwert. Wegen der Minengefahr dürfen Rettungskräfte das Gebiet nicht betreten. Sie müssen sich auf das Anlegen von Brandschneisen beschränken, um eine weitere Ausbreitung zu verhindern.

Ähnlich schwierige Einsätze erleben Rettungskräfte in diesem Jahr auch im Grenzgebiet der Oblast Sumy, wo Minen die Arbeit ebenfalls behindern. Das lenkt den Blick erneut auf die humanitäre Minenräumung: Rund 20 Prozent des ukrainischen Territoriums sind mit Sprengkörpern belastet. Seit 2023 wurden bereits 45.000 Quadratkilometer geräumt – die Arbeiten werden aber noch Jahrzehnte dauern.

Über 30 Prozent der Minenräumer sind Frauen

Anfang 2024 gab es gut ein Dutzend Betreiber humanitärer Minenräumprogramme und rund 1.500 Minenräumer. Heute sind es über 5.000 Fachkräfte und mehr als 130 Unternehmen. Auch die Zahl der unterstützenden Maschinen wächst, besonders robotergestützte Systeme, viele davon aus ukrainischer Produktion. Künstliche Intelligenz und neue Technologien kommen der Minenräumung zunehmend zugute.

Deutlich gestiegen ist auch der Frauenanteil in der Branche, inzwischen auf über 30 Prozent. Eine von ihnen ist Julia Kawetska, gelernte Kinderärztin und Endokrinologin. Als der Krieg begann, wollte sie sich nützlich machen und bewarb sich vor gut zwei Jahren bei einem Unternehmen für humanitäre Minenräumung. Heute ist sie Chefärztin bei "Ukrainische Minenräumdienste" (UDS), verantwortlich für die Mediziner vor Ort und für Standardarbeitsanweisungen. Da die Minenräumer bei jedem Wetter im Einsatz sind, müssen sie körperlich topfit sein: "Man kann bei uns das Vorstellungsgespräch bestehen, aber an der ärztlichen Untersuchung scheitern", sagt Julia. Fachlich geeignete Bewerber werden mitunter aus gesundheitlichen Gründen abgelehnt.

UDS hat zudem ein Projekt zur Säuberung der Sperrzone von Tschornobyl von Kriegsrückständen entwickelt, das im Herbst starten soll. Julia und ihre Kollegen absolvierten dafür kürzlich einen Spezialkurs zu Strahlen- und Chemikaliensicherheit, organisiert von Experten der französischen Nationalakademie der Feuerwehr. Der Einsatz bedeutet für UDS erheblichen Mehraufwand: zusätzliche medizinische Untersuchungen, spezielle Ausrüstung und womöglich die spätere Entsorgung von Geräten, falls deren radioaktive Kontamination eine Wiederverwendung ausschließt. Doch jeder geräumte Kilometer der Tschernobyl-Zone ist ein Schritt in Richtung einer sicheren Zukunft.

Die Zone ist nicht die einzige schwierige Aufgabe für die ukrainischen Sprengstoffexperten. Die größte Herausforderung dürfte ein rund 50.000 Quadratkilometer großes Gebiet sein, in dem noch gekämpft und modernste Waffentechnik eingesetzt wird. Wie der stellvertretende Wirtschaftsminister Ihor Bezkaravajnyj erklärt, haben es die Minenräumer bislang mit alten oder bekannten europäischen Waffentypen zu tun – die eigentlichen Herausforderungen kommen erst noch, wenn genau diese Kampfgebiete entmint werden müssen. Wie das gelingen soll, ist derzeit offen. Möglicherweise entsteht hier eine weitere europäische "Zone Rouge" – eine rote Verbotszone.

Olha Vorozhbyt ist stellvertretende Chef-Redakteurin des ukrainischen Nachrichtenmagazins Ukrajinskyi Tyschden. Seit der Ausgabe 03_2022 schreibt sie regel- mäßig für uns ein Update aus der Arbeitswelt in der Ukraine.