Ausgabe 04/2026
Mehr Leben nach der Arbeit

Während in Argentinien und Chile, aber auch Deutschland, über Arbeitszeitverlängerungen debattiert wird, hat Brasiliens Parlament eine schrittweise Verkürzung der Wochenarbeitszeit von 44 auf 40 Stunden sowie die Abschaffung der Samstagsarbeit beschlossen. Die Abgeordneten billigten Ende Mai den Entwurf einer Verfassungsreform, mit der die wöchentliche Arbeitszeit bei gleichbleibendem Gehalt reduziert und die Fünftagewoche eingeführt wird.
Der Gesetzentwurf fand parteiübergreifend eine Mehrheit. Selbst die Mehrzahl der Abgeordneten der Liberalen Partei (PL) des ehemaligen Präsidenten Jair Bolsonaro, der die Reform zunächst abgelehnt hatte, stimmte dafür. Wohl nicht zuletzt mit Blick auf die bevorstehenden Präsidentschafts- und Parlamentswahlen im Oktober. Mehr als 70 Prozent der brasilianischen Bevölkerung befürworten die Verkürzung der Arbeitszeit. Der linke Präsident Luiz Inácio Lula da Silva hat das Thema zu einem zentralen Bestandteil seines Programms für die Wahl gemacht.
Der Gesetzestext sieht vor, dass 60 Tage nach Inkrafttreten die maximale Arbeitswoche 42 Stunden beträgt, bei zwei Ruhetagen, von denen vorzugsweise einer auf einen Sonntag fallen soll. Damit bekämen die Beschäftigten zwei freie Tage pro Woche. Bisher gilt eine Arbeitswoche von sechs Tagen und einem Ruhetag. Nach zwölf Monaten wird die maximale Arbeitswoche auf 40 Stunden festgelegt.
Obergrenze 8 Stunden am Tag
Die Reform wahrt bestehende Tarifverträge und Sonderregelungen für bestimmte Sektoren wie das Gesundheitswesen, Verkehr oder städtische Entsorgung. In diesen können spezifische Arbeitszeitpläne festgelegt werden, sofern sie die Obergrenze eines Acht-Stunden-Arbeitstages sowie die Regelung von zwei Ruhetagen einhalten.
Die Frage der Arbeitszeitverkürzung ist für Ricardo Antunes, Professor für Arbeitssoziologie an der Universität Campinas, "von entscheidender Bedeutung". "Ein großer Teil der erwerbstätigen Bevölkerung in Brasilien arbeitet heute 44 Stunden oder mehr pro Tag. Die Verkürzung der Arbeitszeit bedeutet daher, dass die Arbeitslosigkeit sinkt", sagt Antunes, der vielleicht wichtigste Forscher zum Thema Arbeit in Brasilien. "Wenn man die Arbeitszeit von sechs Tagen pro Woche auf fünf Tage pro Woche verkürzt, bedeutet diese Verkürzung, dass ein Teil der erwerbslosen Arbeiterklasse in Brasilien eine Beschäftigung findet."
Zudem werde die brasilianische Arbeiterklasse mehr Zeit für ihr Leben außerhalb der Arbeit haben, so Antunes, das führe zu einer Verbesserung der Lebenszeit außerhalb der Erwerbsarbeit. Angelehnt an ein Leitmotiv von Karl Marx in Band drei des "Kapitals" formuliert er: "Die Verkürzung der Arbeitszeit ist der Ausgangspunkt für ein emanzipiertes Leben, denn die Arbeiterklasse kann beginnen, von einem Leben mit sinnvoller Arbeit zu träumen, da die Arbeit in der kapitalistischen Gesellschaft für die überwiegende Mehrheit der brasilianischen Arbeiterklasse ohne Sinn ist."
Die Verkürzung der Arbeitszeit ist eine historische Forderung der brasilianischen Gewerkschaften, um Lebensqualität und psychische Gesundheit der Beschäftigten zu verbessern. Das Vorhaben stößt jedoch auf Widerstand von Arbeitgebern und Nationalem Industrieverband (CNI). Sie warnen vor höheren Kosten und Jobabbau. Die Maßnahme könnte die Kosten für formelle Beschäftigungsverhältnisse jährlich um bis zu sieben Prozent erhöhen. "Für die brasilianische Bourgeoisie wird eine Verkürzung der Arbeitszeit einen geringen Gewinnrückgang bedeuten. Das will sie nicht; sie wird sich dagegen wehren", prophezeit Antunes.
Senat muss noch beschließen
Da es sich um eine Verfassungsreform handelt, muss der Gesetzentwurf noch im Senat eine qualifizierte Mehrheit erhalten. "Aber der Senat, der derzeit konservativer ist, steht unter starkem Druck des Nationalen Industrieverbands sowie der verschiedenen Branchenverbände der brasilianischen Bourgeoisie – Industrie, Banken, Finanzen, Agrarindustrie –, und all das führt dazu, dass der Sieg noch nicht endgültig besiegelt ist", glaubt Antunes und nimmt die Nachbarländer Argentinien und Chile in den Blick.
In Argentinien ist einer der umstrittensten Punkte der Arbeitsrechtsreform von Präsident Javier Milei die Möglichkeit, Arbeitstage von bis zu 12 Stunden festzulegen. In Chile diskutiert die Regierung des neugewählten Präsidenten José Antonio Kast eine "Flexibilisierung" der Arbeitszeit, um eine Verlängerung der Wochenarbeitszeit auf bis zu 52 Wochenstunden zu ermöglichen.
"Warum verlängern diese Länder die Arbeitszeit?", fragt Antunes und liefert die Antwort gleich hinterher. "Wie sieht die Regierung in Argentinien heute aus, wie die in Chile? Die chilenische Regierung, die gerade die Wahlen gewonnen hat, bewegt sich zwischen der Rechten und der extremen Rechten. Ebenso Milei in Argentinien."
Vor allem an Milei und Argentinien zeige sich exemplarisch, so Antunes, worum es bei der Debatte um Arbeitszeit geht: "Die extreme Rechte – die heute aggressivste Form der Rechten – weist nicht selten faschistische Züge auf; gleichzeitig ist sie extrem neoliberal und verteidigt die besitzende Klasse. Die extreme Rechte will weltweit die Arbeitszeit verlängern, um der Arbeiterklasse zu schaden und den Reichtum der herrschenden Klasse zu mehren."