In den zurückliegenden 15 Jahren der immer tiefer gehenden sozialen Spaltung hat sich die Zahl derjenigen abhängig Beschäftigten mehr als verdoppelt, die zur Sicherung ihres Lebensunterhalts nicht nur einen, sondern mehrere Jobs brauchen: Laut einer Studie des Instituts für Arbeit und Qualifikation an der Universität Duisburg-Essen (IAQ) von Anfang März (kurzlink.de/GJut3PlYb) gab es 2003 knapp 1,7 Millionen Mehrfachbeschäftigte in Bundesdeutschland, im Juni 2019 waren es 3,9 Millionen. Damit hat dieser allgemein wenig beachtete sozialpolitische Skandal in Europas mächtigster Volkswirtschaft ein neues Allzeithoch erreicht. Der ungebrochen starke Anstieg sei im internationalen Vergleich außergewöhnlich, sagen die Forscher*innen. Drei Viertel der Mehrfachjobber*innen sind sozialversicherungspflichtig beschäftigt und gehen einer geringfügigen Nebenbeschäftigung, einem Minijob nach. Das restliche Viertel hat zwei oder mehr Arbeitsplätze in anderen sozialversicherungsrechtlichen Kombinationen. Auf den ersten Blick mag der Minijob vielen als attraktive Möglichkeit des ersehnten, meist dringend notwendigen Zuverdienstes erscheinen, bei dem vom Bruttolohn keine oder kaum Abzüge entstehen.

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Henrik Müller ist freier Journalist und AutorFoto: R. Kossmann

Dennoch zeitigt die Mehrfachbeschäftigung gesellschaftlich und für die Betroffenen eine Reihe von Nachteilen: Dem Staat entgehen Steuern, den Sozialversicherungen Beiträge, den Beschäftigten bringt der Minijob meistens nichts für die Rente. Was noch schwerer wiegt: das Gesundheitsrisiko aufgrund der überlangen Arbeitszeiten, die für Mehrfach- und Multijobber*innen zusammenkommen, soweit sie überhaupt korrekt erfasst werden. Aus einem Report des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung 2019 geht hervor, dass 37 Prozent der Befragten 50 Stunden oder länger pro Woche arbeiten müssen, 13 Prozent sogar 60 Stunden oder länger. Wo bleibt da der Gesundheitsschutz?