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Stina Schäfer (re.) und Josina Heidel auf dem Campus der Leibniz-Universität HannoverFranziska Gilli

Ohne Vertrag arbeiten? Josina Heidel kennt das. Die 22-Jährige war als studentische Beschäftigte an der Leibniz Universität Hannover tätig. Nach einem befristeten Vertrag mit zwei Monaten Laufzeit musste sie vier Wochen auf einen Folgevertrag warten. Ihre Aufgaben aber liefen weiter. Als Josina schließlich ihren nächsten befristeten Vertrag erhielt, war dieser nur noch für fünf anstatt sechs Monate ausgestellt. "Mir war nicht bewusst, wie schlecht meine Arbeitsbedingungen eigentlich sind", sagt die Studentin der Politikwissenschaften heute. "Auch dass ich nicht arbeiten muss, wenn ich krank bin oder einen gesetzlichen Urlaubsanspruch habe, wusste ich nicht."

Erst die Befragung im Rahmen der Studie "Jung, akademisch, prekär" habe ihr die Augen geöffnet. Die Studie hatten ver.di und GEW beim Institut Arbeit und Wissenschaft der Universität Bremen in Auftrag gegeben. Über 11.000 studentische Beschäftigte an Hochschulen und Universitäten beteiligten sich an der bislang größten Untersuchung zu den Beschäftigungsverhältnissen dieser Berufsgruppe.

Josina ist eine von ihnen. "Allein die Fragestellungen haben mir verdeutlicht, wie prekär meine Arbeitsbedingungen sind", sagt sie. Was die junge Frau auch sieht: Sie ist nicht allein. "Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass die Arbeitsbedingungen studentischer Beschäftigter kein individuelles, sondern vielmehr ein strukturelles Problem sind."

Schlecht bezahlt, grundlos befristet

Im Durchschnitt knapp fünf Wochen vor oder nach Vertragsbeginn arbeiten die Befragten laut Studie ohne Bezahlung. Besonders brisant: 90 Prozent von ihnen finanzieren mit ihrer studentischen Beschäftigung ihr Studium. Neben unbezahlter Arbeit gehören auch Kettenbefristungen ohne sachlichen Grund und kurze Vertragslaufzeiten für die meisten Befragten zur Tagesordnung.

Dabei sind studentische Hilfskräfte eine wichtige Säule im Wissenschaftsbetrieb und leisten unverzichtbare Arbeit. Egal, ob in Wissenschaft, Forschung und Lehre oder als Tutor*innen. Dennoch fallen die nach Schätzungen von ver.di über 200.000 studentischen Beschäftigten nicht unter den Schutz eines Tarifvertrages. Und das zudem, obwohl sie im öffentlichen Dienst arbeiten.

Die einzige Ausnahme bildet hier das Land Berlin, in dem es schon seit 1980 einen TV Stud, einen Tarifvertrag für studentische Beschäftigte, gibt. Nach einer langen Tarifauseinandersetzung wurde er 2018 aktualisiert. Dass der TV Stud tatsächlich vor prekären Arbeitsbedingungen, wie vor erheblicher Planungsunsicherheit schützt, zeigt auch die aktuelle Studie.

Denn während im Rest der Republik die durchschnittliche Vertragslaufzeit für studentische Beschäftigte bei nur 5,7 Monaten liegt, sieht der TV Stud in Berlin eine Mindestvertragsdauer von zwei Jahren vor. Außerhalb von Berlin sind Kettenverträge daher wesentlich verbreiteter: Studentische Beschäftigte arbeiten im Durchschnitt dreimal in Folge auf derselben Stelle.

"Alle sechs Monate muss ich mich auf andere Aufgaben und Arbeitszeiten einstellen und mein Leben umstrukturieren."
Stina Schäfer, Informatikstudentin

Bei Stina Schäfer, ebenfalls studentische Beschäftigte an der Leibniz Universität Hannover, folgten sogar fünf Verträge für den gleichen Job aufeinander. Sie galten jeweils für ein halbes Jahr. Ein einziges Mal erhielt die 27-Jährige einen Jahresvertrag. "Das war eine echte Ausnahme", sagt die Informatikstudentin. Fünf weitere Halbjahresverträge für andere Jobs als studentische Beschäftigte folgten. Die kurze Laufzeit der Verträge hat erhebliche Auswirkungen auf Stinas Studium. "Alle sechs Monate muss ich mich auf andere Aufgaben und Arbeitszeiten einstellen und mein Leben umstrukturieren." Das koste viel Zeit und Kraft.

Stina finanziert ihr Master-Studium selbst. Vor dem Hintergrund der hohen Inflation stellt der geringe Lohn sie vor eine echte Herausforderung. Als studentische Beschäftigte nach dem Bachelor-Abschluss erhält sie an der Uni Hannover aktuell 12,73 Euro Stundenlohn. "Das reicht nicht mehr aus, um mein Leben davon zu finanzieren," sagt sie. Sie müsse bereits ihre Ersparnisse anbrechen, um die Miete für ihr WG-Zimmer zu bezahlen.

"Den Job als studentische Beschäftigte muss man sich leisten können", sagt sie. Im Sinne einer Chancengleichheit für Studierende aus allen sozialen Schichten sei dies nicht hinnehmbar, findet die 27-Jährige. Sie unterstreicht den wertvollen Einblick in den Wissenschaftsbetrieb, den sie durch ihre Arbeit als studentische Beschäftigte erhält. Doch dafür bezahlt sie einen hohen Preis mit ihrem Ersparten.

Ein Tarifvertrag muss deshalb her.

"Damit die prekären Arbeitsbedingungen abgestellt werden, brauchen die studentischen Beschäftigten endlich den Schutz eines Tarifvertrages. Unter anderem müssen darin Mindestlaufzeiten für die Arbeitsverträge und faire Entgelte geregelt werden", fordert Sylvia Bühler, im ver.di-Bundesvorstand zuständig für Bildung und Wissenschaft. Und zwar bundesweit. Überfällig sei auch, studentischen Beschäftigten in allen Bundesländern die volle betriebliche Mitbestimmung einzuräumen.

Für die Forderung nach einem flächendeckenden TV Stud engagieren sich auch Stina und Josina. In den letzten Jahren haben sich studentische Beschäftigte in über 30 Städten organisiert und 2021 bei der Tarifrunde der Länder gemeinsam mit anderen Länderbeschäftigten erstmals gestreikt.

Mit Erfolg: ver.di hat in diesem Januar erste Gespräche mit der TdL, der Tarifgemeinschaft deutscher Länder, zu einem TV Stud für alle geführt, eine Bestandsaufnahme der Arbeitsbedingungen studentischer Beschäftigter wurde gemacht. Auf einer Konferenz Ende Februar in Göttingen beriet ver.di dann gemeinsam mit studentischen Beschäftigten aus ganz Deutschland das weitere Vorgehen.

"Die Stimmung war mega-cool und energiegeladen", sagt Josina. "Ich sehe auf jeden Fall ein Möglichkeitsfenster, den TV Stud in der nächsten Tarifrunde der Länder auf den Weg zu bringen." Stina sagt mit Blick auf die im Herbst 2023 beginnende Tarifrunde: "Wir sind bereit, weiter Druck zu machen und noch mehr Stärke an Hochschulen und Universitäten aufzubauen."

Weitere Infos:

Die ganze Studie "Jung, akademisch, prekär" runterladen unter Telegram-Vernetzungsgruppe der studentischen Beschäftigten: t1p.de/rm7we