Ausgabe 03/2026
Ein Branchentarifvertrag muss her

Sie haben die wichtige Aufgabe, Menschen für neue Anforderungen im Beruf und auch in anderen Lebensbereichen zu schulen: Beschäftigte in der Weiterbildung qualifizieren Jugendliche und Erwachsene, bieten Bildungsveranstaltungen zu Künstlicher Intelligenz, Klimaschutz, politischer Bildung und vielen anderen Themen an. Vergangenen Sommer hat der ver.di-Fachbereich Gesundheit, Soziale Dienste, Bildung und Wissenschaft mit einer Befragung auf der Grundlage des DGB-Index Gute Arbeit und weiterer Module ermittelt, wie es um die Arbeitsbedingungen für die in der Weiterbildung Beschäftigten steht. Seit Ende März sind mehrere Auswertungen veröffentlicht worden.
Knapp 3.900 Kolleg*innen aus der Branche haben sich beteiligt. Die Gesamtbilanz ihrer Antworten liest sich verheerend, offenbart "hohe Anforderungen und Belastungen, ein weder ausreichendes noch leistungsgerechtes Einkommen, Armutsrisiko im Rentenalter sowie eklatante Defizite bei der Gestaltung der fachlichen Arbeitsbedingungen", fasst André Pollmann zusammen, der bei ver.di für die Beschäftigten in der Weiterbildung zuständig ist. Oft würden Personalschlüssel nicht eingehalten, die Kolleg*innen müssten viel Zeit für überbordende Dokumentationsvorgaben aufwenden, sodass die pädagogische Arbeit darunter leide.
In der Misere
Annette Zimmermann kennt die Misere bestens. Die studierte Politologin ist seit 2009 als Soloselbstständige in der Weiterbildung tätig. Anfangs habe sie vor allem Seminare und Workshops in der außerschulischen Jugendbildung angeboten. Doch der gesamte Bereich sei so extrem unterfinanziert, "dass es nicht möglich ist, mit den dort gezahlten Honoraren zu existieren", berichtet sie. Angesichts von 100 Euro als Tagessalär, die auch gewerkschaftliche Träger kaum überböten, bliebe ihr nur der Wechsel in die Erwachsenenbildung.
"Dort wird zwar besser bezahlt, aber auch nicht auskömmlich, denn für die Vor- und Nachbereitung der Veranstaltungen gibt es ebenso wenig ein Honorar wie für die An- und Abreise", sagt Zimmermann, die sich in der ver.di-Kommission Selbstständige für die Belange der Honorarkräfte in der Weiterbildung einsetzt. Wäre sie nicht immer wieder mit einer halben Stelle in Projekten beschäftigt oder würde für besser bezahlte Moderationen von Klausurtagungen gebucht, käme sie allein mit den für politische Bildungsveranstaltungen gezahlten Honoraren nicht über die Runden.
Überall zu niedrig
Die Soloselbstständigen stellen die Mehrheit in der Branche. Doch nicht nur die Honorarkräfte leiden unter der schlechten Bezahlung und immer wieder neu auszuhandelnden Aufträgen. Auch wer fest in der Branche arbeitet, bekommt zumeist ein Einkommen, das weit unter den Tarifverträgen für den öffentlichen Dienst liegt. "Und das gilt für Angebote der Bundesagentur für Arbeit und der Jobcenter in der Weiterbildung, die von verschiedenen Trägern realisiert werden", so Gewerkschafter André Pollmann. Tarifverträge hätten nur einige große Träger. Außerdem erhielten die meisten fest Angestellten in der Weiterbildung befristete Verträge. Deshalb setzt ver.di sich nun für einen Branchentarifvertrag ein, der die Bezahlung und die Arbeitsbedingungen regelt.
Ein Meilenstein
Ein Weiterbildungsträger, der schon seit 2018 einen Haustarifvertrag hat, ist das "Anne Frank Zentrum" in Berlin. Dort haben festangestellte und freiberufliche Kolleg*innen gemeinsam für den Tarifvertrag gekämpft – "ein Meilenstein und Positivbeispiel für unser Berufsfeld", wie die ver.di-Betriebsgruppe auf ihrer Homepage schreibt. Im Moment laufen zum dritten Mal Tarifverhandlungen. Dort fordert ver.di, die Beschäftigten des Zentrums mit den Beschäftigten des öffentlichen Dienstes gleichzustellen. Sie sollen nach dem Tarifvertrag der Länder bezahlt werden, inklusive Hauptstadtzulage und mit einer tariflichen Zusatzrente. Die Honorare der freien Mitarbeiter*innen sollen parallel zu den Tarifsteigerungen erhöht werden. Eine weitere Forderung an den Trägerverein des Anne Frank Zentrums ist die regelhafte Entfristung von Projektstellen nach spätestens drei Jahren. "Wir vermitteln jeden Tag die Werte von Gleichheit und Demokratie", erklärte Roman Guski, Mitglied im Betriebsrat und in der ver.di-Tarifkommission. "Viele von uns haben jedes Jahr Angst vor dem Auslaufen ihrer Arbeitsverträge." Land und Bund seien verantwortlich, eine verlässliche Finanzierung für die bundesweit anerkannte Institution zu schaffen.
ver.di verhandelt
Über den angestrebten Branchentarifvertrag verhandelt seit vergangenem Jahr ver.di mit der Zweckgemeinschaft des Bundesverbands der Träger beruflicher Bildung (BBB). "Unser Ziel ist ein Tarifvertrag für alle Berufsgruppen der Weiterbildung und für möglichst viele Träger", sagt André Pollmann. Erreicht werden soll die Angleichung der Arbeits- und Entgeltbedingungen an das Tarifniveau des öffentlichen Dienstes. Dazu sollen die Anerkennung der Berufserfahrung, betriebliche Altersvorsorge, Jahressonderzahlung und Aufstockung des Krankengeldes bei Langzeiterkrankungen zählen.
Auch die in der Gute-Arbeit-Befragung genannten Missstände beim Umgang mit Zeiten für die Vor- und Nachbereitung von Bildungsveranstaltungen, die Teilnahme und Finanzierung von Fortbildungen für die Weiterbildungsbeschäftigten sowie verbindliche Personalschlüssel sollen über tarifvertragliche Regelungen abgestellt werden. Annäherung gebe es in einigen Punkten, stellt André Pollmann fest. "Doch wir werden über die Entgelthöhe und Befristungsregelungen noch weiter hart verhandeln müssen."
Befragungsergebnisse ver.di Innovation Gute Arbeit: kurzlinks.de/9u5f
Tarifbewegung Branchentarifvertrag Weiterbildung: kurzlinks.de/oja2