Ausgabe 02/2026
Kräftiges Plus ist machbar

Trotz des Geredes über Krisen und schlechte Stimmung werden im Handel nach wie vor hohe Gewinne verbucht. Die rund 5,2 Millionen Beschäftigten, die das mit ihrer Arbeit ermöglichen, fordern ihren Anteil daran. Im April beginnen die Tarifrunden für den Einzel- und Versandhandel sowie den Groß- und Außenhandel.
"Die Verhandlungen finden in stürmischen Zeiten statt, in denen Arbeitgeber unbezahlte Karenztage und längere Arbeitszeiten fordern, die Politik soziale Verschärfungen ankündigt und die Kanzlerpartei Teilzeit-Beschäftigte mit dem Label ,Lifestyle-Teilzeit' der Faulenzerei bezichtigt", sagte Silke Zimmer, zuständiges ver.di-Bundesvorstandsmitglied für den Handel, zum Auftakt der Entgeltrunden, die in beiden Fachgruppen regional geführt werden.
In Kassel waren Ende Februar Kolle- g*innen aus den Landesbezirken zusammengekommen, um den Rahmen für die Forderungen abzustecken. Der Handel steht ökonomisch gut da. So konnte der Einzelhandel 2024 Gewinne in Höhe von 29,7 Milliarden, der Groß- und Außenhandel von 44,7 Milliarden Euro verbuchen. Jede*r Beschäftigte steuert einen erheblichen Beitrag zu diesem Gewinn bei – im Groß- und Außenhandel sind das 2.880 Euro, im Einzelhandel 612 Euro monatlich,zusätzlich zum ebenfalls von ihnen erwirtschafteten Gehalt.
Was bleibt am Ende?
Aus mehreren Gründen brauchen die Handelsbeschäftigten in diesem Jahr eine gute Tariferhöhung, betont Jürgen Schulz, Vorsitzender des ver.di-Bundesfachbereichs Handel und Betriebsratsvorsitzender bei Saturn in Bielefeld. Die Lebenshaltungskosten seien überdurchschnittlich gestiegen, und im Handel "liegt die reale Kaufkraft trotz der guten Tarifabschlüsse unter dem Niveau von 2020". Die Entgeltabstände zum Mindestlohn müssten weiter angemessen sein. Nicht zuletzt sei "eine kräftige Erhöhung auch wegen der Alterssicherung wichtig, denn mit den heutigen Verdiensten im Handel ist eine auskömmliche Rente nicht zu erreichen. Ein Fünftel der Beschäftigten im Großhandel erreichen keine Bruttorente nach 45 Beschäftigungsjahren von 1.400 Euro im Einzelhandel betrifft es sogar 70 Prozent."
Inzwischen haben die ersten Landesbezirke für beide Fachgruppen ihre Forderungen beschlossen: Sie variieren zwischen 222 und 250 Euro monatlicher Erhöhung und setzen alle auf eine Laufzeit von zwölf Monaten sowie eine Anhebung der Ausbildungsvergütung um pauschal 150 Euro monatlich.
Der Austausch der Tarifkoordinator*innen habe gezeigt, dass die Beschäftigten kampfbereit seien, so Silke Zimmer. "Zentral für alle ist der Anschluss an die Löhne in anderen Branchen." Die Arbeitgeber seien in der Verantwortung, weil sie seit Jahren die Tarifbindung im Handel aufkündigten und damit für einen immer größeren Abstand zu den Durchschnittseinkommen der Gesamtwirtschaft gesorgt hätten.
Marion Adorf, Betriebsrätin bei Alliance Healthcare, betont dass fast nichts vom Lohn übrigbleibe, nachdem die Ausgaben für Wohnen und Essen beglichen sind. Ein Großteil von Beschäftigten sei akut von Altersarmut bedroht.
Anja Olube, Betriebsratsvorsitzende bei Marktkauf in Münster Loddenheide, weist darauf hin, dass ein guter Lohn "längst keine Selbstverständlichkeit mehr ist, gerade seit es immer weniger Tarifbindung im Handel gibt". Deshalb müssten die Handelsbeschäftigten gut organisiert auf die Straße gehen und ihre Forderungen deutlich äußern.
Zu den weiteren Ärgernissen in der Branche gehört die hohe Teilzeitquote von über 65 Prozent im Einzelhandel, "was ebenfalls zu niedrigen Löhnen und leider auch zu niedrigen Renten führt", betont Silke Zimmer. ver.di möchte mehr Vollzeit-Arbeitsplätze, was angesichts der Expansion im Handel auch machbar wäre.