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1. Mai 2026: die Personengruppe queer von ver.di mit eigenem BannerFoto: Cordula Kropke

ver.di publik – Gab es für dich einen Schlüsselmoment, in dem dir klar wurde, dass Tarifpolitik nicht alle Lebensrealitäten abbildet?

Claudia Schulz – Ja, das war noch vor der Einführung der "Ehe für alle". Damals waren lesbische und schwule Paare in vielen Tarifverträgen nicht mit Ehepaaren gleichgestellt. Das hatte ganz konkrete Folgen: etwa bei Freistellungen im Krankheits- oder Todesfall. Wenn meine Partnerin gestorben wäre, hätte ich keinen Anspruch auf bezahlte Freistellung gehabt – ich hätte Urlaub nehmen müssen. Solche Regelungen haben gezeigt, dass Tarifpolitik eben nicht neutral ist, sondern bestimmte Lebensweisen bevorzugt.

Heute gibt es die "Ehe für alle". Ist das Problem damit gelöst?

Nicht wirklich. Viele queere Lebensweisen passen gar nicht in das Modell der Ehe. In der Community sprechen wir oft von "Zugehörigkeit" oder Wahlverwandtschaften – enge Beziehungen, in denen Menschen füreinander sorgen, ohne verwandt oder verheiratet zu sein. Diese Beziehungen werden tariflich bisher kaum berücksichtigt. Als Personengruppe queer in ver.di verfolgen wir das Ziel, dass man eine solche Zugehörigkeit offiziell zum Beispiel beim Arbeitgeber hinterlegen kann – und dann im Ernstfall Anspruch auf Freistellung oder Pflegezeit hat.

Daran hätte ich als heterosexuelle Unverheiratete auch Interesse um ehrlich zu sei n

Ja, davon würden auch viele heterosexuelle Menschen profitieren, die nicht in klassischen Familienstrukturen leben. Es geht darum, soziale Realität anzuerkennen – unabhängig von sexueller Orientierung.

Wenn man Tarifverträge "gegen den Strich liest" – wo liegen die größten Ausschlüsse?

Das fängt schon bei der Sprache an. Das nur die männliche Schreibweise benutzt wird, ist immer noch die Regel. Als Bundesarbeitskreis Queer, fordern wir dazu auf, Tarifverträge geschlechterneutral oder geschlechtersensibel zu formulieren, damit sich auch alle angesprochen fühlen können. Großen Handlungsbedarf gibt es auch beim Thema geschlechtliche Transition. Es gibt kaum Regelungen, die Beschäftigte in solchen Prozessen unterstützen – etwa bei der Änderung von Namen und Geschlechtseintrag im Arbeitskontext. Das kann ganz praktische Probleme verursachen, zum Beispiel bei E-Mail-Adressen oder internen Systemen. Wir finden es wichtig, dass Regelungen dafür in Tarifverträgen verankert werden.

Spielen solche Forderungen in Tarifverhandlungen bereits eine Rolle?

Teilweise. Es gibt zum Beispiel einen ver.di-Beschluss zum Thema Zugehörigkeit, der schon auf einem Bundeskongress gefasst wurde. Allerdings ist er meines Wissens bisher nicht in die tarifpolitischen Richtlinien als verbindliche Richtschnur übernommen worden. Da können wir als Organisation noch besser werden. Ob queere Perspektiven bei Tarifverhandlungen eine Rolle spielen, steht und fällt immer auch mit den handelnden Personen, deshalb sagen wir auch immer wieder: Es ist super wichtig, dass sich mehr queere Menschen in Tarifkommissionen engagieren. Und auch Frauen.

Wenn du zehn Jahre in die Zukunft blickst: Wo wirst du später vielleicht sagen "Da hätten wir konsequenter sein müssen"?

Im Moment sind wir viel damit beschäftigt, Rückschritte zu verhindern. Queere Themen geraten politisch wieder stärker unter Druck. Wir sehen ver.di in Zeiten des Rechtsrucks und Backlash auch als Schutzraum, der uns Sicherheit und Rückendeckung bietet. Ich hoffe aber, dass wir nicht nur mit Abwehr beschäftigt sein werden, sondern auch weiter für Fortschritt sorgen können.

Was macht dir konkret Hoffnung?

Vernetzung. Das ist mir sehr wichtig. Wir arbeiten mit vielen queeren Gruppen in der Stadt zusammen. Und mit Blick auf die Arbeitswelt sind Projekte wie "Welcoming Out", bei denen Arbeitgeber aktiv ein queerfreundliches Klima fördern, natürlich Leuchttürme.

Warum ist dir die Verbindung von queeren und gewerkschaftlichen Kämpfen wichtig?

Weil das zusammengehört. Freiheit, Gleichstellung und Solidarität – dafür kämpfen wir doch alle. Das zeigt auch die Geschichte – ich denke da zum Beispiel an die queeren Aktivist*innen in den 1980er-Jahren, die in Großbritannien streikende Bergarbeiter unterstützt haben. Diese Allianzen sind bis heute inspirierend, und der Film Pride, den wir anlässlich des Pride Month gezeigt haben, arbeitet das wunderschön auf.

Was muss sich in der Arbeitswelt noch ändern?

Viele queere Menschen trauen sich immer noch nicht, es am Arbeitsplatz offen zu leben. Diese ständige Unsichtbarkeit kann belastend sein. Es sollte selbstverständlich sein, dass auch queere Menschen erzählen können, was sie am Wochenende gemacht haben – so wie alle anderen auch.

Ein Wunsch an deine Gewerkschaf t

Wir sollten sichtbarer werden – zum Beispiel indem der Christopher-Street-Day einen festen Platz im gewerkschaftlichen Kalender bekommt. Denn klar ist: Der Kampf für queere Rechte und der Kampf für gute Arbeitsbedingungen gehören zusammen. Interview: Carina Book

Claudia Schulz