Ausgabe 03/2026
Klassenkampf bis zum Ende

Vier tiefe Glockenschläge hallen durch das Rund. Im Konfettiregen laufen die Spieler beider Teams zur Stadionhymne "Hells Bells" ein. Die Zuschauerränge sind bis auf den letzten Platz gefüllt, das Stadion bebt unter den Anfeuerungsrufen und Fangesängen. "Klassenkampf – bis zum Ende" prangt in riesigen Lettern auf einer braun-weißen Choreo, einem gigantischen Banner, das die Ultras über die gesamte Südkurve gespannt haben. Samstagnachmittag am Millerntor: Anpfiff zum letzten, entscheidenden Match der Saison.
Während alle Blicke auf die Spieler beider Mannschaften gerichtet sind, arbeiten hinter den Kulissen hunderte Beschäftigte des FC St. Pauli für den reibungslosen Ablauf des Spektakels: Das Team aus der Verwaltung hat die Rechnungen überwiesen, die Stadiontechnik Bild- und Tonübertragung geprüft und die Greenkeeper den Rasen auf die perfekte Höhe getrimmt. Wie bei jedem anderen Bundesligaspiel – doch mit einem Unterschied: Seit dem 1. Mai können diese Beschäftigten unter einem Haustarifvertrag arbeiten, den der Kiezclub mit ver.di vereinbart hat. Das ist einmalig in der Geschichte der Bundesliga, sagt die ver.di-Landesvorsitzende Sandra Goldschmidt, und "ein wichtiges Signal für gute Arbeitsbedingungen, soziale Sicherheit und faire Löhne in der deutschen Fußballlandschaft."
Vereinsmitglieder gaben den Anstoß
Ungewöhnlich war auch der Auslöser für die Tarifverhandlungen: Die Mitglieder des FC St. Pauli hatten auf einer Mitgliederversammlung im Dezember 2021 das Vereinspräsidium per Beschluss aufgefordert, Tarifverhandlungen für alle Beschäftigten aufzunehmen.
Der Club zählt mit rund 55.000 Mitgliedern zu den 20 größten Sportvereinen im Land. Doch er ist anders: Politisch im linken Spektrum verortet, setzt er sich gegen Sexismus und Rassismus ein und ist verankert in einer Fankultur, die auf Inklusion und Solidarität baut. Diese Werte sollten, so argumentierte der Antragsteller bei der Mitgliederversammlung, auch innerhalb des Unternehmens mit seinen rund 500 Beschäftigten gelebt werden – in Form gerechter Gehälter, einheitlicher Arbeitsbedingungen und Regelungen für alle Beschäftigten.
Für einen "Konzern" aus der Eventbranche mit drei Tochtergesellschaften, unterschiedlichsten Tätigkeiten und Berufsgruppen und einer Bandbreite an Arbeitsverhältnissen war das eine Mammutaufgabe, erzählt ver.di-Verhandlungsführer André Kretschmar. So brauchten Vereinsführung, Personalabteilung und Tarifkommission dann auch knapp drei Jahre, um das Vertragswerk auszuarbeiten. Dabei habe man "tarifvertragliches Neuland betreten".
Mehr noch: Bei den Arbeitsbedingungen setzt die Vereinbarung neue Maßstäbe. Sie erlaubt Freistellung bei Menstruationsbeschwerden, für Care-Arbeit sowie Sterbegeld. "Die Kolleginnen bestimmen dabei selbst, wer ihre Angehörigen sind", sagt André Kretschmar. All dies durchzusetzen war nicht immer einfach. "Wir haben uns als Tarifkommission auch mal mit dem Arbeitgeber gestritten – aber der Umgang war immer wertschätzend und konstruktiv." So zeigt sich auch die Vereinsführung mit dem Ergebnis zufrieden. "Wir freuen uns, dass wir für unsere Mitarbeitenden einen tariflichen Rahmen schaffen konnten", sagt Vizepräsidentin Hanna Obersteller.
"Dieser Tarifvertrag ist für uns ein wichtiger Schritt, den wir gemeinsam erkämpft haben", bestätigt Kerstin Kock, die mit am Verhandlungstisch saß. "Dass der FC St. Pauli ein mitgliedergeführter Verein ist, hat diesen Prozess entscheidend ermöglicht." Sie ist schon lange Anhängerin des Vereins und jobbt seit 14 Jahren am Millerntor. Auch heute verkauft sie im Fanshop alles, was das Fan-Herz höherschlagen lässt – von Hoodie über Hundenapf bis Toaster, die der berühmte Totenkopf schmückt.
In den Fanshops am Stadion und auf der Reeperbahn arbeiten Einzelhandelskaufleute, aber auch angelernte Minijobber wie Kerstin Kock – viele aus Liebe zum FC St. Pauli. Für ihren Verein, den Zusammenhalt und die gemeinsame Sache akzeptierten sie die extremen Arbeitszeiten bis in die späten Abendstunden und an Wochenenden – und waren immer "hoch einsatzbereit".
Zuschläge an Spieltagen
Doch sie erlebte bei den Beschäftigten auch "große Unzufriedenheit, Frustration und das Gefühl mangelnder Wertschätzung, weil die harten Fakten wie Vergütung und bestimmte Arbeitsbedingungen nicht passen." Das soll sich mit dem Tarifvertrag nun ändern. Denn erstmals werden nun auch Zuschläge an Spieltagen und auch an allen anderen Samstagen, Sonn- und Feiertagen gezahlt.
Für Carina Weh, von allen hier Za genannt, ist der Spieltag heilig. Seit 18 Jahren feuert die Bekleidungsingenieurin ihr Team von ihrem Stehplatz auf der Südtribüne an. Als sich der FC St. Pauli vor sechs Jahren auf den Weg machte, sein Merch-Sortiment nachhaltig umzustellen, ist sie als Produktmanagerin in der Merchandising-Gesellschaft eingestiegen. Das passte perfekt: "Ich wollte nie für irgendwelche gesichtslosen Gesellschaften arbeiten. Hier bereichern sich weder Aktionäre noch Einzelpersonen an den Geldern, die wir erwirtschaften", sagt Za.
Auch sie ist stolz auf das Tarifwerk, das sie mitverhandelt hat – auch wenn zwei wichtige Aspekte fehlen. "Als Fan wünsche ich mir, dass mein Verein ein moderner Arbeitgeber ist – und dazu gehört eine moderne Arbeitszeitregelung." Doch eine Abkehr von der 40-Stunden Woche war mit der Arbeitgeberseite nicht zu machen. "Wenn sich alle an den Tarifvertrag gewöhnt haben und die Vorteile deutlich geworden sind, werden wir an dem Punkt weiterverhandeln", ist sie optimistisch.
Baustelle Nachwuchsleistungszentrum
Das Nachwuchsleistungszentrum des FC St. Pauli ist für Hendrik Lüttmer nicht erst seit den Tarifverhandlungen eine große Baustelle. Der Betriebsratsvorsitzende kritisiert, dass die dort angestellten Zeugwarte, Verwaltungskräfte und pädagogischen Fachkräfte vom Tarifvertrag ausgeschlossen sind. Seit vielen Jahren sind die Arbeitsbedingungen insbesondere der Trainerinnen und Trainer für die älteste Interessenvertretung im deutschen Fußball ein großes Thema – wie in der gesamten Branche.
"Für beide Seiten wäre es nur von Vorteil, wenn wir sie alle unter den Schutz des Tarifvertrags bekommen hätten", sagt der freigestellte Betriebsrat und fügt hinzu: "Im Fußball steckt so viel Geld." Er habe wenig Verständnis dafür, "dass bei den Gehältern mehrerer hundert Beschäftigter um 50.000 Euro gerungen wird, die gleiche Summe jedoch bei einer Neuverpflichtung im Profibereich scheinbar keine große Rolle spielt."
"Der sportliche Erfolg darf nicht auf Kosten der Kolleginnen und Kollegen abseits des Spielfeldes gehen!", bringt es Kerstin Kock aus dem Fanshop auf den Punkt. "Wir treten für die gemeinsame Sache an: Die einen leisten ihren Beitrag auf dem Platz und die anderen halten den Alltagsbetrieb am Laufen."
Das Spiel am Millerntor endet mit einer Niederlage für den FC St. Pauli – der Abstieg aus der ersten Bundesliga ist damit besiegelt. Der Tarifvertrag stellt sicher, dass Bezahlung, soziale Leistungen und Arbeitsbedingungen für die Beschäftigten nicht zweitklassig werden.