Ausgabe 03/2026
You'll never walk alone

Hamburg ohne Fußball-Bundesliga? Kaum vorstellbar. Woche für Woche sind die Stadien der zwei Bundesligisten FC St. Pauli und HSV bis auf den letzten Platz ausverkauft. Auch außerhalb Hamburgs drücken weitere zigtausend Fans ihren Teams die Daumen. Diese Spektakel sind nur möglich, weil hinter den Kulissen hunderte Beschäftigte im Servicebereich, in Stadiontechnik, Verwaltung und Marketing den Laden am Laufen halten. Beim FC St. Pauli sorgen – nicht nur an Spieltagen – knapp 500 Beschäftigte für getrimmten Rasen, saubere Kurven, für bezahlte Rechnungen und braun-weiße Fanartikel.
Sie alle haben jetzt ein Stück besonderer Wertschätzung erfahren: Als erster Bundesligaverein überhaupt hat der FC St. Pauli mit ver.di für große Teile der Organisation einen Haustarifvertrag vereinbart, der klare Standards bei Bezahlung und sozialen Regelungen setzt. Nur Profibereich und Nachwuchsleistungszentrum sowie der eSport sind von der Vereinbarung ausgenommen.
Die Forderung nach einem Tarifvertrag kam direkt von den Vereinsmitgliedern – als Beschluss auf ihrer Mitgliederversammlung 2021. Anderthalb Jahre später haben die in ver.di organisierten Beschäftigten beim Kiezclub ihre Tarifkommission gewählt. Weitere drei Jahre brauchten Vereinsführung, Personalabteilung und Tarifkommission, um dieses einzigartige und völlig neue Vertragswerk aufzusetzen.
Mit Ausdauer, deutlichen Forderungen und dem Support durch die St. Pauli-Mitglieder ist es gelungen, ein faires und transparentes Entgeltsystem zu schaffen, in dem sich alle wiederfinden – ganz im Sinne des Club-Schlachtrufs "You'll never walk alone". Mehr noch: Bei den Arbeitsbedingungen setzt der Vertrag neue Maßstäbe. Er erlaubt Freistellung bei Menstruationsbeschwerden, für Care-Arbeit und die Pflege von Angehörigen. Dabei bestimmen die Beschäftigten selbst, wer für sie Angehörige sind, nicht die gesetzlichen Regelungen. Auch Zuschläge sollen künftig gezahlt werden, und zwar nicht nur für die Arbeit an Sonn- und Feiertagen, sondern auch an Samstagen. Der Tarifvertrag läuft bis zum 30. Juni 2028 und die neuen Grundgehälter werden rückwirkend ab dem 1. Juli 2025 ausgezahlt.
"Dieser Tarifvertrag ist für uns ein wichtiger Schritt, den wir gemeinsam erkämpft haben. Auch wenn nicht alle Bereiche einbezogen sind und wir Kompromisse eingehen mussten, zeigt das Ergebnis: Wenn sich Beschäftigte organisieren, können wir faire und transparente Arbeitsbedingungen erreichen", freut sich Kerstin Kock, Mitglied der Verhandlungskommission.
ver.di-Verhandlungsführer André Kretschmar wertet den Tarifvertrag als ein "wichtiges Signal für gute Arbeitsbedingungen und verbindliche Standards in der deutschen Fußballlandschaft". Gemeinsam habe man "tarifliches Neuland betreten und gezeigt, dass Tarifverträge auch bei Vereinen im Profifußball möglich sind", betont ver.di-Landesbezirksleiterin Sandra Goldschmidt. Ob andere Vereine dem Beispiel folgen, werde sich zeigen: "Vielleicht klopfen wir als nächstes beim HSV an."
Michaela Ludwig