Ausgabe 03/2026
Zwischen Verletzlichkeit und Aktivismus

Tulpen pflücken, Feldarbeit, Pakete in Umschlagzentren sortieren oder Haushaltsarbeit. Arbeitsmigrantinnen und -migranten übernehmen in den Niederlanden zahlreiche Aufgaben, meist im Hintergrund. Ihre Arbeit ist essenziell, doch oft schlecht bezahlt und unter harten Bedingungen.
Bisher sind vor allem Arbeitsmigrantinnen nur in der Öffentlichkeit aufgetaucht, wenn ihre Geschichten besonders tragisch waren. Doch immer mehr Frauen fangen jetzt an, selbstbewusst in der Öffentlichkeit ihre eigenen Stimmen zu erheben.
Wie viele Menschen aus dem Ausland in den Niederlanden arbeiten, ist nicht klar. Im November 2025 veröffentlichte das Marktforschungsinstitut Intelligence Group einen Bericht, demnach nicht wie ursprünglich gedacht 220.000 bis 700.000 ausländische Arbeitnehmende in den Niederlanden ansässig sind, sondern 1,7 Millionen, darunter sowohl Personen aus anderen EU-Ländern, die legal in den Niederlanden arbeiten dürfen, als auch 100.000 illegale Drittstaatsangehörige.
Viele von ihnen kommen über die in den Niederlanden verbreiteten uitzendbureaus, also Vermittlungsagenturen für befristete Jobs, ins Land und stehen dort in einem strengen Abhängigkeitsverhältnis. Oft ist die Unterkunft an das Arbeitsverhältnis gekoppelt: wer entlassen wird, verliert auch seine Bleibe. Teilweise wohnen mehrere Personen in überfüllten Häusern, teilen sich Badezimmer und sogar Matratzen, während die oftmals extrem hohe Miete direkt vom Lohn abgezogen wird.
Risikobereich private Haushalte
Haushaltsarbeit ist speziell für Arbeitsmigrantinnen ein Problem, wenn es um die eigene Sicherheit und den Schutz vor Übergriffen geht. Doch das ist nicht die einzige Situation, in denen Arbeitsmigrantinnen besonders verletzlich sind, weiß Petra Snelders.
Sie ist Expertin für Menschenrechte, Migration und Frauenrechte, unter anderem beim niederländischen Frauenkonventionsnetzwerk Netwerk VN-Vrouwenverdrag und bei Respect Network Europe, einem Netzwerk für Arbeitsmigrantinnen und -Migranten mit Anstellungen in privaten Haushalten. Der besondere Fokus ihrer Arbeit liegt auf den Zusammenhängen von Migrationsstatus und Gender. Also beispielsweise Arbeitsmigrantinnen, die sich illegal im Land aufhalten, aber auch Frauen, deren Aufenthaltstitel von einem Partner abhängig ist.
Arbeitsmigrantinnen, ob legal oder illegal, so Snelders, sind besonders in Berufsfeldern zu finden, die von der Gesellschaft als typisch weiblich eingestuft werden. Kinderbetreuung, Pflege alter oder kranker Menschen oder Haushaltsführung. Also auch jene Bereiche, die prinzipiell sehr schlecht bezahlt werden. Ist die Unterkunft der Angestellten direkt an den Haushalt, also ihren Einsatzort, angeschlossen, besteht ein erhöhtes Risiko von Missbrauch und (sexualisierter) Gewalt, so die Expertin.
Der Ausschuss für die Beseitigung der Diskriminierung der Frau (CEDAW) beschrieb schon 2009 in einem Report die besondere Verletzlichkeit von Arbeitsmigrantinnen, die in Haushalten arbeiten.
In den Niederlanden, so Einschätzungen vom nationalen Menschenrechtsinstitut college voor de rechten van de mens, werde die Anzahl derartiger Haushaltshilfen aufgrund der Vergreisung der Gesellschaft in den kommenden Jahren weiter zunehmen.
Haushaltsarbeit fällt in den Niederlanden unter eine Ausnahmeregelung der Regierung, wodurch das allgemeine Arbeitsrecht nicht gilt. Die "Regelung für häusliche Dienstleistungen" bietet die Möglichkeit, individuelle Vereinbarungen zwischen einer Privatperson und einer Haushaltskraft zu treffen. Etwa bezüglich Lohn, Urlaubstage und Krankengeld. Hausangestellte genießen keinen Kündigungsschutz, können keine Zusatzrente aufbauen und sich auch nicht gegen Langzeiterkrankung oder Arbeitsunfähigkeit versichern. Dadurch geht ein Teil ihres Anspruchs auf soziale Sicherheit verloren, so die Einschätzung des Instituts. Ferner leben Haushaltshilfen oft in sozialer und kultureller Isolation, arbeiten allein und haben nur wenig bis gar keine Kenntnisse der niederländischen Sprache.
Kommt es in so einem Umfeld zu Übergriffen, werden diese selten zur Anzeige gebracht, so Petra Snelders. Wer illegal im Land ist, fürchtet bei Kontakt mit der Polizei eine Ausweisung, obwohl das in den Niederlanden zumindest in der Theorie nicht zulässig ist. Aber auch Frauen, die legal im Land sind, erstatten selten Anzeige, aus Angst vor Einkommensverlust. Vielen fehle auch das Netzwerk und das Wissen, dass eine derartige Option überhaupt gegeben ist.
Sichtbarkeit aktivistischer Arbeitsmigrantinnen
Trotzdem möchte Petra Snelders Arbeitsmigrantinnen in den Niederlanden nicht als kollektive Opfer verstanden wissen. Eine durchaus begründete Sorge, mit Blick auf die Berichterstattung. So veröffentlichte die niederländische Tageszeitung NRC Mitte März 2026 die Geschichte einer anonymen polnischen Arbeitsmigrantin, die eine Schwangerschaft zu spät bemerkte und sich der Umstände wegen gezwungen sah, ihr Kind in den Niederlanden zur Adoption freizugeben.
"Wir müssen aufpassen, die Frauen nicht allesamt als Opfer zu sehen, die das schlimmste Elend erleiden. Sicher gibt es sehr viel Verletzlichkeit und sehr viel Ungerechtigkeit, und eine konkrete Verbesserung ihrer Rechte ist unbestreitbar notwendig, aber es ist auch nicht so, dass einzelne Geschichten für die ganze Gruppe gelten", sagt Petra Snelders. Es gehe hier nicht um eine große Gruppe von Frauen, die alle gerettet werden müssen. Viele Frauen hätten auch eigene Netzwerke aufgebaut und unterstützten sich gegenseitig.
Ein Beispiel ist etwa die Migrant Domestic Workers Union, eine spezielle Untergruppe, die der niederländischen Gewerkschaft FNV angeschlossen ist. Trotz wiederholter Anfragen stand dort leider niemand für ein Gespräch zur Verfügung.
"Es gibt auch Gruppen in verschiedenen Sektoren und Sprachen, zum Beispiel Polnisch, die durch die Initiativen ehemaliger Arbeitsmigranten entstanden sind und nun im Kampf zur Verbesserung der Rechte von Arbeitsmigranten aktiv sind und sich gegenseitig auf Polnisch unterstützen", so Snelders.
Ein Beispiel gibt ein Auftritt beim Amsterdam Dance Event 2025, der inzwischen auf YouTube zu sehen ist. Vier Frauen stehen auf der Bühne, zwei von ihnen tragen Sonnenbrillen und Tücher vor dem Gesicht, um ihre Identität zu verbergen. Eine von ihnen stellt sich vor. Malu Villanueva von der bereits genannten FNV Migrant Domestic Workers Union. Selbstbewusst ruft sie der Menge durchs Mikrofon zu: "Wir kommen von den Philippinen, aus Indonesien und aus Brasilien und wir sind hier in eurem Land als Haushaltshilfen. Wir putzen euer Zuhause, kochen euer Essen, versorgen eure Kinder und halten euren Alltag am Laufen."
Dann kommt sie auf die sogenannten Asylnotstandsgesetze zu sprechen, die seinerzeit durch die zurückliegende (extrem-) rechte Regierung im Raum standen und die illegale Aufenthalte in den Niederlanden strafbar machen sollten. FNV spricht von Kriminalisierungsgesetzen. "Wir bekommen keine Arbeitserlaubnis. Unsere Arbeit in euren Haushalten wird von der niederländischen Regierung nicht als Arbeit anerkannt", fährt Villanueva fort. "Wir sollen weiter unsichtbar bleiben, still sein und unsere Arbeit machen, damit wir weiter ignoriert werden können. Aber wir sind weder Bettler, noch Kriminelle. Wir sind Arbeiter, also erkennt unsere Arbeit endlich an."
Es ist eine klare Botschaft von Empowerment von Arbeitsmigrantinnen in Haushaltsanstellungen, die von einem neuen Selbstbewusstsein und einem starken Selbstverständnis zeugt. Eine Stimme, die zeigt: Wir kennen unseren Wert und wir fordern ihn ein.
"Wir sollen weiter unsichtbar bleiben, still sein und unsere Arbeit machen, damit wir weiter ignoriert werden können. Aber wir sind weder Bettler, noch Kriminelle. Wir sind Arbeiter, also erkennt unsere Arbeit endlich an."
Malu Villanueva, Migrant Domestic Workers Union