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Sportskollege – der humanoide Roboter "Flash" rennt am 19. April 2026 den Pekinger E-Town-Halbmarathon mitFoto: Xinhua/ABACAPRESS/ddp images/Luo Yuan

Künstliche Intelligenz gilt längst als Schlüsseltechnologie. So wie vor zehn Jahren alle Welt über Industrie 4.0 und dem Internet der Dinge sprach, ist es heute mit KI. Die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands hänge davon ab, wir dürfen technologisch nicht den Anschluss verlieren, lautet die Erzählung damals wie heute. Erneut sind die Prognosen extrem hochgeschraubt: Die Bundesregierung erwartet, dass in vier Jahren etwa zehn Prozent des Bruttoinlandsprodukts auf Basis von KI erwirtschaftet werden.

Als Carl Benz das Auto erfand, dachte auch niemand daran, dass bald Menschen in Straßenmeistereien, Kfz-Zulassungsstellen oder als Ingenieure für Luftreinhaltung arbeiten würden.

Was Ängste schürt

Das Thema ist aufgeladen mit Erwartungen, Befürchtungen und zum Teil wilden Prognosen. Der Milliardär und Open AI-Investor Vinod Khosla behauptet, KI werde in Kürze 80 Prozent aller Jobs erledigen. "Es wird viel Angst verbreitet", sagt Doreen Lindner von ver.di Bildung + Beratung und ihre Kollegin Hanife Feldhaus ergänzt: "Betriebe hoffen, Personalkosten zu sparen und unterschätzen, dass komplexe KI teuer ist. Dass uns die KI die ganze Arbeit wegnimmt, ist völliger Unsinn."

Tatsächlich ist die Technik bereits in vielen Berufsfeldern angekommen. Wo früher Menschen stundenlang an einem komplexen Dienstplan getüftelt haben, spuckt der Computer das Dokument nun mühelos in wenigen Momenten aus. Sprachassistenten verfassen Sitzungsprotokolle, durchsuchen Texte, beantworten Fragen, chatten und imitieren Stimmen.

In der medizinischen Diagnostik gleicht KI schon seit längerem Röntgenaufnahmen von Patient*innen mit tausenden Bildern in Datenbanken ab und kann dadurch oft sehr früh gefährliche Veränderungen identifizieren. Nobelpreisträger Geoffrey Hinton behauptete vor zehn Jahren, die Ausbildung von Radiolog*innen könne nun eingestellt werden, schließlich mache KI diese Ärztegruppe überflüssig. Zwar hat sich deren Arbeit von der Analyse der Bilder zur Kontrolle der KI-Ergebnisse verschoben – doch Erfahrung und Kommunikation mit den Patient*innen sind weiterhin unabdingbar.

Amazon, aber auch die Versicherungen Ergo und Allianz haben ihren geplanten Personalabbau mit KI begründet. An den Börsen steigert es die Renditeerwartung, wenn eine Firma auf die neue Technik verweist. So spricht auch die Lufthansa vage von "tiefgreifenden Umwälzungen" durch KI, im September 2025 kündigte der Konzern bereits die Streichung von 4.000 Stellen in der Verwaltung an. Real hat das aber wohl vor allem mit dem Abbau von Doppelstrukturen im komplexen Firmenuniversum der Fluggesellschaft zu tun.

Aber auch die Schwierigkeiten vieler Hochschulabsolvent*innen in den Bereichen IT, Finanzen und Recht, eine erste Stelle zu finden, wird häufig auf den Einsatz von KI geschoben: Früher bekamen die Jungen erst einmal die Routine- und Fleißaufgaben, jetzt kann das der Computer erledigen. Doch so einfach ist es auch hier wohl nicht. Einen erheblichen Anteil an dem Phänomen hat sicher auch die schwache Konjunktur.

Tatsächlich übernimmt KI zwar zunehmend Tätigkeiten, schafft aber zugleich auch neue Arbeitsfelder. Schon heute entstehen neue Berufe wie Datenwissenschaftler*in, Konversations-Designer*in oder KI-Ethiker*in. Und vieles ist noch nicht absehbar. Als Carl Benz das Auto erfand, dachte auch niemand daran, dass bald Menschen in Straßenmeistereien, Kfz-Zulassungsstellen oder als Ingenieure für Luftreinhaltung arbeiten würden.

Auch in den Betrieben selbst gibt es neue Bedarfe. Hatte der IT-Konzern IBM vor drei Jahren einen massiven Personalabbau durch KI angekündigt, beschäftigt er inzwischen mehr Menschen als damals. Beim Finanzabwickler Klarna gab es vor zwei Jahren eine Massenentlassung, doch inzwischen rudert das Management wieder zurück und sucht dringend Leute, weil sich die Kundschaft über das KI-Personal beschwert.

Was unumstritten ist

Dass KI die Arbeitswelt verändert, ist unumstritten. Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) geht davon aus, dass etwa 800.000 Arbeitsplätze durch KI wegfallen werden, zugleich aber 800.000 neue entstehen. Betrafen frühere Automatisierungswellen vor allem körperliche Tätigkeiten, so sind es jetzt vor allem Büroarbeiten wie Sekretariat, Planung, Programmierung, Kundenservice und Controlling. Die Internationale Arbeitsorganisation ILO geht davon aus, dass typische Frauenberufe fast doppelt so stark bedroht sind wie die von Männern.

Und auch kreative und wissensintensive Bereiche sind betroffen, die früher als nicht rationalisierbar galten. Im schnelllebigen Freelancing Markt ist die Nachfrage nach Werbetexter*innen, Grafiker*innen und Übersetzer*innen um 20 bis 50 Prozent eingebrochen. Parallel sinken die Honorare massiv.

Noch nie war es so einfach für Laien, Filme, Musik, Texte und Podcasts zu produzieren. Und sie nutzen die neuen Möglichkeiten exzessiv. Auf Spotify gibt es täglich 120.000 neue Songs, ein Drittel davon soll KI-generiert sein. In solcher Massenware drohen Professionalität und Qualität unterzugehen. KI-generierte Instant-Grafiken kann inzwischen jeder herstellen und sie sehen auf den ersten Blick schick und professionell aus. Doch häufig enthalten sie Fehler.

Aus Eigeninteresse verbreiten Hersteller gern die Erzählung, dass ihr KI-Angebot die Produktivität von Unternehmen geradezu explodieren lässt. Schließlich haben sie Milliarden investiert und wollen, dass sich das auszahlt. Doch eine Studie der US-Universität Berkley dämpft die Erwartungen. Weil die KI-Ergebnisse kontrolliert und Fehler ausgebügelt werden müssen, geht ein erheblicher Teil der Zeitersparnis wieder verloren. Außerdem steigt die Arbeitsintensität, weil Routinearbeiten wegfallen. Und wo Menschen Angst haben, von Maschinen ganz ersetzt zu werden, kann es zu "Robomobbing" kommen, wie der Organisationspsychologe Florian Schweden beobachtet hat: Die künstlichen Kollegen werden sabotiert oder ausgetrickst.

KI ist an sich weder gut noch schlecht. "Sie ist ein Werkzeug, das helfen kann", sagt Doreen Lindner von ver.di. Wenn KI Pfleger*innen bei der Dokumentation entlastet, haben sie mehr Zeit für die Patient*innen. Übernimmt die KI die Routinekorrespondenz, kann das angesichts mangelnder Fachkräfte Zeit für Wichtigeres freischaufeln. "Im Servicebereich wollen die Kunden es mit echten Menschen zu tun haben", so Agatha Hohmann, bei ver.di für die Branche zuständig.

Laut Gesetz müssen bei der Einführung neuer Techniken Arbeitnehmervertretungen beteiligt werden. Eine kürzlich veröffentlichte WSI-Betriebsrätebefragung belegt, dass in mitbestimmten Betrieben eine Entlastung durch KI stattfindet und auch ein leichter Stellenaufbau zu beobachten ist. Entscheidend ist vor allem, wer über den Einsatz von KI bestimmt und ob der Mensch im Zentrum steht oder der Profit.

Digitalisierung:

Wer das Sagen hat

Viele Kreative spüren es bereits: Weniger Aufträge, sinkende Honorare. Auf Spotify erscheinen täglich 120.000 neue Songs, ein Drittel davon KI-generiert. Die Veränderungen durch KI sind längst Alltag. Dabei kommt es vor allem darauf an, wer über ihren Einsatz bestimmt. Und da liegt das Problem. Die Konzerne, die KI entwickeln und vermarkten, gehören denselben Männern, die gerade Demokratien destabilisieren und Arbeitnehmerrechte wegderegulieren. Musk, Thiel, Bezos – sie wollen mit KI vor allem eines: Kosten senken, Macht konzentrieren, Mitbestimmung aushebeln. In Betrieben mit starker Arbeitnehmervertretung läuft es anders. Dort entlastet KI — statt zu ersetzen. Das ist kein Zufall. Das ist Gegenmacht. Petra Welzel