09_SAT_kindergarten.jpg
Foto: dpa

Wenn ein Betrieb mit 2.000 Beschäftigten geschlossen würde, wäre der öffentliche Aufschrei groß. In Thüringen drohen in den kommenden Jahren ebenfalls zahlreiche Arbeitsplätze wegzufallen – allerdings in Kindergärten. Der Grund: Die Geburtenzahlen sinken.

Was lange Zeit Mangelware war, scheint plötzlich im Überfluss vorhanden zu sein: Kitaplätze. Viele Träger und Kommunen diskutieren bereits über Gruppenschließungen, den Abbau von Personal oder gar die Schließung ganzer Einrichtungen. Bereits jetzt werden viele Stellen nur noch befristet ausgeschrieben und die Arbeitszeit reduziert.

Neu ist diese Entwicklung nicht. Schon in den 1990er Jahren führten Geburtenrückgang und Abwanderung dazu, dass Kindertageseinrichtungen geschlossen wurden und viele Erzieher*innen ihren Arbeitsplatz verloren. Jetzt besteht die Gefahr, dass sich diese Geschichte wiederholt.

Die Anforderungen an Kitas sind gestiegen

Dabei wäre aus Sicht von ver.di die richtige Schlussfolgerung eine andere. Weniger Kinder bedeuten nicht automatisch weniger Bedarf. Im Gegenteil: Die Anforderungen an Kitas sind in den vergangenen Jahrzehnten deutlich gestiegen. Sprachförderung, Inklusion, Bildungsauftrag, Zusammenarbeit mit Familien und die Begleitung von Kindern in schwierigen Lebenslagen gehören längst zum Alltag.

"In der Sonnengruppe haben 40 Prozent der Kinder einen Migrationshintergrund. Viele befinden sich noch in der Eingewöhnung und sprechen kein Deutsch", beschreibt eine Erzieherin die Situation. Hinzu kämen Kinder mit Entwicklungsverzögerungen, belastenden familiären Situationen und Trennungserfahrungen. All das müssten die Kolleg* innen mit einem Personalschlüssel von 1 zu 12 bewältigen, ein*e Erzieher*in für zwölf Kinder. "Unter diesen Bedingungen kann keine Fachkraft allen Kindern die Aufmerksamkeit geben, die sie benötigen", so das Fazit der Kollegin.

Mit den Anforderungen, die Politik und Gesellschaft zu Recht an Kindergärten stellen, ist klar: Nicht die Aufgaben sind das Problem, sondern die personellen Rahmenbedingungen. Das System arbeitet vielerorts an seiner Belastungsgrenze – und mit ihm die Beschäftigten. Dieser Befund zeigt sich auch in einer Befragung von Beschäftigten in Kindergärten aus 2025. Deshalb braucht es jetzt die richtige Antwort auf den demografischen Wandel. Statt Personal abzubauen muss die sogenannte demografische Rendite genutzt werden: für bessere Bildungschancen der Kinder und bessere Arbeitsbedingungen der Fachkräfte.

Wissenschaftliche Studien weisen seit Jahren darauf hin, dass die Personalausstattung in vielen Kitas nicht ausreicht. Auch ver.di fordert deshalb verbindliche Qualitätsstandards. Unser Ziel ist ein Betreuungsschlüssel von 1 zu 3 bei Kindern unter drei Jahren und von 1 zu 7,5 bei Kindern über drei Jahren. Hinzu kommen ausreichende Flächen, Zeit für Vor- und Nachbereitung, Elternarbeit sowie Weiterbildung.

Für Astrid Striehn, Bezirksgeschäftsführerin in Thüringen, ist deshalb klar: "Die Fehler der 1990er Jahre dürfen sich nicht wiederholen. Statt Stellen abzubauen, müssen die freiwerdenden Kapazitäten genutzt werden, um die Arbeitsbedingungen der Beschäftigten und die Bildungsbedingungen der Kinder zu verbessern. Die demografische Rendite gehört in die Kitas – nicht in die Haushaltskassen."