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Aktiv gegen Altersarmut: Die ver.di-Senior*innen in HamburgFoto: Xver.di hamburg

Die Rente kommt am Monatsende. Die Miete geht ab. Was dann übrig bleibt, muss für Lebensmittel, Strom, Mobilität, Medikamente, Kleidung und Freizeit reichen. Für Menschen mit einer kleinen Rente wird daraus jeden Monat dieselbe Rechnung: Kann ich auch alles bezahlen?

Monika Roloff (77) und Gerd Lütjens (79) sind Rentner*innen und engagieren sich bei den ver.di-Senior*innen. Ihre eigene Situation beschreiben sie im Verhältnis zu vielen anderen Älteren als komfortabel. Dennoch brachte der Eintritt in die Rente auch für sie große Veränderungen.

"Es ist eindeutig ein anderes Leben. Mein Einkommen hat sich mit dem Eintritt in die Rente ungefähr halbiert", erzählt Monika Roloff, die ihr Berufsleben in einer Bank im IT-Bereich verbracht und dort zuletzt als Projektmanagerin gearbeitet hat. Eine Betriebsrente hilft ihr dabei, ihren Lebensstandard weitgehend zu halten. "Bestimmte Lebensmittel kaufe ich mir aber einfach nicht mehr, weil sie zu teuer sind. Ich gehe seltener essen und auch die Reisen sind eingeschränkt. Es findet im Prinzip noch alles statt, was ich vorher gemacht habe – nur eben eine Nummer kleiner. Altersarmut ist für mich persönlich kein Thema, aber ich kenne viele Menschen, bei denen das ganz anders ist", so die 77-Jährige.

Auf eine zusätzliche Absicherung jenseits der normalen Rente können sich längst nicht alle verlassen. "Es gibt Leute, die haben gute Betriebsrenten", sagt Monika. "Aber es gibt andere, die haben null. Gar nichts." Eine auskömmliche gesetzliche Rente könne deshalb nicht durch den Hinweis ersetzt werden, Beschäftigte müssten privat vorsorgen, erklärt ihr Mitstreiter Gerd Lütjens: "Wer heute schon jeden Monat rechnen muss, kann nicht einfach noch einen weiteren Teil des Einkommens für das Alter zurücklegen."

Man sieht einfach mehr arme Menschen

In einer Apotheke habe sie erlebt, wie eine ältere Frau ihre Medikamente bezahlen wollte, erzählt Monika. Sie legte einen 50-Euro-Schein hin – und zog ihn wieder zurück. Das Geld brauche sie noch für Essen und Trinken im restlichen Monat. Dass Altersarmut solche Folgen habe, habe ihr einen Stich versetzt, sagt Monika. Ihr Mitstreiter Gerd Lütjens stimmt ihr zu: "Man sieht in Hamburg einfach mehr arme Menschen und man sieht, dass diese armen Menschen älter sind. Altersarmut wird sichtbarer. Das beginnt beim Flaschensammeln und reicht teilweise bis in die Wohnungslosigkeit."

In der Hansestadt Hamburg sichert die Rente für besonders viele Menschen nicht einmal das Existenzminimum. Sie sind auf staatliche Unterstützungen wie Grundsicherung oder Wohngeld angewiesen. Ende 2025 haben in Hamburg 33.980 ältere Menschen Grundsicherung bezogen. Das sind 21 Prozent mehr als noch 2020, wie das Statistikamt Nord mitteilte. Die Grundsicherung sichert lediglich das Existenzminimum. 70 Prozent erhielten die Hilfe ergänzend zur Altersrente. 55 Prozent der Betroffenen waren Frauen.

Warum ist die Altersarmut in Hamburg besonders hoch? "Zum einen sind die Lebenshaltungskosten in Hamburg sehr hoch. Gerade die Mieten sind besonders stark gestiegen. Für Menschen mit kleinen Renten ist das ein enormes Problem", meint Gerd Lütjens. Wie groß das Problem ist, lassen die Zahlen zum Wohngeldbezug erahnen: In rund 40 Prozent der Hamburger Wohngeldhaushalte leben Rentnerinnen und Rentner. "Und in so einer Situation plant die Bundesregierung, beim Wohngeld zu kürzen. Das wäre eine echte Katastrophe", so Lütjens.

Nicht zu unterschätzen sei auch der Faktor Mobilität, meint ver.di-Seniorin Monika Roloff. Auch deswegen haben sich die ver.di-Senior*innen hartnäckig hinter eine Vergünstigung des Deutschlandtickets für Ältere geklemmt. Bei Gesprächen im Rathaus, Aktionen gemeinsam mit anderen Senior*innen und vorher bei einer Veranstaltung mit Vertreter*innen von Parteien der Hamburger Bürgerschaft machten sie immer wieder Druck – mit Erfolg: "Wir wollten ein 29-Euro-Ticket für Senior*innen und haben ein 49-Euro-Ticket bekommen", sagt Gerd. "Das ist zwar nicht ganz, was wir ursprünglich wollten, aber das Senior*innenticket in Hamburg ist deutlich günstiger als der reguläre Preis des Deutschlandtickets. Für Menschen mit kleiner Rente kann das einen spürbaren Unterschied machen."

Du musst so arbeiten, dass du klebst

Unter den 67.919 Hamburger Männern, die mehr als 40 Jahre in die Rentenkasse einbezahlt haben, liegt jeder Sechste unterhalb der Armutsgefährdungsgrenze. Bei den Hamburger Frauen (53.245) ist es allerdings jede Zweite (26.798). Das zeigt eine Schriftliche Anfrage der Linken im Bundestag. "Frauen fehlen Rentenpunkte und Beitragsjahre – etwa durch Teilzeit oder weil sie bei den Kindern zu Hause geblieben sind", erklärt Monika Roloff. Schon als sie ein kleines Mädchen war, hätten ihre Eltern ihr eines eingetrichtert: "Du musst so arbeiten, dass du klebst." Damals wurden die Beiträge zur Rentenversicherung noch mit Versicherungsmarken dokumentiert, die in ein Büchlein geklebt wurden. Der Satz ist geblieben – und mit ihm die Gewissheit, dass man sich früh um die Rente kümmern muss. Doch inzwischen habe sich einiges geändert, meint Monika: "Selbst, wenn man versucht, alles richtig zu machen, reicht ein durchschnittliches Einkommen am Ende nicht für eine auskömmliche Rente."

Irgendwann muss auch mal gut sein

Es scheint also grundsätzlich etwas schiefzulaufen in puncto Rente. Die geplanten Reformen der Bundesregierung überzeugen die beiden ver.di-Senior*innen aber nicht. Das Renteneintrittsalter zu erhöhen, findet Monika Roloff falsch: "Es gibt vielleicht Menschen, die länger arbeiten können. Aber es gibt auch sehr viele, die einfach nicht mehr können. Irgendwann muss auch mal gut sein."

Ein weiterer Punkt im Maßnahmenpaket der Bundesregierung sieht künftig einen zusätzlichen, paritätisch finanzierten Beitragssatz von zwei Prozent für eine kapitalgedeckte Zusatzrente vor. Als Vorbild wird dabei Schweden genannt. ver.di-Senior Gerd Lütjens hält davon wenig: "In meinen Augen ist das Gezocke am Aktienmarkt." Statt auf das schwedische Modell zu schauen, solle man sich lieber ein Beispiel an den österreichischen Nachbarn nehmen, sagt Lütjens. Dort zahlen die Unternehmen einen größeren Anteil in die Rentenkasse ein als die abhängig Beschäftigten. Das könnte auch ein guter Weg für die deutsche Rentenversicherung sein.

Was Lütjens komplett auf die Palme bringt, ist, wenn es heißt, die Rente sei nicht mehr finanzierbar. "Die Rentenkasse wurde über Jahrzehnte für politische Aufgaben in Anspruch genommen, ohne dass das Geld vollständig zurückgezahlt wurde", so Lütjens. Er meint damit Leistungen, die aus der Rentenversicherung bezahlt wurden, ohne, dass dem Beitragszahlungen gegenüberstehen. Beispiele hierfür sind die fiktive Aufwertung von Verdiensten aus den neuen Bundesländern zur Angleichung des Lohnniveaus oder Rentenpunkte für die Erziehung von Kindern. Zwar gibt es einen Bundeszuschuss in die Rentenkasse für solche Ausgaben, dieser deckt die Ausgaben aber nicht 1 zu 1. "Wenn der Staat solche Aufgaben finanzieren will, soll er dafür Steuern erhöhen, aber die Rentenkasse in Ruhe lassen. Das Geld in der Rentenkasse wird von den Menschen gebraucht, wenn sie ins Alter kommen", findet Lütjens.

Die anstehende Rentenreform betrifft Monika Roloff und Gerd Lütjens nicht mehr. Sie sind längst in Rente. Sie machen sich Sorgen um die Folgen für die Jüngeren, deren Renteneintritt noch Zukunftsmusik ist. "Es gibt einen Bruch beim Wissenstransfer von einer Generation zur nächsten. Deshalb sage ich immer wieder zu jungen Menschen: Ladet mich ein. Wir können unsere Erfahrungen weitergeben und darüber sprechen, was bei der Rente auf dem Spiel steht", sagt Gerd Lütjens. Monika Roloff ergänzt: "Ich kann jungen Menschen nur dazu raten von Anfang an darauf zu achten, dass man eine sozialversicherungspflichtige Arbeit hat. Es ist manchmal verlockend, einen Job anzunehmen, der heute toll ist. Aber man sollte immer abwägen: Ist das ein Job, der auch für meine Rente etwas bringt? Aber der wichtigste Rat, den ich jungen Leuten geben kann, ist: Organisiert euch. Werdet Gewerkschaftsmitglieder und kämpft für eine gute und sichere Rente. Wer Altersarmut verhindern will, muss bei der Arbeit anfangen. Bei den Löhnen. Bei den Arbeitsbedingungen. Und bei einer gesetzlichen Rente, die nach einem langen Arbeitsleben ein Leben in Würde ermöglicht."