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Wolf Biermann auf dem Pariser Friedhof MontmatreFoto: Sebastian Ganschow & Bernd Fischer/Majestic

Bei der Begrüßung in seinem Haus in Hamburg nimmt mich Wolf Biermann am Arm, dreht mich ins Licht und sagt, "so, wen haben wir denn hier?" Wir stehen zwischen den antiken Möbeln, die man von den Plattencovern seiner frühen LPs kennt. Die er wegen Auftrittsverbots in der DDR in seinem Wohnzimmer aufnehmen musste, während im Hintergrund hörbar die Straßenbahn rattert. Für unser Gespräch setzt sich Biermann ans Fenster. Er hat ein bedrucktes DIN-A4-Blatt zur Hand und notiert sich darauf meinen Namen. Meine erste Frage soll dem Dokumentarfilm über ihn gelten, aber Biermann ist längst mit der Zukunft beschäftigt.

Wolf Biermann: Das hier sind zwei neue Gedichte, die es aber nicht mehr in meinen neuen Gedichtband "Mit uralten Kinderaugen" geschafft haben, weil der schon im Druck ist. Eines davon heißt "Mentscher". Das jiddische Wort "a Mentsch" mit t geschrieben, heißt nichts anderes als "ein guter Mensch", es hat diese solitäre Bedeutung. Mensch im Deutschen hingegen kann alles bedeuten. Wenn einer sich wie ein Schwein benimmt, sagt man: Er ist auch nur 'n Mensch! Im Jiddischen geht das nicht. Und das passt zu Ihrem Namen Jenny Mensch/Mansch.

ver.di publik: Bestimmen Ihre Gedichte selbst, ob sie ein Lied werden oder ein Gedicht bleiben möchten?

Ja. Wenn ich ein Gedicht schreibe, weiß ich es selbst nicht. Ist das Gedicht fertig, frage ich es in aller Zurückhaltung: "Möchtest du bitte ein Lied werden?" Es gibt Gedichte, die sind beleidigt, wenn ich sie das frage, und sagen: "Wieso, ich habe in mir selbst schon genug Musik, ich brauche keine Töne von irgendeinem Komponisten." Und es gibt andere, die sagen: "Naja, du kannst es ja mal versuchen…" Wieder andere sagen: "Unbedingt! Das siehst du doch schon daran, dass ich einen Refrain habe!"

In Ihren Werken und auch der Doku sprechen Sie oft vom Streit der Welt. Wie haben Sie sich geschlagen in diesem Streit?

Bis jetzt jedenfalls so, dass alle Leute, auch die, die sich nicht besonders für meine Lieder und Gedichte interessieren, wissen, der Biermann hat sich manchmal geirrt, er sagt manchmal Sachen, die mich irritieren oder ärgern, aber 'n Feigling ist er nicht. Er hat sich im Streit mit der Diktatur in der DDR tapferer verhalten als andere Kollegen, die Gedichte schreiben. Ich will Ihnen sagen, warum. Die Wahrheit ist, dieser Impuls kommt nicht aus mir. Ich bin eher ängstlich, ich möchte auch lieber angenehm leben, weich schlafen und gut essen. Mein Verhalten kommt aus dem Zufall meiner Geburt. Weil ich als Kommunisten-, Juden-, und Arbeiterkind in die Welt gesetzt wurde, als die Nazis ihre schönste Zeit hatten: 1936. Hitler sonnte sich gerade in der Liebe seines Volkes – nebenbei gesagt, wer hat ihn darum am meisten beneidet?

Wer war es?

Dreimal dürfen Sie raten: Stalin. Der wünschte sich so vom Volk geliebt zu werden, wie Hitler von den Deutschen geliebt wurde. Ich komme aus einer Generation, in der ja die meisten Heil-Hitler-Eltern hatten. Als ich in Ost- Berlin lebte, studierte, dann meine Gedichte und Lieder schrieb, als ich verboten war, unterschied ich mich von all diesen jungen Leuten. Denn sie waren – anders als ich – sehr bescheiden. Warum? Sie dachten und fühlten genau wie ich, will sagen, ich fühlte wie sie. Wir unterschieden uns gar nicht so sehr darin. Aber im Streit mit den Bonzen der Partei, mit der Diktatur in der DDR, waren sie viel bescheidener als ich. Weil sie sich für ihre Eltern schämten. Ich nicht, meine Eltern waren im Widerstand gegen die Nazis gewesen. Natürlich wussten die jungen Leute auch ohne Hilfe, dass sie selbst keine Schuld hatten, sie waren ja nicht blöd. Aber sie fühlten sich verantwortlich und das spricht ja nur für sie.

Wie äußerte sich diese Bescheidenheit?

Bevor meine Dichterkollegen überhaupt Kritik anbrachten, haben sie fünf Mal betont, dass sie keine Nazis sind. Dass sie gelernt haben aus den Fehlern Ihrer Eltern. Und das ist übrigens nichts, worüber man sich lustig machen sollte; das muss man respektieren. Aber diese Scham hatte eben den großen Nachteil, dass sie nicht so rabiat und unverblümt in den Konflikt gingen wie der kleine Biermann, der vom Charakter her eher ein ängstlicher Mensch ist, aber von seiner Biographie her, seiner Herkunft her, dazu verurteilt war, den Helden zu spielen.

Da spielt auch Ihre Mutter eine wichtige Rolle, oder?

Naja, meine Mutter Emma war eine Arbeiterin, eine Kommunistin, eine kluge Frau übrigens. Sie hatte den bescheidenen Wunsch, dass ich meinen in Auschwitz ermordeten Vater räche, dass ich den Kommunismus aufbaue, wozu mein Vater ja nicht gekommen war, und dass ich die Menschheit rette. Diesen kleinen Gefallen wollte ich meiner Mutter natürlich tun. Und deswegen ging ich mit 16 Jahren 1953 in die DDR. Dort wollte ich lernen, wie man den Kommunismus aufbaut und das Paradies auf Erden schafft, in dem der Löwe Gras frisst.

Um die Kunst ging es noch gar nicht?

An Kunst habe ich damals überhaupt nicht gedacht. Ich bin nie auf die Idee gekommen, ich könnte mal ein Lied oder ein Gedicht schreiben. Ich bin das Gegenteil von einem geborenen Dichter. Ich bin ein Angelernter, ein Abgeguckter. Ich bekam 1955 einen Studienplatz für Wirtschaftswissenschaften in Berlin zugeteilt. Wenn ich damals nach Leipzig oder Dresden gekommen wäre, wäre mein ganzes Leben wahrscheinlich anders gelaufen. Aber so kam ich nach Berlin und geriet in den Sog des Berliner Ensembles, dem berühmtesten Theater der Welt damals, der Welt! Wegen Brecht. Keine Übertreibung! Gut, lange Geschichte kurz: Ich wurde an diesem Theater Regieassistent. Und wie ein kleiner Junge habe ich damals gedacht: Na ja, vielleicht kannst du das ja auch mal versuchen mit den Gedichten und Liedern.

Das erinnert an das sogenannte Imposter-Syndrom. Wenn man sich wie ein ewiger Auszubildender fühl t ...

Nein, nein, nein, dieses Syndrom habe ich nicht. Man kann nicht alles haben! Ich wusste nach dem Abitur nicht, was ich werden wollte, das kommt vor. Meine Mutter aber wusste genau, was ich werden wollte. Sie hatte mich in Gadebusch im Internat besucht, und weil sie keine Funktionärin war, hatte sie die normale Urteilskraft einer Arbeiterfrau, die in der Fabrik im Akkord gearbeitet hatte, und sie sah mit einem Blick: Die Wirtschaft funktioniert hier nicht. "Wolf, du musst das in Ordnung bringen!" Es klingt wie ein albernes Märchen und ist die komische Wahrheit. Und weil ich keine bessere Idee hatte, hab´ ich eben Wirtschaftswissenschaft in Berlin studiert. Aber dann hatte ich das riesige Glück, dass mich die Frau von Brecht, die Intendantin Helene Weigel, aus Gründen, die ich nicht ermessen kann, als Regieassistent ans Berliner Ensemble holte. Nie in meinem Leben vorher, aber auch nie nachher, habe ich so intensiv gelernt wie dort. Das war meine Universität. Aber nach zwei Jahren merkte ich, dass ich nochmal in Ruhe lernen muss, und zwar etwas, was ich selber wollte. Und studierte Philosophie und Mathe.

Aber Sie waren doch in Mathe eine Pfeif e ...

Pfeife ist stark untertrieben. Meine letzte Heldentat in Hamburg war eine Fünf in Mathe. Und die habe ich meiner armen Mutter vor die Nase halten müssen. Ich schämte mich natürlich. Meine Mutter hat geweint und sagte einen Satz, der mein Leben wirklich stark geprägt hat, den ich mir nie aus dem Gedächtnis habe reißen können. Sie sagte: "Dafür ist dein Vater in Auschwitz gestorben, dass du eine Fünf in Mathematik hast..." Und wie Sie schon dunkel ahnen, hat mich diese Auschwitz-Keule tief beeindruckt. Wer möchte schon seinen ermordeten Vater totschlagen? Mein Mathestudium habe ich dann mit 1,0 abgeschlossen.

Dafür hat Ihre Mutter Sie hoffentlich gelob t ...

(Mit dramatischer Geste) Nein! Und warum nicht? Aus mütterlichem Hochmut. Weil sie der Meinung war, ihr Sohn ist ein Genie. INTERVIEW: Jenny Mansch