Ausgabe 05/2026
Stolpern verboten

Demnächst heißt es an der Berliner Stadtgrenze "Willkommen im Kalifat". Seit die Linke am 20. September mit 25,7 Prozent stärkste Kraft wurde, drängt sich der Gedanke zumindest auf. Thorsten Alsleben, der Geschäftsführer der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft, wird auf X zitiert, die jungen Berlinerinnen hätten "das Kalifat gewählt. Burka statt bauchfrei". Maral Salmassi vom ZERA Institut postete "Was gerade in Berlin passiert, haben wir im Iran schon erlebt", als hätte Berlin den Schah gestürzt. Dabei war es nur die Hauptstadt-CDU. Ulf Poschardt, Ex-Herausgeber der Welt, faselt in einem Insta-Video von "hobbylosen, ehrenlosen, gottlosen Berlin-Mitte-Spacken" und ist sich sicher, SPD und Grüne würden in Berlin "die Hamas an die Macht bringen" und wir dann eine "Wiederkehr der DDR – und das mit arabischen Islamofaschisten an Bord" erleben. "Das Böse, wie es tanzt und lacht", kommentierte die BILD die feiernde und womöglich zukünftige Regierende Bürgermeisterin Elif Eralp, die Spitzenkandidatin der Linken. Und auch der Leiter des Spiegel-Reporterressorts, Felix Dachsel, prognostizierte auf X: "Berlin am Ende."
Hinter all dem steckt der Vorwurf, die Linkspartei sei ein Rudel von Antisemiten und – siehe Ulf P. – Islamofaschisten. Allein ein Blick zurück in den Religionsmonitor 2023 der Bertelsmann Stiftung offenbart, dass Antisemitismus ein gesamtgesellschaftliches Problem ist und war, nämlich auch schon vor dem Angriff der Hamas auf Israel und Israels anhaltend massive Reaktion darauf in Gaza: Jede fünfte Person in Deutschland (21 Prozent) stimmte demnach der Aussage zu, dass Jüd*innen zu viel Einfluss in der Welt hätten, gleiches gilt für die Anhänger*innen der Linkspartei; bei den AfD-Wähler*innen sind es 40 Prozent. Zudem: 43 beziehungsweise 44 Prozent der Anhängerschaft von CDU/CSU und SPD vertreten einen israelbezogenen Antisemitismus. Bei der FDP sind es 54 Prozent. Wie Ulf P. darauf kommt, die Berliner Linke sei "in nahezu jeder Hinsicht gefährlicher und radikaler" als die AfD in Mecklenburg-Vorpommern – keine Ahnung. Wozu es von ihm und anderen keinen Aufschrei gibt: Ein Österreicher (!) gründet in Sachsen-Anhalt nach der von der AfD gewonnenen Wahl dort ein "Institut für Remigration". Es handelt sich dabei um den Frontmann der Neuen Rechten, Martin Sellner, der mal Einreiseverbot in Deutschland hatte. Im sächsischen Heidenau verbietet der Stadtrat neue Stolpersteine, um der Nazi-Opfer zu gedenken, die CDU und AfD stimmen dem gemeinsam zu. Schon klar: In Berlin droht das Kalifat. In den AfD-Hochburgen stolpert man künftig lieber über nichts mehr. Petra Welzel